Meine Geschichte beginnt vor drei Jahren, an meinem Geburtstag. Ein paar Minuten nach Mitternacht klingelt mein Handy. Ich liege schon im Bett und habe keine Lust auf Glückwünsche. Dann klingelt das Festnetztelefon und mein Anrufbeantworter schaltet sich ein. "Caro, ich stehe vor deiner Tür, geh mal bitte ran." Die Stimme einer Freundin. Überrascht setze ich mich auf. Ich denke an eine nächtliche Geburtstagsüberraschung und bin gerührt. Ich öffne die Tür. "Du bist ja süß", setze ich an und stocke, als ich ihr Gesicht sehe. Sie weint. Ich bin mir nicht sicher, ob ich meine Freundin jemals vorher habe weinen sehen. "S. ist tot", sagt sie. "Er hat sich das Leben genommen."

Caroline Kraft war die vergangenen zehn Jahre in der Verlagsbranche tätig – in London, Frankfurt und Berlin, wo sie heute lebt und als PR- und Kommunikationsberaterin arbeitet. Sie ist ausgebildete Sterbebegleiterin und Mitgründerin des Podcasts "endlich. wir reden über den tod". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Michaela Philipzen

Der Tod meines Exfreundes ist eine einzige Leerstelle für mich. Nicht nur die Art, wie er gestorben ist, und die Fragen, die seine Todesumstände aufwerfen – auch alles, was danach folgt. Es ist schwierig, an Informationen zu kommen. In vielen Gesprächen mit verschiedenen Freunden setzt sich nach und nach ein vages Bild davon zusammen, was passiert ist. Ich höre, dass sein Leichnam noch nicht freigegeben wurde und habe keine Ahnung, was das bedeutet. Einige Zeit später, nachdem, wie es heißt, die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen sind, kommt seine Familie nach Berlin. Unserem Wunsch, ihn noch einmal zu sehen, entgegnet die Bestatterin mit den Sätzen: "Tun Sie sich das nicht an. Behalten Sie ihn so in Erinnerung, wie er war." Solche Sätze, denke ich heute, sollten verboten werden. Bei mir lösen sie eine Flut von Bildern aus.

Mein Kopf fängt an, die Leerstellen mit Bildern zu füllen. Ich male mir aus, wie er gefunden wurde, wie er jetzt aussieht, worin er transportiert, wohin er gebracht wurde, wie er dort liegt und was gerade mit ihm passiert. Es ist wie mein eigener Horrorfilm, über den ich keine Kontrolle habe, ein Film, der wieder und wieder abläuft, der immer neue Bilder produziert und nicht aufhören will. Ich googele. Ich will wissen, wie sein Körper aussieht, wie er riecht, welche Maschinerie sich nach seinem Tod in Gang gesetzt und wer ihn angefasst hat. Die Antworten sind diffus, die Ungewissheiten bleiben.

Ich fahre mehrere Male quer durch die Stadt bis zum Bestattungsinstitut in Zehlendorf, nur um hilflos von der anderen Straßenseite aus auf die Fassade zu starren. Irgendwann bekomme ich einen Anruf von seinem Bruder: Das Bestattungsinstitut hat uns wissen lassen, dass der Leichnam am Tag zuvor kremiert wurde. Für mich ist das ein Schock. Es fühlt sich an, als hätte ich die Nachricht seines Todes gerade ein zweites Mal bekommen. Ich kann nicht glauben, dass sein Körper verbrannt wurde, während ich mir die Zähne putzte oder ein Brot schmierte, einfach so, ohne dass irgendjemand Bescheid wusste, genauso allein, wie er gestorben ist.    

Ich bin am Leben. Er ist tot.

Wenn ein naher Mensch stirbt, brauchen wir Zeit, um zu begreifen. Für mich war die körperliche Seite des Todes immer schon unbegreiflich. Wie kann es sein, dass ein Mensch, den ich kenne, mit dem ich gesprochen und gelacht habe, jetzt in dieser Kiste liegen, dass seine Asche in diesem Gefäß sein soll? Was soll das überhaupt sein: seine Asche? Mein Exfreund ist nicht der erste Mensch, den ich in meinem Leben verloren habe, doch er ist der erste Mensch, dem ich auch körperlich nah gewesen bin. Ich glaube, dass diese Tatsache eine Rolle spielt, dass sie eben jene Fassungslosigkeit intensiviert. Der Tod und das Begehren passen nicht gut zusammen. Ich starre auf meine Hände, die sein Gesicht streichelten, denke an seine Hände, die ich so schön fand. Ich bin am Leben. Er ist tot. Mein Verstand arbeitet auf Hochtouren und mein Körper wird seltsam taub.

Ich gebe mir Zeit. Viel Zeit. Ich beschäftige mich mit dem Tod und der Trauer und spreche mit Menschen, die sich mit ähnlichen Themen auseinandersetzen. Die quälenden Bilder aber bleiben. Sie werden weniger, doch sie verschwinden nie ganz. Etwa anderthalb Jahre später stoße ich auf ein Interview mit einem jungen Bestatter, der als Quereinsteiger in der Branche angefangen hat. Er spricht von einer alternativen Bestatterszene, die transparent arbeitet und die Bedürfnisse der Angehörigen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt. Ich fange an zu recherchieren und stoße auf die Webseite des Berliner Bestatters Uller Gscheidel. Dort lese ich von Abschiednahmen, vom gemeinsamen Waschen und Ankleiden des Verstorbenen, vom Gestalten des Sarges und von begleiteter Kremation. Ich staune. Es scheint also auch ganz anders zu gehen.

Einige Stunden später habe ich alles gelesen, was ich zu diesem Thema finden kann. Ich erfahre, dass es eine neue Generation von Bestattern gibt, die sich, wie Uller Gscheidel, vor gut 15 Jahren aufgemacht hat, den Umgang mit dem Tod zu verändern und neue, zeitgemäße Rituale zu finden, die die Trauer positiv befördern. Die, ähnlich wie die Hospizbewegung, den Tod wieder mehr ins Leben integrieren und aus der Tabuzone herausholen will. Die die Angehörigen ermutigt, die Zeit zwischen dem Tod und der Beerdigung einer Person zu nutzen, um herauszufinden, was ihnen beim Abschiednehmen hilft. Mein Entschluss steht schnell fest: Ich will das alles mit eigenen Augen sehen.

Sterbebegleitung - »Ich will den Tod erleben« Von Verdrängung bis Vorfreude: Fünf Sterbebegleiter erzählen, wie sie auf den eigenen Tod blicken. © Foto: Ana-Marija Bilandzija