"Dann steig ich jetzt hier aus." Es sind Sommerferien, 2001 etwa, und meine Mutter faucht meinen Vater vom Beifahrersitz aus an. Ich bin neun Jahre alt und beobachte das Gestreite vom hinteren Sitz. Worum es geht, weiß ich nicht. Mein Bruder liegt neben mir und schläft, quer über der Mittelbank, zwischen Kopfkissen und Reisetaschen. Wir fahren durch Italien, und meiner Mutter reicht es. Meinem Vater auch. An einer staubigen Straße im Nirgendwo bremst er und sagt: "Dann geh doch." Meine Mutter, immer noch irre sauer über etwas wahrscheinlich völlig Banales, steigt aus, wir fahren weiter, meine Laune steigt. Die Mutter wütend am Straßenrand stehen lassen, irre, das Leben ist so geil. Ich bin wahnsinnig gut gelaunt. Jeden Tag passiert in diesem Bus etwas neues Aufregendes.

Es war ein alter VW-Bus, zuerst weiß, später, um den Rost zu kaschieren, grün angemalt. Er war unser mobiles Zuhause, jedes Jahr ein paar Wochen lang. Wir schliefen darin, kochten, lebten, spielten Doppelkopf. Mein Bruder und ich machten ihn vor allem dreckig. In jeder Ritze war Sand von irgendeinem spontanen Stopp an einer Mittelmeerküste, die Sitze waren verklebt von Haribos, im Fußraum lag ein Handfeger, der längst aufgegeben hatte.

Ich liebe Autos. Das war mal cool und ist es nicht mehr. Mittlerweile sind Autos ungefähr so cool wie Leute, die sich zum Entspannen in einen Massagestuhl im Mediamarkt setzen. Autos sind nicht umweltfreundlich, sie sind nicht zukunftsweisend, sie tragen eigentlich nichts zur Weltverbesserung bei. Autokonzerne nähern sich in ihrer Reputation immer mehr den Tabakherstellern an. Schon längst ist es kein gängiges Lebensziel mehr, ein eigenes Fahrzeug zu besitzen – es wird vor allem in den Großstädten zur Ausnahme. "Freie Fahrt für freie Bürger" meint heute eher den Ausbau von Radwegen als die Privatmotorisierung von Bürgern. Städte planen einen besseren Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, die Zukunft heißt Flugtaxi, nicht eigener, schmutziger Flug-Bulli. Ähnlich wie gesunde Ernährung ist das alles sicherlich sehr richtig. Und trotzdem schmecken Pringles einfach besser als Rote-Bete-Chips.

Als ich selbst einen Führerschein hatte, erbte ich ein kleines rotes Schrottauto, einen Hyundai Atos, der in meinem Freundeskreis respektvoll "Coladose" genannt wird. Mein Hund reckte seine Schnauze aus dem hinteren Fenster, das sich nicht mehr schließen ließ – meinen Eltern hatte ich erzählt, ich wolle mit ihm spazieren gehen, aus Faulheit fuhr ich mit ihm spazieren. Das Auto begleitete mich bis ins Studium, bis zu dem Tag, als wirklich gar nichts mehr ging und mein Vater es im Bulli hinter sich bis zur Schrottpresse schleppte. Da standen wir dann, Arm in Arm, während eine große Maschine unsere Coladose zerquetschte wie ein gelangweilter Jugendlicher. Abends weinte ich. Um mein Auto, das jetzt nicht mehr metaphorisch, sondern sehr real ein Haufen Schrott war.

Nun gibt es eine Million Carsharingdienste, mithilfe derer man im Sommer in einem grotesk sauberen BMW Cabrio zum See fahren kann, zumindest solange man in der Stadt wohnt und sich in seiner Freizeit gerne Carsharing-Apps runterlädt. Ich will diese Autos nicht. Sie haben Fenster, die verlässlich funktionieren. Sie haben Rauchen-verboten-Aufkleber auf dem Handschuhfach. Sie haben keine Seele. Sterile Leihautos bringen einen deutlich zuverlässiger zum Zielpunkt. Ein eigenes Auto macht den Weg zum Ziel. In meinem Auto kann ich nach Hause fahren und bin doch schon da.

Spagat zwischen totalem Spießertum und Anarchie

Gerade jetzt, da Besitz eigentlich nur noch aus Ratgebern besteht, in denen man lesen kann, warum man keinen Privatbesitz braucht und wie man clever ausmistet und minimalistisch lebt, ist das eigene Auto zu einem Ich-Kokon geworden, in dem Chaos herrschen darf. In dem man alte Robbie-Williams-CDs findet und plötzlich zu Come Undone hemmungslos weint. Auch das funktioniert übrigens deutlich besser als in der U-Bahn, wo einem immer gleich Omis besorgt Taschentücher reichen und Elias aus der 7b seinen Freunden zubrüllt: "Schau mal, die Alte ist ja megafertig."

Die Liebe zum eigenen Fahrzeug ist antiquiert und hoffnungslos und hat keine Zukunft, man hat kein gutes Gefühl dabei, aber so verhält es sich ja meistens mit der romantischen Liebe. In Zeiten, in denen sich kein Mensch noch eigenen Wohnraum leisten kann, ist das Auto ein bezahlbares Zuhause. Ein Zuhause, das einem jederzeit die Flucht ermöglicht. Das einem erlaubt, überall stehen zu bleiben, überall hinzufahren, ohne sich Sorgen über gemietete Kilometer oder die Brötchentüte auf dem Boden zu machen. Ein eigenes Auto ist der Spagat zwischen totalem Spießertum und Anarchie.

Besitz bedeutet dem Duden zufolge: etwas komplett vermüllen zu dürfen. Ich will mich nicht mit neuen Mobilitätskonzepten auseinandersetzen, ich hänge an meinem Auto, egal wie wenig ich es tatsächlich in der Stadt nutze. Es ist meins. Ein Ort, wo verschimmelte Badehosen friedlich neben Straßenatlanten von 1998 existieren können. Und natürlich ist diese Liebeserklärung ein großer Haufen Nostalgie, in dem Wissen, dass diese Beziehung wahrscheinlich nicht auf Dauer überleben kann.

Momentan fahre ich einen alten Diesel. Meistens steht er herum oder wird an gute Freunde verliehen. Freunde, das sind Leute, die mit verschimmelten Badehosen in Autos gut klarkommen.

Mein Vater hat meine Mutter übrigens nach einer halben Stunde wieder da abgeholt, wo sie sich hat rausschmeißen lassen. Sie ist wieder auf den Beifahrersitz geklettert. Es ist halt Liebe.

Frühere Kolumnen von Ronja von Rönne sind im Band "Heute ist leider schlecht" (S. Fischer, 2017) erschienen. Auf ZEIT ONLINE führt sie alle 14 Tage ihre Kolumne fort.