Das sind nur Nippel, keine Außerirdischen – Seite 1

Von Zeit zu Zeit, wenn mir eben danach ist und ich ein Date mit mir habe, in einem schönen Café, suche ich mir ein Frauenmagazin raus, weil ich gerne Sozialstudien am eigenen Leib betreibe. Ich gucke mir diese Frauenmagazinüberfrauen genauer an. Ich frage mich, ob ich einen Stromschlag bekommen würde, wenn ich an deren Haut lecken würde. Sie erinnern mich an die Frauen von Stepford, bloß mit Karriere.

Dann werde ich zu so einer Art Kamikazekämpferin und mache das, was ich nicht machen sollte: ein Selfie. Obwohl ich zufrieden mit mir bin, äußerlich und innerlich, fange ich an, mich mit den Frauen, die ich dort sehe und die mir ähnlich sind, zu vergleichen. Es frustriert mich. Ich sehe mein Doppelkinn, meine nicht alpinaweißen Zähne und meine melancholischen Ostblock-Tschechow-Gesichtszüge, die es nicht zulassen, dass ich auf Fotos süß-nett aussehe. Ich lache auch selten, weil ich eine große schiefe Nase hab, die noch größer wird, wenn ich gute Laune habe.

Mateja Meded studierte an der Filmuniversität Babelsberg. Sie arbeitet als Schauspielerin. Zurzeit macht sie gerade ihren ersten Langfilm fertig, "Berlin Harlekin". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Hannes Caspar

Auf einmal bin ich nicht genug. Die Mathematik der unrealistischen Mediengleichung lautet nämlich: sexy dünne (weiße) junge Frau = glückliches erfolgreiches Leben = Perfektion. Ich will auch, dass mir die Sonne aus dem Arsch scheint, also fange ich an zu googeln: beste SchönheitschirurgInnen in Berlin. Nachdem ich die fünf besten ChirurgInnen gefunden habe, wechselt meine Aufmerksamkeit zwischen meinem Gesichtsselfie und den Interneterfahrungsberichten der operierten KundInnen. Ich fühle mich wie zersägt. Meine Cellulite und Hängetitten lachen mich aus, mit meinem Doppelkinn schaue ich aus wie ein Truthahn, meine Nasenhaare und mein Damenbart bilden eine Einheit und meine ausgewachsene mediterrane Beinbehaarung verhindert, dass ich mich sexy fühle.

In den fünf bis zehn Minuten, in denen ich dieses Lifestylemagazin durchschnüffle, versuchen meine unkontrollierbaren Blitzgedanken auf einer Hochgeschwindigkeitseinbahnstraße im Gehirn, mein Leben zu jenem Grad der Perfektion voranzupeitschen, das in der Frauenzeitschriften-Werbe-Porno-Friede-Freude-Eierkuchen-Plastikwelt propagiert wird. Doch bevor ich dem Perfektionswahn komplett verfalle, steigt eine Erinnerung in mir hoch: Ich bin klein, etwa acht Jahre alt und mit meiner Mama und unseren Freunden am Strand. Sie ist oben ohne, und ihre Brüste sehen aus wie zwei längliche, alte, leergesaugte und plattgedrückte Ledertaschen. Sie steht im Sonnengegenlicht mit ihrem dicken Cellulite-Po, Hängetitten und Pizzabauch. Alles an ihr ist schön, wie sie laut lacht, wie sie sich bewegt, wie wohl sie sich in ihrer Haut fühlt. Diese Szene mit meiner Mutter im Mittelpunkt, umgeben von Familie und Freunden, die gemeinsam Volleyball spielen, am Strand sitzen und lachend dem Sonnenuntergang zusehen, wäre perfekt für eine Bierwerbung gewesen. Doch meine Mutter und die anderen um sie herum hätten zu menschlich ausgesehen für ein Werbeplakat.

In der Werbung sagen Frauen sehr verführerisch unwichtige Sätze wie: "Dieser Joghurt hat nur 1 Prozent Fett." Manchmal sagen sie auch gar nichts und sind nur ein perfekt gestriegeltes Körperteil. Die Promifrauen in der Gala verraten ihre liebsten Rezepte oder dienen als Bügel für Designerkleider. Gefeierte Beauty-Youtuberinnen sind die neuen Hausiererinnen, die Teenager animieren, diesen neuen Limited-Edition-MAC-Lippenstift zu kaufen, um – Simsalabim – noch perfekter zu sein. Doch wenn der Status der Frau hauptsächlich über ihr Aussehen definiert wird, wird es unwichtig, was sie sagt, sie wird zum leblosen Ding, das weder denken noch reden kann, aber sexy ist.

