Gehen ist kinderleicht. Die meisten Menschen lernen es im Alter von einem Jahr, ungefähr zur selben Zeit, wenn sie zu sprechen beginnen. Aber anders als der Spracherwerb ist das Gehtraining schnell abgeschlossen. Mit etwa zwei Jahren ist jene Fortbewegungstechnik perfektioniert, die uns fortan relativ unverändert durchs Leben tragen wird: Auftreten, Abrollen, Abstoßen von der Erde, Heben des Schenkels, nächster Fuß. Gehen ist keine Kunst, es ist noch nicht einmal eine Sportart.

Gehen ist kein Kinderspiel. Es ist hochkompliziert. Über dem scheinbar so einfachen motorischen Akt erhebt sich ein Gebirge aus möglichen Signifikationen, symbolischen Gesten, stummen oder bisweilen auch weithin hörbaren Sprechakten. Je nachdem, wer wann wohin und in welcher Gesellschaft geht, wandert, marschiert, kann es fast alles bedeuten: Es kann ein spiritueller Akt sein, ein Pfad zu innerer Einkehr und Meditation, ein politisches Statement oder eine künstlerische Geste. Religion, Philosophie, Politik, Kunst: Alle wesentlichen Dimensionen des Menschseins werden von dieser Bewegung durchquert. Gehen wir sie gemeinsam ab, in mehr oder minder historischer Reihenfolge. Schritt für Schritt.

Pilgerschaft

Die wohl älteste Form der Wanderschaft, die nicht der blanken physischen Notwendigkeit – also der Jagd, der Nahrungs- oder Wohnortsuche – dient, ist die Pilgerschaft. Seit der Antike stellt dabei die Stadt Jerusalem das bedeutendste Pilgerziel dar: Es ist ein Wallfahrtsort für Anhänger aller drei großen Buchreligionen. Für Juden, weil sich dort – in Form der Klagemauer – die Überreste des zweiten Israelitischen Tempels befinden. Für Christen, weil es der Ort von Jesu Leiden, Tod und Auferstehung sein soll. Und für Muslime, weil der Prophet Mohammed vom Plateau des Tempelbergs aus seine Himmelfahrt angetreten haben soll, sein letzter Fußabdruck ist heute noch sichtbar. Ab dem achten Jahrhundert kam für christliche Pilger, als letzte Ruhestätte der Apostel Petrus und Paulus, noch Rom als Wallfahrtsziel hinzu. Etwas später das mutmaßliche Grab von Jakobus dem Älteren in Santiago de Compostela, das nicht zuletzt wegen des spektakulären Wegs über die Pyrenäen und der guten Infrastruktur heute von Gläubigen und Ungläubigen jeglicher Couleur angesteuert wird.

Dieser Artikel stammt aus dem "Philosophie Magazin" Nr. 10/2018. © Philosophie Magazin

Das Bestechende am Gedanken der Wallfahrt zu Fuß liegt darin, dass sie eine eigentlich schier unlösbare spirituelle Aufgabe in die Körperlichkeit überführt. "Eine Pilgerschaft macht es möglich, dass man sich physisch, durch die Anstrengungen des eigenen Körpers, Schritt für Schritt auf jene immateriellen spirituellen Ziele zubewegt, die sonst nur so schwer zu fassen sind", schreibt die amerikanische Kulturhistorikerin Rebecca Solnit in ihrem Buch "Wanderlust. A History of Walking": "Wir stehen immer vollkommen ratlos vor der Frage, wie man Vergebung oder Wiedergutmachung oder die Wahrheit erlangen kann – aber wir wissen, wie man von A nach B geht, ganz gleich wie beschwerlich der Weg auch sein mag." Anders gesagt: Die Pilgerwanderung konkretisiert ein Abstraktum; sie füllt eine geistige Aufgabe mit Knochen, Sehnen und Muskelmasse. Wer sich vier Wochen lang durch die glühende Hitze Galiziens bis nach Santiago geschunden hat, der kann sich plausibel einreden – ganz im Sinne des alten Seneca-Diktums per aspera ad astra –, dem Himmel ein klein wenig näher gekommen zu sein.

Philosophische Gedankengänge

Oder er hat sich zumindest, durch die körperlichen Strapazen der Wanderung, auch psychisch verändert. Das mystische Ideal des Pilgers, so der französische Philosoph Frédéric Gros, sei die innere Verwandlung – weshalb sich in der Nähe der Pilgerziele meist Quellen, Bäche oder Flüsse befinden. In sie kann der Pilger eintauchen, sich äußerlich und innerlich reinigen. Mit den Kleidern streift er sein überkommenes Selbst ab, das Wasser wäscht ihn von alten Fehlern rein, zusammen mit dem Schweiß und Staub des Tages. Dieser Prozess der Metamorphose und Regeneration mag in der Regel erst am Zielpunkt erreicht sein – er beginnt aber bereits unterwegs mit dem schleichenden Prozess des Selbstverlusts, der beim Wandern einsetzt. Mit der Reduktion des Gehenden auf seine Füße, seine Beine, sein urtümliches Dasein als anonymer homo viator, ein Wallfahrer unter vielen: Beruf, sozialer Stand, Titel und Nachname spielen auf dem Pilgerweg keine Rolle. Es geht beim Wandern also nicht darum, sein "wahres Selbst" zu finden, eine wie auch immer geartete Identität wiederzuerlangen. Es geht vielmehr darum, diese hinter sich zu lassen, ja, der Vorstellung, es gäbe so etwas wie ein authentisches Ich, zu entfliehen. Wenn wir mehrere Tage oder gar Wochen zu Fuß unterwegs sind, dann lassen wir nicht nur unser gewohntes Umfeld, sondern auch unsere sozialen Rollen, Codes und Masken zu Hause. Wir können uns (zumindest für die Dauer des Marschs) der Vorstellung hingeben, dass wir als neuer Mensch von unserer Wanderung zurückkehren werden.