Die Französin ist hierzulande stets eine Projektionsfläche. Ich weiß das, denn ich bin selbst eine. Und immer, wenn ich das erzähle, merke ich, wie in meinem Gegenüber, egal welchen Geschlechts, sofort die üblichen Bilder hochkommen. Französinnen sind sexy und modebewusst, sie sind begnadete Schauspielerinnen und ehrgeizige Managerinnen. Doch vor allem sind sie Superfrauen, die einfach alles perfekt hinkriegen: Karriere, Liebe und Familie.

Cécile Calla © privat

Diese gern erzählte Legende, die zugegeben von den Französinnen selbst genährt wird, könnte bald verblassen. Denn es gibt immer mehr Frauen in Frankreich, die diesem Idealbild kritisch gegenüberstehen und versuchen, ihr Leben anders zu leben: Entweder verschieben sie die Entscheidung für Kinder auf später oder wollen erst gar keinen Nachwuchs. Manche leben ganz ohne Partner – Phänomene, die überall in der westlichen Welt immer mehr Verbreitung finden. Nur werden solche Lebensmodelle in Frankreich immer noch tabuisiert.

Die Norm wird zum Verhängnis

Genau diesen Missstand möchte die Journalistin Myriam Levain ändern und hat letzten Mai das Buch Et toi tu t'y mets quand? veröffentlicht – auf Deutsch: "Und wann legst du los?" Darin erzählt sie über ihr ambivalentes Gefühl gegenüber der Mutterschaft, die Dauererschöpfung ihrer Freundinnen, die schon Kinder haben, und ihre Entscheidung, ihre Eizellen in Barcelona einfrieren zu lassen (das Einfrieren von Eizellen ist in Frankreich verboten, außer es besteht eine medizinische Indikation).

Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung des Buchs könnte nicht passender sein. Seit drei Jahren sinkt die Zahl der Geburten in Frankreich, von 818.565 im Jahr 2014 auf 767.000 im Jahr 2017, die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau fiel von 1,99 auf 1,88. Vor allem junge Frauen zwischen 24 und 35 Jahren sind für diese Entwicklung verantwortlich. Damit ist Frankreich zwar nach wie vor eines der geburtenreichsten Länder Europas, aber etwas scheint sich zu verändern. Viele Experten ziehen die Wirtschaftskrise der letzten Jahre als Grund heran. Doch das reicht als Erklärung nicht aus. Myriam Levain verweist in diesem Zusammenhang vor allem auf die französische Norm, Karriere zu machen und gleichzeitig zwei bis drei Kinder aufzuziehen. Ist nicht gerade diese Norm zum Verhängnis für viele Frauen geworden?

Ganz neu ist das Thema übrigens nicht. Bereits 1987 veröffentlichte die Journalistin Michèle Fitoussi ein Buch über die Überforderung der Superfrauen (Le ras-le-bol des superwomen, auf Deutsch: "Zum Teufel mit den Superfrauen: Die Sucht nach Perfektion"), das die negativen Folgen der Emanzipation beleuchtet. Etwa die Tatsache, dass Frauen nicht nur zu Hause und als Mutter, sondern auch in ihrem Beruf und in der Liebe perfekt sein müssen. Das Buch wurde ein Bestseller. Dennoch blieben Politik und Gesellschaft tatenlos.