"Ich möchte den Apostel Paul zitieren und seinen klaren und weisen Befehl im Römerbrief 13, den Gesetzen der Regierung zu folgen, welche von Gott zu diesem Zweck bestimmt worden ist." Diesen Satz sagte der US-Justizminister Jeff Sessions am 14. Juni in Fort Wayne in Indiana. Es war ein Versuch, die christlichen Kritiker der Regierungspolitik zu beschwichtigen. Verschiedene US-Regierungsstellen versuchten damals noch zu leugnen, dass an der Grenze zu Mexiko systematisch Kinder von ihren Eltern getrennt wurden. Doch seit April galt die Nulltoleranzregelung: Alle illegal Eingereisten wurden verhaftet und angeklagt. Wer mit seinen Kindern einreiste, wurde von diesen getrennt. "Illegale Einreise in die USA ist ein Verbrechen", sagte der gläubige Methodist Sessions, und Verbrechen müsse man bestrafen. Die konsistente und faire Anwendung des Gesetzes sei an sich gut und moralisch, so habe Gott es gewollt.

Gott wolle es so, das ist ein Argument, mit dem man in den USA Politik begründen kann. Wie sehr Religion und Politik in den USA verquickt sind, sieht man an Veranstaltungen wie dem Freedom Sunday. Am 24. Juni bat der Baptistenprediger Robert Jeffress zu einem patriotischen Gottesdienst in seine Megachurch nach Dallas in Texas. Stars und Stripes schmückten die ganze Kirche, Veteranen in Uniform salutierten. In seiner Predigt stellte Jeffress fest: Die USA seien eine christliche Nation. Ohne den rechten Glauben würde die amerikanische Gesellschaft zugrunde gehen: "Wenn unsere Nation sich von Gott abwendet, dann kann auch keine geschriebene Verfassung in unserem Land noch für Ordnung sorgen."

Die christlichste Regierung der jüngeren Geschichte

Jeffress ist keine Randfigur. Über Fernseh- und Radioübertragungen erreicht er ein Millionenpublikum, vor allem aber hat er einen direkten Draht ins Weiße Haus. Er betet mit Trump, berät ihn in Glaubensfragen. Er hielt die Predigt, die Trump besuchte, bevor er seinen Amtseid schwor. Trump, das sagte Jeffress einmal, sei ein "Geschenk Gottes, der das Land heilen wolle". 

Man kann Trumps Regierung sicherlich als eine der christlichsten der jüngeren Geschichte bezeichnen. Neben Jeff Sessions sind Außenminister Mike Pompeo, Bildungsministerin Betsy DeVos und vor allem der Vizepräsident Mike Pence evangelikale Christen und dezidiert christliche Politiker, ebenso der Minister für Stadtentwicklung und Wohnungsbau Ben Carson und der Energieminister Rick Perry. Viele Kabinettsmitglieder sind Mitglieder eines wöchentlichen Bibelkreises, einer Tradition, die seit 100 Jahren keine amerikanische Regierung mehr gepflegt hat.

Evangelikalismus als wachsende Massenbewegung

Konservative Christen sitzen nicht nur in der Regierung, sie sind auch Trumps vielleicht wichtigster Rückhalt in der Bevölkerung. "Ich glaube, dass Gottes Hand eingegriffen hat, um die gottlose, atheistisch progressive Agenda daran zu hindern, die Kontrolle zu übernehmen", twitterte der einflussreiche evangelikale Prediger Franklin Graham nach der Wahl. Weiße evangelikale Christen stimmten zu 81 Prozent für Trump, aber die Persönlichkeit des Präsidenten sorgt dafür, dass die Allianz zwischen rechter Macht und weißem Christentum weniger selbstverständlich ist als noch unter George W. Bush. Auch Donald Trumps engste Unterstützer geben zu, dass er als Person den Ansprüchen christlicher Moral nicht genüge. Über seine sexuelle Untreue und seine Prahlereien über sexuellen Missbrauch weiß jeder Bescheid.

Evangelikalismus ist eine wachsende Massenreligion, mehr als 40 Prozent der US-Amerikaner bezeichnen sich Gallup-Umfragen zufolge selbst als evangelikal. Sie stehen in einer langen Tradition amerikanischer Freikirchen, die eine wortwörtliche Auslegung der Bibel und eine unmittelbare, von Erweckungserlebnissen geprägte Beziehung zu Jesus vertreten. Evangelikal zu sein ist eine Zuschreibung, die sich im Prinzip jeder Getaufte selbst geben kann. Es ist aber auch eine Bezeichnung, die viele größere Kirchen für sich in Anspruch nehmen, darunter die Methodisten und Baptisten in den Vereinigten Staaten, aber auch Teile der Anglikaner in Großbritannien. Baptistische Megachurches in texanischen Suburbs, afroamerikanische Kirchen in Chicago, harte Fundamentalisten, die selbst eine weltliche Erziehung in staatlichen Schulen für ihre Kinder ablehnen, sie alle finden Platz unter dem Label evangelikal.