"Verraten Sie mir, was Sie nicht an sich mögen." Diesen Satz sagen Dr. McNamara und Dr. Troy in der Fernsehserie Nip/Tuck zu Beginn jeder Audienz in ihrer schönheitschirurgischen Praxis. Wie bei vielen Frauen Ende dreißig sind es bei mir gerade die ersten Falten. Da zwischen Nase und Mund, und auch da auf der Stirn. Je nach Lichteinfall treten sie stärker hervor, und wenn ich mich zu lange im Spiegel ansehe, dominieren sie mein Gesicht. Dann drehe ich meinen Kopf hin und her und wäge meine Optionen ab.

Das ist neu. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Schönheit keine Währung und Weiblichsein nicht mit viel Arbeitsaufwand verbunden war. Meine Freundinnen ketteten sich lieber an Zäune, um Castor-Transporte aufzuhalten, als sich zurechtzumachen. Und meine Mutter hatte ihren BH schon in den Siebzigerjahren in die Tonne getreten und dabei gleich noch Schminke und anderem Klimbim für immer entsagt. Ich dagegen verbrachte viele Stunden vor dem Spiegel und fühlte mich gleich doppelt schlecht. Denn während ich meine Outfits zusammenstellte und meine pubertäre Haut skeptisch inspizierte (ohne je zum gewünschten Ergebnis zu kommen), war ich mir immer schmerzlich bewusst, dass ich meine Zeit auch mit weniger oberflächlichen Tätigkeiten verbringen könnte.

Heute kann ich weder die Schönheitsindustrie mit ihren extremen Idealen gutheißen, noch möchte ich auf Mode und Make-up als Ausdrucksmittel verzichten. Aber als ich von einer Freundin eingeladen werde, an einer Marktforschungsstudie teilzunehmen, die mit einem Botox-Gutschein als Belohnung lockt, gehe ich hin. Kann man sich ja mal anschauen. So als Touristin, mit etwas selbstironischem Abstand.

Lisa Andergassen ist Medienwissenschaftlerin und freie Autorin. Sie beschäftigt sich insbesondere mit dem Verhältnis von Fotografie und digitaler Kultur, feministischer Theorie und Porn Studies. Sie lehrt und forscht an der FH und Universität Potsdam und ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

In einem der schöneren alten Gebäude in Berlin kommen wir zusammen. Jüngere und ältere Frauen, mit viel Einkommen oder weniger. In den nächsten drei Stunden werden wir aufgefordert sein, unseren Senf zu allen möglichen Details eines Businessmodells dazuzugeben. Die Leiterin der Marktforschungsgruppe erscheint mir mit ihrem dunkelblauen Velourslederkleid und locker eingedrehten Haaren wie eine Kreuzung aus Anwältin und Blumenmädchen. Ihre Geschäftsidee: ein Botox-Studio aufmachen, in dem man sich mal eben, zwischen Businesslunch und dem nächsten Termin, die Stirn glätten oder Falten unterspritzen lassen kann. Genauso unaufgeregt, als ginge man zum Friseur oder zur Maniküre. Damit möchte sie eine neue Zielgruppe ansprechen. Nämlich Frauen, die wissen, was sie wollen, und sich nicht beschämt in einem Hinterhaus behandeln lassen, sondern hocherhobenen Hauptes in das zur Straße hin gelegene Studio marschieren. Offensives Botoxen, so ihre Schlussfolgerung, kann irgendwie auch ermächtigend sein.

Alle Anwesenden haben ihre eigenen kleinen Narrative, mit denen sie ihre Teilnahme begründen. Während die eine über Umwege (Botox gegen Migräne) an das Thema herangeführt wurde, sind sich andere schon mit 23 bewusst, dass sie ihre glatte Haut nicht dem Zufall überlassen können. Ich selbst fühle mich einfach nur alt, schreibe aufmerksam Kosmetiktipps mit und höre mich während der folgenden Befragungsrunden mehrmals das Wort "natürlich" benutzen – als gewünschten Effekt der diskutierten Maßnahmen. So weit, so harmlos. Der erwartete Kulturschock stellt sich erst ein, als es um das Personal des zukünftigen Studios geht.

Die vier bis fünf Frauen, die das Gespräch dominieren, sind nicht so sehr an marktwirtschaftlichen Konzepten weiblicher Ermächtigung interessiert, sondern fordern normkonforme Körper auf allen Ebenen: Ärzte, die "nicht mal ihr Gewicht kontrollieren können" (also übergewichtig sind), erweckten den Anschein fachlicher Inkompetenz. Ausländische Akzente am Empfang senkten das allgemeine Niveau und ließen das Ambiente "billig" wirken. Mitarbeiter*innen sollten nicht nur gepflegt, sondern auch wirklich gut aussehen, und das Alter der Empfangsdamen sollte möglichst (weit) unter dreißig liegen, damit die Kundin nicht gleich im Eingangsbereich an die eigene Vergänglichkeit erinnert wird. Weil keiner mehr ein Blatt vor den Mund nimmt ("Seid jetzt mal ganz ehrlich!"), wird es langsam handfest diskriminierend.