Wenngleich mir das Konzept des Verunsicherns vertraut war, schwitzte ich, während Günther Jauch meine Antworten infrage stellte. Es war das Jahr 2015, ich saß an einem Mittwochabend auf dem berühmten Stuhl des erschreckend heruntergekommenen Plexiglasstudios in Köln-Hürth und erklärte mich um Kopf und Kragen. Es ging um Steuerschulden, um – für mich – viel Geld und darum, mein Gesicht vor dem deutschen Privatfernsehpublikum zu wahren. Auf das mit Zweifeln behaftete Schweigen und Günther Jauchs Max-Mustermann-Blick reagierte ich wie ein sabbernder Pawlowscher Hund, der nicht auf einen Klick, sondern auf die Möglichkeit wartete, sich zur Belohnung erklären zu dürfen. 

Linda Rachel Sabiers lebt als Autorin und Texterin seit 2009 in Berlin, nachdem sie einige Zeit in Tel Aviv verbrachte. Mit ihren "Berliner Momentaufnahmen – Kurzgeschichten des urbanen Miteinanders" veranstaltet sie regelmäßig Lesungen. Ihre Texte sind in Magazinen und Anthologien zu lesen. Derzeit schreibt sie an einem Roman. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Laura Kaczmarek Photography

Tatsächlich ist mir dieser Abend nicht wegen des gewonnen Geldes in Erinnerung geblieben. Das irrsinnige Erlebnis mit Jauch verstärkte mein Bedürfnis, Entscheidungen und Handlungen in einem unverhältnismäßig großen Maß erklären zu wollen. Mit wachsender Verantwortung in meinem Berufsleben und als Mensch mit einem großen Freundeskreis tendiere ich dazu, viele Entscheidungen durch ellenlange Erklärungsschwalle zu verwässern. Was wahrscheinlich daher rührt, dass ich niemandem bewusst auf die Füße treten möchte. Je intensiver ich mich damit beschäftige, wer oder was von meiner Entscheidung betroffen sein könnte, desto eher erkläre ich mich vorab.

Bin ich damit allein? Leider nicht. In meinem engen Freundeskreis versammeln sich sehr unterschiedliche Frauen. Singles, Partnerinnen, berufstätige Mütter, Mütter mit Fulltime-Job zu Hause, Frauen, die sich gegen Kinder entschieden haben, Frauen, die Karriere machen und Frauen, die arbeiten, um ihre Reisen zu finanzieren. Was uns jedoch in all unserer Unterschiedlichkeit – mal stärker, mal schwächer – vereint, ist der Drang, sich in Momenten zu erklären, die eigentlich ohne Erklärung auskommen sollten. Wir erklären uns für persönlich motivierte oder von außen beeinflusste Entscheidungen – das beginnt mit der Absage eines Abendessens und endet bei der Erziehung der Kinder oder der Art, wie wir ein Meeting leiten. Wieso tun wir das? Ich versuchte, Antworten auf das Phänomen zu finden.

Bauchgefühl und Tagesform sind Grund genug

Zu den wichtigsten kognitiven Fähigkeiten eines Menschen gehört die Argumentation. Etwas zu wissen und etwas zu spüren wird mit zweierlei Maß gemessen, und Argumente werden als besonders gelungen empfunden, wenn sie sachlich und nachvollziehbar sind. In diesem Punkt ist sich unsere Gesellschaft nach wie vor einig, wenngleich die Wissenschaft dem seelischen Einfluss auf die Kognition mehr Einwirkung zuspricht, als dies gefühlt vor zehn Jahren noch der Fall war. Dennoch scheuen sich viele Frauen davor, die eigene Position ohne Erklärung in den Raum zu werfen. Die Angst davor, als egoistisch und postfaktisch wahrgenommen zu werden, spielt dabei eine große Rolle. Ich googelte nach der allgemeinen Assoziation des Gegenteils von kognitiv: emotional, unaufmerksam, vergesslich, unkreativ, planlos, orientierungslos, geistlos. Case closed? Nein.

