Wolfgang Tillmans wurde 1968 in Remscheid geboren und zog Anfang der Neunzigerjahre nach London. Dort wurde er zu einem der wichtigsten Künstler seiner Generation. 2016 warb er gegen den Brexit, nun will er gemeinsam mit anderen Kunst- und Kulturschaffenden eine Pro-EU-Kampagne starten.

ZEIT ONLINE: Herr Tillmans, Ihr Leben haben Sie zu gleichen Teilen in Großbritannien und Deutschland verbracht. Viele Ihrer künstlerischen Arbeiten erzählen vom Leben in einer postnationalen, globalisierten Welt. Seit 2016 engagieren Sie sich direkt politisch. Warum?

Wolfgang Tillmans: Weil ich sah, dass in Großbritannien niemand bereit war, positiv über die EU zu sprechen. Ich fand plötzlich, das liberale Gesellschaftsmodell sei in Gefahr, das von vielen Menschen hart erkämpft worden ist. Der europäische Einigungsprozess hat mir so viel gegeben, sei es Frieden, seien es Möglichkeiten der Selbstentfaltung. Gesellschaftspolitisch hat sich in den letzten 50 Jahren so vieles zum Guten entwickelt, zum Beispiel, dass ich als Schwuler frei leben darf. Ich konnte nicht tatenlos zusehen, wenn die Institutionen der freien Welt, die das ermöglicht haben, zerlegt werden.

Als erster Fotograf und Nichtengländer gewann Wolfgang Tillmans im Jahr 2000 den britischen Turner Prize, einen der wichtigsten Kunstpreise überhaupt. © Anders Clausen

ZEIT ONLINE: Sie meinen ein liberales Gesellschafts- und Politikmodell, für das auch die Europäische Union steht. Wodurch ist es gefährdet?

Tillmans: Wir erleben gerade einen Frontalangriff auf die Werte der westlichen Welt. Es hat sich eine Antimoderne formiert, angeführt von vermeintlich starken Männern wie Putin, Erdoğan, Trump oder Orbán. Sie wollen die Politik des Verhandelns und des Kompromisses durch die Gesetze des Männlichen, des Stärkeren ersetzen. Im Frühjahr 2016 wurde mir die Tragweite dieses Angriffs bewusst. Deshalb habe ich mich kurzerhand entschieden, eine Anti-Brexit-Kampagne zu starten. Mit bescheidenen Mitteln gelang es mir und Mitstreitern, eine positive Sprache zur EU zu finden, die trotzdem nicht ausreichte, den Brexit abzuwenden. Mittlerweile ist Deutschland zum Schlachtfeld um die Deutungshoheit über die neue Welt geworden. Plötzlich werden Dinge sagbar, die berechtigterweise über Jahrzehnte nicht sagbar waren. Nationalismus wird wieder hoffähig, auch in den Parteien, die man lange als moderat bezeichnen konnte. All das geschieht, ohne dass die AfD auch nur ein Prozent ihrer Wählerstimmen verlieren würde.

ZEIT ONLINE: Mit den Architekten Rem Koolhaas und Stephan Petermann haben Sie Ende Mai in Amsterdam ein Treffen zu der Frage veranstaltet, wie man Europa "rebranden" könnte. Hat die Europäische Union nicht tiefere Probleme als eine gute Außendarstellung?

Tillmans: Unser Treffen war zunächst einmal eine Art Ideensammlung, ein gemeinsames Nachdenken: Wie kann man die Kommunikationsdefizite der EU ansprechen und verbessern, ohne dass es unterkomplex wird? Das Wort rebranding kam von den Veranstaltern des Festivals, das uns eingeladen hat. Es geht uns natürlich nicht darum, eine happy-clappy neue Flagge oder einen schönen Spruch für die EU zu entwickeln. Wir wollen die Vielfalt der Probleme erkennen, in denen die Europäische Union steckt, und uns fragen, wie man verteidigen kann, was uns unabdingbar erhaltenswert erscheint.

ZEIT ONLINE: Momentan scheint die EU vor allem durch grundsätzliche Divergenzen zwischen den Regierungen ihrer Mitgliedsländer gefährdet zu sein.

Tillmans: Ja, die EU hat tiefe Probleme, ist aber vor allem eine riesige Erfolgsgeschichte. Wenn man sich die Dynamik der vergangenen 20 Jahre anschaut, stellt man fest, dass ein erheblicher Teil der Schwierigkeiten daraus entstanden ist, dass nationale Politiker jederzeit das Gute, das durch die EU zustande kam, als ihr persönliches Verdienst dargestellt haben, dass sie aber alles Schwierige, all die Kompromisse, die dazugehören, auf die angeblich so störrische Maschinerie namens Brüssel abwälzen wollten. Die Kommunikationsprobleme der EU haben also schon eine politische Bedeutung. Dass die EU hauptsächlich mit Dingen wie der Krümmung von Gurken beschäftigt sei, solche Mythen hat Boris Johnson als Brüssel-Korrespondent des Daily Telegraph erfunden. Die EU hat sich gegen solche Lügengeschichten nie gewehrt.

