Die Digitalisierung des Buchmarkts ist im Vergleich zur Digitalisierung der Musikindustrie relativ schleppend verlaufen. Zwar wächst die Zahl der E-Book-Reader und E-Books. Doch haben sich Streaming-Angebote wie Netflix oder Spotify im Buchgeschäft noch nicht durchgesetzt. Man kauft noch immer einzelne Titel, seien es Hardcopys oder E-Books. Das soll sich nun ändern.  

Der Onlinehändler Amazon bewirbt derzeit seinen Dienst Kindle Unlimited – eine digitale Leihbücherei, auf der Abonnenten unbegrenzten Zugriff auf über eine Million E-Books und 2.000 Hörbücher erhalten, eine Art Flatrate fürs Lesen. Einzige Einschränkung: Es können nur zehn Bücher gleichzeitig ausgeliehen werden. Bis Ende Juli läuft eine Aktion, bei der Nutzer Kindle Unlimited drei Monate lang kostenlos testen können. Nach Ablauf des Aktionszeitraums kostet der Dienst 9,99 Euro monatlich. Amazon hofft, so neue Kunden zu gewinnen. Amazon-Prime-Mitglieder haben bereits die Möglichkeit, über den Dienst Prime Reading auf eine Auswahl von Büchern, Magazinen und Comics zuzugreifen. Das Angebot mit rund 1.000 monatlich wechselnden Werken ist jedoch begrenzt.

Kindle Unlimited ging bereits 2014 an den Start, konnte sich aber im Vergleich zum Video- und Musikstreaming-Angebot (Amazon Video und Music Unlimited) nie richtig durchsetzen. Zuletzt waren die Leserzahlen rückläufig. Mit der E-Book-Flatrate will Amazon nun die Verlagswelt angreifen. Und will dazu das Geschäftsmodell von Apple kopieren: Man schafft eine Plattform, auf der Produzenten beziehungsweise Autoren ihre Werke veröffentlichen und Nutzer Inhalte à la carte kaufen können. Dabei umgeht man Mittelsmänner wie Verlage und Produktionsfirmen, die Margen werden höher. "Cutting out the middleman" – das war bereits der antiinstitutionelle Schlachtruf des Whole Earth Catalog, der zur Pflichtlektüre der libertären Hippiebewegung gehörte.

Ein "Krebsgeschwür"

Am Buch verdienen viele mit: der Autor, der Verlag, die Druckerei, der Händler und nicht zuletzt der Staat. Durch die Plattformlösung ließe sich der Anteil für Amazon vergrößern. Apple etwa kassiert in seinem App Store 30 Prozent Provision auf den Verkauf von Apps. Amazon, das den Onlinebuchhandel in den USA und Europa dominiert, hat 2014 ein eigenes deutschsprachiges Verlagsprogramm für verschiedene Genres aufgelegt und ist damit zum Verleger geworden.

Mit einer Leseflatrate könnte Amazon noch mehr Anteile am Buchmarkt absorbieren. Dass die Verlage diese Pläne mit zunehmender Skepsis und Argwohn beäugen, ist offenkundig. Die Sorge ist, dass mit der Flatrate das Buch auch kulturell an Wert verliert. Mark Coker, Chef des E-Book-Distributors Smashwords, nannte Kindle Unlimited ein "Krebsgeschwür": "Es wird die gesamte Verlagsbranche unterminieren", sagte er dem Atlantic.

Kritik an Knebelverträgen gibt es schon lange. Die Verlagsgruppe Hachette trug einen langen Streit mit Amazon aus und konnte nur mit großer Mühe durchsetzen, die Preise seiner E-Books selbst festzulegen. Der kleine römische Verlag Edizioni e/o, der unter anderem die Bücher der Bestsellerautorin Elena Ferrante publiziert, lehnte Amazons Forderungen nach einem höheren Skonto (die Rede war von 50 Prozent Rabatt auf den Verkaufspreis) ab. Solche Fälle sind jedoch eher die Ausnahme.