Lange hatten wir es wirklich schön miteinander, Facebook und ich. Ich freute mich über Eindrücke aus dem Alltag jener Freunde, die mittlerweile in Kanada, Kenia oder Kopenhagen leben, über Fotos von Babybäuchen und Tipps für neue Bars. Ich teilte Artikel aus ausländischen Zeitungen, entdeckte Body-Positivity-Videos, diskutierte mit Männern und Frauen über #MeToo und mobilisierte meinen Münchner Kreis zur Demo gegen Fremdenfeindlichkeit. Ich fragte den Schwarm nach Riads in Marrakesch oder empfahl einer Bekannten mit steifem Nacken meine zaubernde Osteopathin. Ich machte Werbung für Magazine, an denen ich mitgearbeitet hatte, feilte an vermeintlich witzigen Posts und Kommentaren und gab ein bisschen an mit Selfies von prominenten Interviewpartnern. Facebook, so mein Gefühl, bot mir Anregung, Austausch und Futter für den Kopf,  journalistische Fingerübungen und manchmal sogar so etwas wie soziale Wärme

Nina Berendonk arbeitet als Redakteurin und Autorin in München. Bei der "Süddeutschen Zeitung" hat sie angefangen, heute leitet sie das Gesellschafts-Ressort der Zeitschrift "Donna". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Johanna Link

"Ich kann mir meine Welt dort ja selbst zusammenbauen", erklärte ich meiner skeptischen Mutter einmal das Konzept der Facebook-Freundschaften und gelikten Newsseiten. Denn genau das tat ich seit meiner ersten Anmeldung 2010. Menschen mit politisch fragwürdiger Haltung und Verschwörungstheoretiker flogen sofort von meiner Freundesliste; in Fällen, in denen noch Hoffnung bestand, versuchte ich es zunächst mit kritischen Nachfragen und zum Teil scharfen Diskussionen. Allzu brutale Videos und Bilder – Schlachthof- oder Pelztierfarmszenen – boykottierte ich mit dem Ich-möchte-das-nicht-sehen-Button, auch wenn ich mit den Überzeugung dahinter übereinstimmte. Doch, so mochte ich meine große, bunte Facebook-Blase.

Meistens. Denn es gab auch damals schon Menschen in meiner Kontaktliste, die auf den ersten Blick harmlos wirkten, mich am Ende aber unglaublich irritierten. Weil sie es schafften, mich für den Moment in ihre Alltagsbanalität zu verstricken: Wozu soll ich mir das Mittagessen einer Berliner Schriftstellerin angucken? Ich mag ihre Bücher – was interessiert mich ihr Linsen-Burger? Warum scheinen einige wirklich fähige Geschäftsfrauen zu denken, sie hätten nur dann richtig "genetworked", wenn sich danach ein Gruppenfoto mit Champagner in den sozialen Medien findet? Und wieso postet eine hochintelligente Journalistin mit Anfang 40 ständig ihre – zugegeben: sehr schönen – Knie?          

Ich erinnere mich gut an diese Knie, weil ihre Besitzerin die Erste war, die ich aufgrund von wachsender Irritation entfreundete, meine Beweggründe dafür aber vorher erklärte. Ja, irgendwie versuchte ich damals wirklich noch, Facebook zu einem besseren Ort zu machen. Die Kollegin reagierte frostig: "Wenn du meinst. Für mich ist das hier alles nur ein großer Spaß." In Klammern: Du humorlose, neidische Kuh. Mag sein, ich hätte auch gern so samtig braune Haut. Doch war das nicht der einzige Grund, warum mich ihre Selbstbespiegelung und das Komplimentefischen so enervierte. Es war auch die Tatsache, dass das Banale, Eitle bei Facebook überhandnahm und mir den Spaß an intelligenter Unterhaltung und wirklich spannenden Debatten verdarb.

Die rausgeschmissenen Knie waren nur der Anfang. Als mir Facebook vor einer Weile die Liste jener Kontakte zur Prüfung einblendete, von denen "du eine Pause eingelegt hast, Nina", staunte ich über die Anzahl. Aber doch, klar, da war die Bekannte, die fast täglich die altklugen Kommentare ihres Siebenjährigen gepostet hatte. Die Freundin, die sich gerade vom Vater ihrer Kinder getrennt hatte, mir das (zusammen mit 345 Facebook-Freunden) mittels eines Posts mitteilte und danach Beileidskommentare zurückkommentierte. Oder der nicht unwichtige PR-Kontakt, der sich neulich allen Ernstes auf dem Münchner Südfriedhof getaggt hat, samt weinendem Smiley und der Mitteilung, dass er gerade – Echtzeit, Leute – seinen Schwiegervater beerdigt.