Vor zwei Jahren kam ich zum ersten Mal nach Berlin. Ich war in einer WG im sogenannten Afrikanischen Viertel im Wedding untergekommen, jenem Viertel, in dem die Straßen nach verschiedenen afrikanischen Ländern benannt sind. Obwohl mir diese Straßennamen durchaus aufgefallen waren, blieb mir ihre historische und politische Relevanz dennoch verborgen und so radelte ich die Lüderitzstraße rauf und runter, traf mich gänzlich unbedarft mit Freunden in der Guineastraße und ging zum Essen in die Kongostraße, während ich den Sommer in der Stadt genoss.

Gouri Sharma ist eine freie Journalistin aus London, die momentan in Berlin lebt. Zuvor hat sie in der Produktion einer wöchentlichen medienkritischen Show bei Al Jazeera und als Journalistin in Indien gearbeitet. Ihre Hauptthemen sind Kultur, Identität und Zeitgeschehen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Mittlerweile haben sich einige Dinge verändert, aber vor allem habe ich inzwischen viel über dieses Thema dazugelernt. Zum Beispiel, dass die jüngsten Diskussionen um das Afrikanische Viertel in Berlin nur ein kleiner Teil einer viel größeren Kampagne sind, deren Ziel es ist, dass Deutschland sich endlich seinen Kolonialverbrechen stellt und den Prozess der Dekolonisation beginnt.

Für die Artikel, die ich seitdem geschrieben habe, habe ich Hamburgs Kolonialhafen besucht, habe Menschen getroffen, deren Vorfahren von deutschen Machthabern getötet wurden und habe Interviews mit Vertretern großer Kulturinstitutionen geführt, die mir das Gefühl vermittelten, dass sie sich vor allem wünschten, die Bewegung möge bald verstummen. Nun, da diese Kampagne wirklich Fahrt aufnimmt, ist es wichtig, sich noch einmal vor Augen zu führen, worum es ihr wirklich geht. Und da gibt es zwei Dinge, derer ich mir absolut sicher bin. Erstens: Die antikoloniale Bewegung in Deutschland wird erstarken. Und zweitens: Die Zeiten, in denen Deutschland sich der Auseinandersetzung mit diesem gewalttätigen, bislang wenig beachteten Abschnitt seiner eigenen Geschichte entziehen konnte, sind vorbei.

Je tiefer ich mich in dieses Thema eingearbeitet habe, umso klarer wurde mir, wie wenig die meisten Deutschen wissen. Nur sehr wenige sind sich darüber bewusst, dass ihr Heimatland bis zu seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg eine der größten europäischen Kolonialmächte in Afrika war. Zu den deutschen Kolonien gehörten Namibia, Tansania und Kamerun, um an dieser Stelle nur ein paar zu erwähnen. Noch weniger Menschen in Deutschland wissen, dass Deutschlands erster Kanzler, Otto von Bismarck, eine entscheidende Rolle bei der Verteilung afrikanischer Länder unter den europäischen Großmächten spielte, als er im ausgehenden 19. Jahrhundert zur Berliner Konferenz – als Höhepunkt des sogenannten Wettlaufs um Afrika – einlud, bei der die Grenzen auf dem afrikanischen Kontinent definiert wurden, die teilweise bis heute Bestand haben. Sogar einige der Gräueltaten, wie der Mord an nahezu 100.000 Mitgliedern der Ovaherero- und Nama-Stämme in Namibia, der heute offiziell als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts gilt, oder der Diebstahl menschlicher Schädel zu "wissenschaftlichen", ja eher rassistischen Zwecken, sind der deutschen Bevölkerung weitgehend unbekannt. 

Diejenigen, die tatsächlich Bescheid wissen, entscheiden sich im Gespräch in der Regel für eine von zwei Argumentationslinien – entweder versuchen sie, die Gräueltaten kleinzureden, weil sie angeblich weniger schlimm gewesen seien, als die von den Briten oder Franzosen begangenen Verbrechen, oder sie weisen gleich jegliche Verantwortung von sich, weil es doch nur eine kurze Phase gewesen sei (die Hochzeit der deutschen Kolonialherrschaft dauerte ungefähr 35 Jahre).

Um endlich etwas an diesem Missstand zu ändern, begann sich 2016 eine starke Bürgerbewegung zu formieren. Ein loses Netzwerk aus Menschen in Berlin, Hamburg, München und Köln auf der einen und Namibia, Tansania, Kamerun und Togo auf der anderen Seite, darunter Aktivisten, Historikerinnen, Journalisten und eine wachsende Zahl an Studentinnen. Im Laufe der vergangenen zwei Jahre haben sie Proteste, Konferenzen, Petitionen und Märsche organisiert, um Aufmerksamkeit auf ihr Anliegen zu lenken. Und tatsächlich haben sie bereits erste Erfolge zu verzeichnen.

Straßennamen - Rassismus auf Straßenschildern Seit Jahren fordern Interessengruppen die Umbenennung der Berliner Mohrenstraße. Ein Experte von der Geschichtswerkstatt schlägt eine andere Lösung vor. Eine Videoreportage © Foto: Thabo Thindi