Osnabrück steht immer mal wieder auf Platz 1 der lebenswertesten deutschen Städte. Zusammen mit Maan Moussli fahre ich durch gemütliche westdeutsche Straßen, die so richtig viel Zufriedenheit ausstrahlen. Schon zum zweiten Mal sind der syrische Filmemacher und ich zusammen auf der Suche nach Alltagsgeschichten von Geflüchteten. Als wir vor einem Haus mit ausschließlich migrantischen Bewohnern parken, habe ich der Stadt ihre Gemütlichkeit fast schon abgekauft. Erst drinnen frage ich mich, wie gerecht die Osnabrücker ihr Glück denn wohl eigentlich aufteilen. Ein paar Tische und Stühle stehen verloren im großen Wohnzimmer, der spärliche Besitz von drei jungen sudanesischen Männern liegt in ein paar wenigen Kisten am Rand. Doch Abdelmajeed Abdallah lehnt mit breitem Grinsen in der Tür seiner neuen Wohnung und wirkt, ja doch, zufrieden.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin "Comtemporary And". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Maan kennt Abdelmajeed, weil er ihn für einen Film interviewt hat, die meisten anderen Geflüchteten in Osnabrück kennen ihn auch. Bei fast allen Veranstaltungen, die hier für Neuankömmlinge organisiert werden, taucht er auf. Abdelmajeed hat deutsche, syrische und sudanesische Freunde, versteht sich mit allen. Und vor allem versteht er sich darauf, die Freunde aufzumuntern – auch wenn er weiß, dass die Zukunft für ihn und die anderen nicht vielversprechend aussieht. In dem kleinen Zimmer der WG, das er diese Woche bezieht, steht das, was seinen Optimismus antreibt, gleich auf Augenhöhe: eine Sammlung aus Pokalen und Trophäen, die er bereits ordentlich auf einem Regal sortiert hat. Hier ein Marathon, da ein Zehnkilometerlauf, oft ist er unter den ersten Drei. Die Urkunden von den nicht ganz so guten Wettkämpfen liegen in der Schublade.

Bis vor dreieinhalb Jahren, als Abdelmajeed nach Deutschland kommt, bedeutet "Laufen" für ihn, den Weg vom Elternhaus zur Werkstatt zurückzulegen, die er mit seinem Cousin in der kleinen Provinzstadt Sannar im Sudan betreibt. Das Konzept Freizeitsport ist ihm fremd. Doch auf einmal sitzt er in Osnabrück, als Dissident aus dem Sudan geflohen, ohne Job oder geklärten Asylstatus, sprachlos. Er weiß, dass er die nächsten Jahre bleiben wird, die politische Situation in seiner Heimat wird sich so schnell nicht verbessern. Doch was er hier mit sich machen soll, das weiß er nicht. Als die Untätigkeit nach vier Monaten unerträglich wird, zieht er seine Turnschuhe an, um eine Runde um den See zu drehen – so machen die Deutschen es schließlich auch. Nach fünfzehn Kilometern hat er bleischwere Beine und eine Leidenschaft entdeckt.

Die erste Siegerehrung erinnert Abdelmajeed als ein einziges Rauschen, er weiß nur noch, wie das Gefühl der Anspannung, das zu seinem neuen Alltag gehört, einen Moment lang verschwindet und von überwältigendem Stolz ersetzt wird: Schulterklopfen, Präsentkörbe, Anerkennung. Damals ist er 24 und ein halbes Jahr in Deutschland. Er hat sich einer Laufgruppe für Geflüchtete und Deutsche in Osnabrück angeschlossen, zusammen starten sie bei verschiedenen Läufen in kleineren Städten, mittlerweile läuft nur noch Abdelmajeed. "Das Gefühl, zu gewinnen, war etwas, was ich noch nie zuvor erlebt habe", sagt er und streichelt seine Urkunden. Bei der niedersächsischen Landesmeisterschaft hat er den achten Platz belegt. Für einen Kaltstart-Athleten wie ihn eine unglaubliche Leistung, mittlerweile trainiert er mit einigen der besten Läufer seines Bundeslandes. Er weiß, dass er zu alt ist für die ganz großen Ziele. Trotzdem wird er bei den deutschen Meisterschaften außer Konkurrenz mitlaufen, träumt von Olympia. Denn auf keinen Fall will Abdelmajeed wieder tatenlos rumsitzen – bloß nicht wieder stehen bleiben.