Zum EU-Gipfel lässt ZEIT ONLINE Stimmen aus europäischen Ländern zu Wort kommen. Elena Calistru ist eine rumänische Aktivistin und Mitgründerin der NGO "Funky Citizens".

Einst war Rumänien in die Europäische Union verliebt. Dann aber muss etwas passiert sein.  

Vielleicht helfen zu Beginn ein paar langweilige Zahlen, um es besser zu verstehen: Laut dem Eurobarometer der Europäischen Union vertrauten im Jahr 2006 gut 68 Prozent der Rumänen der EU. 2009 waren es noch 63, knapp zehn Jahre später, jetzt 2018, sind es nur noch 52 Prozent. Zugleich wuchs das Misstrauen der Rumänen. Vor dem EU-Beitritt 2006 waren 20 Prozent misstrauisch, heute sind es 41. Wie kann das sein? 

Ich habe nur drei Jahre im Kommunismus gelebt. Als ich klein war, erzählte mir mein Großvater ständig Geschichten. Im Zweiten Weltkrieg war er aus der heutigen Republik Moldau geflohen. Einige seiner Brüder waren im Krieg gestorben, er überlebte und baute sich ein Leben in Rumänien auf. Während des kommunistischen Regimes war er einer der vielen Tausend, die in menschenunwürdige Gefängnisse gesteckt wurden. Mein Großvater war auch einer der vielen Millionen Rumänen gewesen, die während dieser Zeit hofften, dass die Amerikaner kommen würden. Dass er eines Tages in einem freien Europa leben würde. Seine größte Stärke war, abgesehen von seinem Überlebenswillen, immer die Hoffnung. Dann kam die Revolution. Bis an sein Lebensende glaubte mein Großvater, die Zukunft werde gut. Er starb 2001, noch vor 9/11.

In den Übergangsjahren nach der Revolution von 1989 wurde es zunächst nicht viel besser. Die Inflation stieg rapide, die Lebensqualität der Durchschnittsrumänen war gering, das Land politisch instabil. Im Zuge der Privatisierung blühte die Korruption. Eine neue hybride Klasse kleptokratischer Geschäftsleute machte Deals mit Politikern. Oft kannten beide Gruppen sich aus der kommunistischen Partei, die das Land Jahrzehnte in Dunkelheit gehalten hatte. 

Viel versprochen, wenig gehalten

Man stelle sich eine Bevölkerung vor, die sieht, wie korrupt ihr eigenes Land geworden ist. Wie manche Menschen kurz nach dem Sturz des Kommunismus reicher und reicher werden, während die meisten Bürger kämpfen müssen. Wie so vielen anderen Rumänen wurde auch meinen Eltern jahrelang erzählt, dass diese Übergangszeit eines Tages enden würde. Und wie so viele andere waren meine Eltern überzeugt, sie seien eine Generation, die sich opfern müsse. Sie glaubten an eine bessere Zukunft, trotz der Lügen einiger Politiker und der Unerbittlichkeit einer kaputten Wirtschaft. Und sie hofften, ihre Kinder würden all das nicht mehr durchleiden müssen. Das war es, wofür sie sich opferten.  

Elena Calistru ist die Mitgründerin und Präsidentin der NGO "Funky Citizens". Sie lebt in Bukarest. © Privat

Der Beitritt in die Europäische Union war ein Ziel, das am Ende dieser Übergangszeit stand. Europa war eine wundervolle Vorstellung, der man nicht bloß sinnlos hinterherjagte, sondern die man tatsächlich verwirklichen konnte. Europa verkörperte den Traum zweier Generationen – die eine kannte es nur aus Radio Free Europe oder hatte in den verbotenen Büchern davon gelesen; die andere, der es besser ging, kannte den Traum von Europa schon aus bunten Fernsehserien, vielleicht sogar aus dem Urlaub. Ich glaube, viele der politisch Verantwortlichen hatten damals den Willen, zumindest einen Teil der Beitrittsauflagen zu erfüllen. Aber sie haben getan, was Politiker häufig tun: Sie haben viel versprochen und wenig davon gehalten.   

Dennoch wurde der EU-Beitritt Realität, und ja, Rumänien machte unglaubliche Fortschritte. Wirklich. Wirtschaftlich, gesellschaftlich, auch demokratisch. Nach mehr als zehn Jahren EU-Mitgliedschaft geht es Rumänien wesentlich besser als vor dem Beitritt. Es ist kein Vergleich zwischen dem, wo wir heute sind, und dem Land Anfang der Neunziger.