Es lohnt sich, aktiv daran zu arbeiten, sich das Erklären zu verkneifen und unser Gegenüber dahingehend zu erziehen, dass Bauchgefühl und Tagesform gleichwertige Gründe für eine Entscheidung sind. Auf die Sätze "Ich möchte heute Abend nicht mitkommen" oder "Ich möchte am Wochenende nicht arbeiten" muss kein Komma folgen, ein Punkt tut es auch. Wieso in Erklärungsnot geraten, wo keine Not ist? Wer gehört werden möchte, muss sich klar ausdrücken. Manchmal sind die Dinge tatsächlich schwarz oder weiß, auch wenn wir dazu neigen, Grauzonen mit unserer Komfortzone zu verwechseln. Aber das ist nicht einfach in einer Welt, in der Entscheidungen, klare, kompromisslose Entscheidungen aus Frauenmündern selten akzeptiert werden, wenn ihnen kein Nachdruck verliehen wird. Hinter einem verbal gesetzten Satzende die Stille auszuhalten und zum nächsten Tagespunkt überzugehen, erfordert Standhaftigkeit.

Bei mir beobachte ich, dass Erklärungen ohne merkbaren Übergang zu Rechtfertigungen werden, sobald ich mich in zu vielen Weil-Sätzen verstricke. Wegen der eigenen Unsicherheit wird der Wert dieser oder jener Entscheidung entkräftet. Dabei interessiert sich die Person am anderen Ende des Kommunikationsstrangs mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht für das, was ich zu sagen habe. Ein Dreisatz aus Erklären, Rechtfertigen und Entschuldigen beginnt.

Ruhig mal Trump zitieren

Allgemein wird vermeintlich grundloses Handeln als unfair empfunden. Wir kennen dieses Gefühl aus unserer Kindheit, wenn unsere Eltern uns mit unumstößlichen Tatsachen konfrontierten: Weil das jetzt so ist. Weil ich es gesagt habe. Jede Form von Erklärung hätte den erzieherischen Effekt vermindert und eine Diskussion in Gang gesetzt, bei der die kindliche Neugier nach dem Wieso, Weshalb, Warum gewonnen hätte. Unnötiges und persönliche Entscheidungen herabwürdigendes Erklären wirkt kontraproduktiv auf die Erziehung unseres starken Ichs. Der Beziehung zu uns selbst hilft es, wenn wir uns mit liebevoller mütterlicher Strenge immer wieder selbst ermahnen, sobald wir in der Erklärphase hängen bleiben.

Das Phänomen "Erklären" wird Frauen weiterhin anhaften, solange sich die Palette der Kritik an weiblicher Lebensführung nicht auf ein erträgliches Minimum reduziert. Das erreichen wir nur, indem wir uns weniger mit der klassischen Konditionierung "Bauchgefühl gleich Postfakt" identifizieren und jenen ans Bein pinkeln, die uns zu sabberndem Erklären verführen. Indem wir uns gegenseitig die Hand auf die Schulter legen und uns beipflichten, dass ein einfaches Nein vollkommen ausreicht. Hier lohnt es sich tatsächlich, Donald Trump zu zitieren, was ich hiermit wahrscheinlich zum ersten und zugleich letzten Mal mache: "Drain the swamp" – lasst uns den Sumpf der Kritik austrocknen. Und das kann nur gelingen, wenn ich lerne, wenn wir lernen, unsere Entscheidung mehr wertzuschätzen und gleichzeitig weniger zu hinterfragen. Wenn wir lernen, hinter der persönlichen Entscheidung zu stehen wie ein Kabinett hinter seiner Kanzlerin.

Die Frauenbewegung mit einer immer stärker werdenden Stimme ist noch lange nicht an ihrem verdienten und längt überfälligen Ziel angekommen. Dabei sollte die Unart des Erklärens ausgeklammert werden. Es sollte reichen, zu sagen, was uns auf der Seele liegt, aber nicht, wieso es das tut. Verkürzte Erklärungen sind eine Abkürzung zum selbstbewussten Seelenfrieden. Oder anders: In meinem so feministisch wie möglichen Mezzosopran fordere ich: "Macht mal 'nen Punkt, Frauen!"