Ihre sozialpolitische Passivität with a human face machte sie dem Milieu, das sie trug und trägt, wieder sympathischer, der kurze neoliberale Flirt von 2003 – Bierdeckelsteuerreform, Kopfpauschale in der Krankenversicherung, und besonders ironisch: Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67! – war schnell vergeben und vergessen. Und später ließ sich der ganz konkrete fiskalische Mehrwert, den der lange Aufschwung generierte, also die hohen Steuereinnahmen, einerseits dazu nutzen, Länderwiderstände gegen ihre Politik durch Bundeszuweisungen großzügig wegzufinanzieren, etwa mit hohen Flüchtlingspauschalen, oder es gab Raum für vielfältige sozialpolitische "Korrekturen": Mütterrente, Lebensleistungsrente, Rente mit 63 …, die ja beim Publikum auch immer gut ankommen. Das scheint mittlerweile sogar die einzig verbliebene Geschäftsgrundlage der Koalition geworden zu sein – zumindest der zwischen CDU und SPD. Der CSU reicht das Geldverteilen allein nun ja offensichtlich nicht mehr aus.

Auf der ersten, der sozioökonomischen Dimension der Politik also davon entlastet, irgendetwas Unpopuläres auch nur erwägen zu müssen, war der Weg frei für eine Abfolge ausgreifender linksliberaler Landnahmen, vornehmlich mit Themen auf der zweiten, der soziokulturellen Dimension. Und hier kommen wir dann zum systematischeren Teil der Antwort. Er ist ungleich wichtiger. Für Merkel, die ja nie über eine besondere Machtbasis in der Union verfügte und die ideologisch weit freier als ihre Partei flottierte, wurde nun die Öffentlichkeit zur wichtigsten Regierungsressource. Präziser: das, was in den Nullerjahren Öffentlichkeit geworden war. Denn deren Strukturwandel ermöglichte jetzt eine Quasi-Plebiszitierung der Politik, also das Regieren per jeweils aktuellen Zustimmungswerten.

Als vernünftig galt, was Merkel machte

In deren Zuge konnte sich zugleich ein neues Meinungsmacherinnentum etablieren: An die Stelle von Journalismus trat die Vorstellung, Politik sei eigentlich gar nicht mehr nach links und rechts, sondern nur noch nach Vernunft und Unvernunft kodiert; und die jeweils letzte Wendung aus dem Kanzleramt sei zwingend als Emanation ebenjener Vernunft zu verstehen. Beweis: die aktuellen Umfragewerte! Diese neue Kurzschlüssigkeit aus öffentlicher Meinung, Regierungshandeln und veröffentlichter Meinung wurde zu Merkels großer Verbündeten. Das Kanzleramt erschien als Garant geschmeidiger Rückkopplungen im Dienste des moralischen Selbstbilds weiter Teile der Mittelschicht. Bei diesem Publikum hielt dementsprechend ein neues Biedermeier Einzug: Warum eigentlich noch Wahlen und Parteien, wenn den eigenen Interessen auch so umfänglich gedient ist?

Die Union, ideologisch-programmatisch ohnehin flexibler als die oft dogmatische SPD, wurde also von Merkel jeweils quasi-plebiszitär gezwungen und folgte, wenngleich meist eher widerwillig, solange dieses Spiel bei Wahlen ausreichend gut funktionierte. Und das tat es eine ganze Weile auch bei sinkenden Stimmanteilen, denn der Niedergang der SPD hatte früher eingesetzt und war deshalb schon weiter fortgeschritten, sodass die Union in den Ländern selbst als zweiter Verlierer oft eine eigene Machtoption hatte, insbesondere mit den Grünen, die ja nun linkslibertär andockbar geworden waren. Von der Opposition war kein Widerstand zu erwarten. Sie war jeweils programmatisch umarmt – oder enteignet, je nachdem. Während Schröder sich mit sozial- und wirtschaftspolitischen Rechtsverschiebungen im bundesdeutschen Abstimmungsgefüge verheddert hatte, wurde die punktuelle Außerkraftsetzung dieses Gefüges durch gesellschaftspolitische Linksverschiebungen zu Merkels wichtigster Regierungstechnik.

Präsidentialisierung durch Krisen

Seit 2008 verstärkte schließlich der seitdem eigentlich permanente Krisenmodus europäischer Politik – Finanzkrise, Eurokrise, Grexit, dann die Flüchtlinge – und seine intergouvernementale Bearbeitung den Trend zur Präsidentialisierung des deutschen Regierungssystems. Im Modus des beständigen Krisenmanagements kam es zu einem außerordentlichen Machtzugewinn des Bundeskanzleramts, das auch schon zuvor durch die immer größere Bedeutung der europäischen Entscheidungsebene enorm an Einfluss gewonnen hatte. So wurde eigentlich zunehmend egal, wer gerade an Merkels Seite regierte, was erst die Westerwelle-FDP und dann die Gabriel-SPD in tiefe Depressionen stürzte.

Und was genau hat sich nun erschöpft an diesem Politikmodus? Nun – zum bleibenden Erbe von Merkels Kanzlerschaft wird man den Einzug der AfD in bislang 14 Länderparlamente, ins Europaparlament und schließlich auch in den Bundestag rechnen müssen. Damit sind weitere linkslibertäre Landnahmen ausgeschlossen. Das bedeutet bis auf Weiteres: Stillstand mit erhöhten Staatsausgaben. So ist es auch mit der Herrlichkeit als europäische Krisenmanagerin vorbei, und das nicht nur, weil in der EU zwischen Nord und Süd und Ost eigentlich kein gemeinsamer Nenner mehr zu finden ist (nicht zuletzt aufgrund von Merkels Entscheidung im September 2015). Nun sind selbst zu Hause Grenzen gesetzt: Hat sie eben noch in Meseburg Macron das Eurozonenbudget in die Hand versprochen, wird die Kanzlerin nun umgehend in den Koalitionsausschuss zum Rapport bestellt. Inwiefern Merkel noch auf Landesebene funktioniert, wird sich weniger in der Bayern-Wahl als vielmehr zwei Wochen später in Hessen zeigen. Das völlig geräuschlos regierende Schwarz-Grün hatte zuletzt in den Umfragen keine Mehrheit mehr, und das war vor dem katastrophalen Unionsstreit um die Asylpolitik.

Wenn man aber die tiefgreifende gesellschaftliche Polarisierung in Rechnung stellt, die dieser historischen Formation namens Merkel nicht von außen geschah, sondern die sie aus sich heraus, aus ihrem Politikmuster der je situativen "Vernünftigkeit" entwickelte, aus ihrer Ideologie des Post-Ideologischen, gibt es gute Gründe, ihr Ende nicht allzu sehr zu bedauern.