Gelesen habe ich viel. Erst das, was die Kinder- und Jugendbuchecke der Stadtbücherei hergab, später das, was hinten bei den Erwachsenen stand. Ich war noch lange nicht erwachsen und war mir nicht sicher, ob ich dort hinten etwas verloren hatte. Am Ausgang aber wurde meine Ausleihkarte kommentarlos blau gestempelt, Rückgabe in vier Wochen. Die Bibliothekarin interessierte sich nicht für das, was ich mit nach Hause nahm. Auch meine Eltern nicht, sie lasen kaum. Die zehn, fünfzehn Bücher, die im Wohnzimmerschrank standen, standen dort, weil ein Schrank dafür da war, um Dinge hineinzustellen. Die marmorne Zigarettenschatulle für Gäste zum Beispiel, die Figur eines Schäfers mit zwei Lämmchen, die je nach Wetterlage ihre Farbe verändern. Oder die Flasche Birnenschnaps mit echter Birne im Bauch, Williams. Den Schnaps trank niemand, und als er sich dunkelgelb färbte, warf ihn meine Mutter in den Müll. Auch die Bücher staubten langsam ein.

Meine Freude an Büchern ist mir geblieben, vor allem der Hunger nach Wissen. Und doch überkommt mich immer wieder das Gefühl, nicht zu begreifen, worum es geht – worüber die anderen sprechen, wovon die Rede am Tisch ist. In Gesellschaft von Menschen, von deren Berufen und Alltag ich wirklich nichts verstehe, passiert das nicht. Mir ist klar, dass ich nichts übers Programmieren oder Wundenvernähen weiß. Das Gefühl, nicht mithalten zu können, packt mich dann, wenn ich unter meinesgleichen bin: Journalisten, Schriftstellern, Akademikern. Alles, was ich weiß, verblasst neben der vermeintlichen Kennerschaft und dem Wissen der anderen, und ich komme mir vor, als täte ich nur so, als wäre ich eine von ihnen. Meine Freundin Divya Ghelani ist britische Schriftstellerin, ihre Eltern stammen aus Indien, und sie weiß, wovon ich rede. Kürzlich schickte sie mir einen Text aus der New York Times, in dem die Journalistin Kristin Wong das impostor syndrome erklärt, in Deutschland spricht man vom Hochstapler-Syndrom: Trotz hoher akademischer und beruflicher Leistungen sind die Betroffenen davon überzeugt, dass sie anderen nur etwas vormachen und weder intelligent noch fähig sind, berufliche oder andere Anforderungen angemessen zu erfüllen. Die ersten Studien dazu wurden 1978 in den USA durchgeführt. Divya und ich waren wie angefixt.

Dilek Güngör, geboren 1972, ist stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift "Kulturaustausch". Sie schreibt Romane und Theaterstücke und arbeitet gerade an einem neuen Buch. Dilek Güngör ist Gastautorin von "10 nach 8". © Julia Fischer

Ich war eine gute Schülerin, oft sehr gut, eine gute Studentin, auch meine Diplomarbeit kann sich sehen lassen. Manches, was ich als Journalistin und Autorin veröffentlicht habe, war gut, noch viel mehr ganz ordentlich, und hin und wieder gab es Texte, die mir große Ankerkennung einbrachten. Trotzdem zweifle ich an der Kapazität meines Gehirns, an meiner Wahrnehmung, an der Verlässlichkeit meines Gedächtnisses. Ich traue nicht mal meinen Notizen. Sage ich 47 Millionen und ein anderer sagt, es waren 45 Millionen – Einwohner, Euro, Autos, was auch immer, bin ich sofort bereit, an meiner Zahl zu zweifeln. Ich zweifle selbst an Dingen, die ich sicher weiß. Das Geburtsdatum meines Mannes und der Kinder, sie entschwinden mir für eine Sekunde am Check-in-Schalter vom Flughafen. Weil ich anderen so eilfertig größere Zuverlässigkeit zuspreche als mir selbst, verwechsle ich vieles: Juni und Juli, 17 Uhr und 7 Uhr, ich fahre um 13 Uhr zum Bahnhof, um meine Freundin vom Zug abzuholen. Aber der kommt, ach, stimmt ja, erst um 15 Uhr, drei und dreizehn. Ich verlaufe mich in der Stadt, in der ich seit zwanzig Jahren lebe, ich steige in die falsche Bahn und ich brauche mindestens zwei Versuche, bis ich die Mail mit Anhang verschicke.

