Abdelmajeed und seine Auszeichnungen © Maan Mouslli

Doch an diesem Nachmittag steht er etwas irritiert vor einer Minigolfbahn. Neben ihm eine Grundschullehrerin und eine Jurastudentin aus Bagdad, Mitarbeiter des Flüchtlingszentrums Exil, Maan und ich. Jeden Sonntag organisiert der Verein Ausflüge für Geflüchtete, in der Regel ist Abdelmajeed mit großem Enthusiasmus dabei. Nur jetzt flucht er. Er flucht, weil der Ball nicht rein will ins verdammte Loch, weil es so aussieht, als würde ein anderer den ersten Platz machen und weil er nicht gern verliert. Als er Zweiter wird, lacht er und sagt: "Im Laufen schlag’ ich Euch alle." Denn das ist der eine Trumpf, den er im Ärmel trägt. Das Talent, an dem er sich an schlechten Tagen festhält. Dann, wenn wieder mal eine seiner Bewerbungen abgelehnt wird. Wenn er den Deutschtest wiederholen muss, weil es beim ersten Mal daneben ging. Wenn er daran denkt, dass die fehlende Ausbildung ihn noch lange davon abhalten wird, hier als Automechaniker zu arbeiten – in dem Job, den er im Sudan fast zehn Jahre lang ausgeübt hat.

Also steht Abdelmajeed morgens auf und läuft 25 Kilometer, jeden Tag. Wenn er durch den Wald läuft, trifft er auf Menschen mit Pulsmessern und teuren Turnschuhen. Manche laufen, um sich zu spüren, andere um Grenzen auszutesten, wieder andere, um der Bewegungslosigkeit des Alltags etwas entgegenzusetzen. Sie laufen vorbei an Abdelmajeed, manchmal grüßt man einander. Glückliche Osnabrücker, die ein Leben in weitgehend stabilen Strukturen und Verpflichtungen mit ein wenig Ausgleichssport unterbrechen. Und dann Abdelmajeed, für den das Laufen die einzige Stabilität ist. Bis vor Kurzem hat er mit Andreas Landwehr trainiert, doch der ist ihm mittlerweile zu langsam. Der 49-Jährige ist Sportlehrer und hat die Laufgruppe betreut, mit der alles begann für Abdelmajeed. So haben sie sich angefreundet.

"Abdelmajeed will alles wissen über die deutsche Gesellschaft", sagt Andreas. "Wie wir ticken, worüber wir lachen, was unsere Tabus sind." Er selbst fragt vorsichtiger nach, will nicht aufdringlich sein mit seiner Neugier über Abdelmajeeds altes Leben, die Fluchtumstände. Doch auch davon hat er ihm irgendwann erzählt. Es war einer dieser Konflikte, von denen man in Deutschland kaum hört. Die sudanesische Regierung hatte Landenteignungen in Khartum und den ländlichen Provinzen angeordnet, junge Leute gingen dagegen auf die Straße, einige wurden erschossen, andere landeten im Gefängnis. Sechs Monate saß Abdelmajeed in Haft, über die Umstände spricht er nicht, nur über seinen Ausbruch. "Tagsüber mussten wir auf den Feldern Sesam ernten, und eines Tages hatten wir Glück mit einem schläfrigen Aufseher", erzählt er auf dem Weg zum Training. Zusammen mit ein paar Zellengenossen lief er ihm damals davon. Zwei Tage lang zu Fuß, bis ein Auto sie aufgabelte, in die Hauptstadt mitnahm und einige von ihnen auf unsicheren Wegen nach Europa gelangten.

Abdelmajeed wollte nie weg aus dem Sudan. Jetzt steht er am Rubbenbruchsee in Osnabrück. Das Minigolfspiel scheint vergessen, er ist längst beim nächsten Wettkampf. Bevor er losläuft um den See, erzählt er, wie er sich bei einem Rennen mal verlaufen hat. Wie er einen zwei Kilometer langen Umweg gemacht hat und am Ende trotzdem auf dem Siegerpodest stand. "Umwege sind da, um zu beweisen, dass man trotzdem ankommt", sagt er. Würde er sich von ihnen aufhalten lassen, könnte er sich ja auch nicht zu den glücklichen Osnabrückern dazu zählen. Und irgendwie tut er das.

Der Text und die Fotos sind im Rahmen des WIR MACHEN DAS-Tandemprojekts "Wir sind Viele. Geschichten aus der Einwanderungsgesellschaft" entstanden. Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.