ZEIT ONLINE: In Europa ist es eigentlich verpönt, wenn externe Politiker sich in die nationalen Angelegenheiten anderer einmischen. Die Eurokrise war vielleicht die erste große Ausnahme davon. Vor dem Brexit-Referendum haben Angela Merkel und Jean-Claude Juncker versucht, alles zu vermeiden, was als eine Beeinflussung der britischen Wähler hätte gedeutet werden können.

Tillmans: Die EU darf nicht für sich selbst als Institution werben. An diese Regel hat sie sich immer peinlich genau gehalten. Im Nachhinein kann man sagen, dass zu viel Zurückhaltung ein Fehler ist. Die Leute, die die EU kaputt machen wollen, halten sich auch an keine Regeln. Die Brexiteers haben unzulässige Spenden aus dem Ausland angenommen. Rechte Parteien wie der Front National haben Finanzverbindungen nach Russland. Bis vor Kurzem haben die liberalen Kräfte in Europa überhaupt nicht gemerkt, welche Wucht und Bestimmtheit hinter den weltweiten rechten Bewegungen steckt. Trotzdem gibt es Ermutigendes: Der Wahlkampf vor dem irischen Referendum über Frauenrechte wurde vom reaktionären Lager mit zehn Millionen Euro Spendengeldern aus den USA geführt. Die Progressisten hatten nur 500.000 Euro aus Crowdfunding. Sie haben trotzdem gewonnen.

ZEIT ONLINE: Hat sich die Haltung in der EU inzwischen geändert?

Tillmans: Im Jahr 2016 hat vieles verändert. Auch in den EU-Gremien herrscht inzwischen die Ansicht, dass es um alles geht, dass man Unwahrheiten endlich widersprechen muss. Ein Aspekt, auf den unsere Kampagne abzielen soll, ist die Wahlbeteiligung bei den Europawahlen im Mai 2019. Seit 1979 ist die Wahlbeteiligung bei Europawahlen kontinuierlich gesunken. Viele Europäer denken, diese Wahl sei unwichtig, das Parlament habe sowieso keine Macht. Aber das stimmt nicht. Das Europäische Parlament ist ein mittlerweile mächtiger Ort, an dem das, was in der EU schlecht läuft, verbessert werden kann, in dem Fortschritt aber auch verhindert werden kann. 20 bis 30 Prozent der EU-Abgeordneten sind schon heute europafeindlich eingestellt. Nationalisten und Feinde der EU werden mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Spektrum Trump bis Putin alles versuchen, um die EU in der nächsten Legislaturperiode vom Europaparlament aus zu zerstören.

ZEIT ONLINE: Worauf kann sich eine Pro-EU-Kampagne konzentrieren? Reicht es aus, sachliche Botschaften zu verbreiten, oder muss man Leute emotional ansprechen?

Es ist doch absurd, wenn zum Beispiel Vodafone behaupten kann, die Abschaffung der Roaminggebühren sei ein Service für ihre Kunden gewesen. Das hat allein die EU durchgesetzt.
Wolfgang Tillmans

Tillmans: Viele Kommunikationsexperten behaupten, die Leute interessierten sich nicht mehr für Fakten. Das will ich wirklich nicht glauben. Zunächst einmal wollen wir die Leute dazu auffordern, zur Europawahl zu gehen. Wenn sich die Wahlbeteiligung nur um fünf Prozent erhöhen würde, wäre das ein riesiger Erfolg. Zweitens wollen wir Fakten über die EU vermitteln. Es gibt absolut bahnbrechende Dinge, die nur durch die EU möglich geworden sind. Die müssen auch als Verdienste der EU dargestellt werden. Es ist doch absurd, wenn zum Beispiel Vodafone behaupten kann, die Abschaffung der Roaminggebühren sei ein Service für ihre Kunden gewesen. Das hat allein die EU durchgesetzt. Die EU ist der einzige Akteur, der derzeit weltweit versucht, Sozialstandards durch Handelsverträge zu erhöhen. Deshalb haben sich autoritäre Machthaber auch auf die EU eingeschossen. Putin und Trump wissen, dass die EU der einzige ernst zu nehmende Teilnehmer der Weltpolitik ist, der menschenrechtliche Kriterien zum Gegenstand internationaler Abkommen macht.