Und ich wundere mich nicht.

Ich bin nicht von hier. Zugezogen, eingebürgert, aufgestiegen. Alles, was ich kann und habe, kam nachträglich und auf Umwegen. Selbst meine Staatsangehörigkeit: Ich musste erst einen Antrag auf Einbürgerung stellen. Zu- und an- und ein-, für alles braucht es Präfixe und manchmal Bindestriche, ohne wäre es nicht richtig, unzureichend und geschummelt. Vielleicht tue ich also wirklich nur so als ob.

Wenn mir etwas gelingt, dann muss Glück im Spiel gewesen sein, auch diesen Gedanken finde ich in den Studien über das Impostor-Syndrom. Die Eins für meine Diplomarbeit gab es wahrscheinlich nur, weil mich mein Professor mochte. Mein erster Roman hat sich gut verkauft, aber schön, türkische Familie, Integration – ist halt Dauerthema und in irgendeiner Gemeinde ist immer gerade interkulturelle Woche. Ich warte immer noch auf den Moment, in dem alles auffliegt. Es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis einer kommt, gründlich schaut und dann nur Durchschnittlichkeit findet. Oder nicht mal das. Als Ausgleich biete ich ein strahlendes Lächeln, Herzlichkeit, Charme und "südländisches Temperament". Denn ist es nicht das, was man an mir schätzt?

Bei den meisten deutschen Kindern in meiner Klasse und meinen Kommilitonen war das Wissen einfach da, qua Herkunft, aus erster Hand. Davon war ich überzeugt. Meine Freunde wussten, wohin man den Dessertlöffel legt, wie Buchenblätter aussehen, wie man einen Fahrradreifen wechselt, was man am Palmsonntag macht oder wie man Streuselkuchen backt. Ihr Wissen kam aus verlässlicher Quelle: von den Eltern, den Großeltern, aus dem Deutschsein, aus der Familientradition. Selbst wenn die Tradition nur darin bestand, dass das Stück Rinderbraten beim Mittagessen für den Vater war. Ihre Traditionen hatten etwas Althergebrachtes, das sich von Generation zu Generation vererbte, weil es sich bewährt hatte und einen Wert darstellte. Bei uns zu Hause gab es nichts Wertvolles, weder materiell noch ideell, so schien es mir. Die Wohnung, die Möbel, die Sprache, die Religion, selbst die Eltern waren irgendwie verkehrt. Das Wort Tradition hatte für mich nichts mit bewahrten Werten zu tun, sondern stand, und tut es noch, für Rückständigkeit, Folklore und naive Gastfreundschaft.

Das Impostor-Syndrom setzt all diese Zweifel in greifbare Kontexte. Der amerikanische Bildungsforscher Kevin O. Cokley von der University of Texas hat kürzlich in einer Studie beschrieben, dass das Phänomen vor allem afroamerikanischen Studenten, people of color und Angehörigen von Minderheiten zu schaffen macht. Cokley und seine Kollegen sehen einen klaren Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung von Diskriminierung und dem Gefühl der Hochstapelei. Wer ohnehin schon wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat, leidet stärker unter Angstzuständen und Depressionen, die durch Diskriminierung ausgelöst wurden, und traut sich weniger zu. Psychologen raten Menschen, denen es so geht, ihr "Geheimnis" öffentlich zu machen. Und tatsächlich ist das Verstehen der Zusammenhänge ungemein erleichternd und verschafft Klarheit.

Es ist beruhigend, die Ursache der eigenen Unsicherheit zu kennen. Aber auch erschreckend, wie subtil Diskriminierung und mangelnde Anerkennung das Selbstbild über Jahre prägen können. Die Lücke zwischen meiner Wahrnehmung und der neuen Erkenntnis zu schließen, ist nicht einfach. Wie lange wird es dauern, bis aus dem Verstehen ein Begreifen wird, bis es richtig in mich einsinkt? In manchen Momenten blitzt da schon ein Gefühl von Gleichheit, von Ebenbürtigkeit auf. Auch andere verschicken Mails ohne Anhang, auch andere vergessen Namen und verwechseln Jahreszahlen, und manchmal vergessen sie gleich das ganze Flugticket zu Hause. Ich weiß. Und ich weiß auch: Der Bluff wird nicht auffliegen, weil es ja keinen gibt.