Der weibliche Körper ist eine wirtschaftlich und moralisch erschlossene Kolonie. Wenn eine Frau nur einen geringen Teil ihres Körpers bedeckt, gilt sie als Schlampe, und wenn sie bewusst zum Hijab greift, gilt sie als unfeministisch, und man hat Angst vor ihr und ihrer Kultur. Oberflächliche Richtlinien bestimmen den Status der Frau, alles außerhalb dieser Grenzen wird als unweiblich oder unrein angesehen.

Meine dominanten und freiheitsliebenden Brüste

Als ich in die Pubertät kam, fing mein Körper zum ersten Mal an zu schwitzen, Haare sprossen und ich entdeckte meine Sexualität. Meine Haare waren unweigerlich mit meiner Sexualität verbunden. Ich habe meine Beinhaare immer abrasiert, weil das "normal" ist. Wenn Stoppeln sichtbar wurden, wurde das als eklig diffamiert, damals in der Schule. Denn Frauen mit "Busch" seien unhygienisch, übelriechend, Alt-68er und untervögelt.

Der weibliche Körper ist nur erträglich, wenn er domestiziert wird. Dabei unterscheidet sich mein Körper gar nicht so sehr von einem männlichen. Ich habe auch Haare auf der Brust, allerdings nur ein paar um den Warzenhof. Einer der größten Unterschiede ist, dass Frauen BHs tragen und nicht oben ohne durch die Stadt laufen dürfen. Meine dominanten und freiheitsliebenden Brüste erlauben mir aber nicht das Tragen eines Büstenhalters. Sie wollen hin und her schlackern, atmen, abhängen bzw. rumhängen oder einfach nur friedlich vor sich hinhängen und meinen Brustkorb als Chaiselongue benutzen. Sie wollen nicht eingesperrt, hochgepusht und schön drapiert werden, ihr Endgegner ist nicht die Erdanziehungskraft, sondern ein einengender BH. Ich beobachte immer wieder, wie Menschen meine Nippel anstarren, die sich unter dem T-Shirt abzeichnen. Manchmal werden sie so sehr angestarrt, dass ich denke: Baby, das sind nur Nippel, keine Außerirdischen.

Die Unterdrückung des Weiblichen hat eine lange Tradition, die mit Symbolen und Geschichten korreliert. Schon in der griechischen Mythologie gibt es Frauen, deren Sexualität eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt, zum Beispiel Medusa. Ihr Haupt ist die Vagina und die Schlangen stehen für die Schambehaarung. Wenn eine Schlange abgeschlagen wird, wächst eine neue nach, und wenn man der Medusa ins Gesicht schaut, stirbt man. Das bedeutet: Das weibliche Geschlecht ist tabu. Ein anderes Beispiel ist die Vagina dentata, die Männer mordet und kastriert.

Ich werde meine Brüste nicht leugnen, genauso wenig werde ich meine Sexualität leugnen, was nicht leicht ist, denn seit ich denken kann, prasseln Bilder auf mich ein, die mir erzählen, wie weibliche Sexualität funktioniert und was Frausein angeblich ist. Und ja, nicht jede Frau ist eine Feministin, nicht jeder Mann ist kein Feminist. Frauen sollen nicht perfekt sein, sondern mutig. Mut haben, ihren Intellekt und Humor zu zeigen, Mut haben, das Tier in sich zu entdecken, Mut haben, sich die gleichen Rechte herauszunehmen, die Männer schon längst haben, Mut haben, ihren Körper vollkommen zu verhüllen oder zu enthüllen. Mut haben, unangenehm für die Gesellschaft zu werden, denn Frauen, die denken, gelten als gefährlich, und deswegen werden sie als arrogant, anstrengend, zu laut oder verrückt abgestempelt: die heutige Form der Hexenverbrennung. Wenn auf der ganzen Welt Frauen aufwachen und ihre Schönheit erkennen würden, ginge eine Milliardenindustrie zugrunde und der Prozess wäre weniger anstrengend, den eigenen Körper zu entdecken und – zu respektieren.