Eigentlich müsste man dem Kompliment ein Kompliment machen. Seit Jahrhunderten eröffnet es Gespräche, macht aus Fremden Freunde, motiviert Kinder zu öden Beschäftigungen wie Mandalas malen, schafft Zärtlichkeit und Respekt und stärkt politische Bündnisse. Das Kompliment ist das Pattex des Miteinanders, eine der wenigen Umgangsformen, über die man sich über jede Gesellschaftsschicht und politische Einstellung hinweg einig ist. Oder war.

Plötzlich scheint das Kompliment eine äußerst waghalsige Unternehmung geworden zu sein, die Risikosportart unter den Kommunikationsformen. Einfach rüberlaufen und dem kleinen Mädchen sagen, dass es aber "ein sehr schönes Kleidchen" anhat, kann ja durchaus missverstanden werden.

Manche Männer wissen nicht mehr weiter und fragen sich auf Twitter, warum sich Frauen nicht mehr über "ein megageiles Fahrgestell hast du" freuen würden. Die armen Männer. Die armen Frauen. Und vor allem: das arme Kompliment, das doch eigentlich nichts verbrochen hat.

Mit dem Kompliment verhält es sich ein bisschen wie mit Pasta: Eigentlich kann man so viel nicht verkehrt machen, und die Zubereitung ist simpel. Trotzdem ist ein schlechtes Kompliment zur falschen Zeit eben keine frische Arrabiata, sondern eher matschige Dosenravioli mit Ketchup, die einem nicht auf einem Teller serviert, sondern einfach ins Gesicht geworfen werden. Und während sich der eine die Pampe vom Gesicht wischt und fragt, was zur Hölle gerade passiert ist, steht der Koch ratlos da und fragt sich, warum der Gast nicht dankbar ist – er wollte doch nur jemandem eine Freude machen. Am Ende sind beide höchst irritiert. 

"Deine Haut ist weich"

Vielleicht ist das Internet schuld, die sozialen Netzwerke, in denen seelenlose Du-bist-sooooooooo-schöns verteilt werden wie Strafzettel in der Münchner Innenstadt und man ansonsten versucht, seinem Gegenüber mit Wikipedia-Links klar zu machen, was für ein unterinformiertes Arschloch es ist.

Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich mit Komplimenten keine Mühe gibt. Obwohl es so einfach wäre.

Es gibt eigentlich nur drei Dinge zu beachten: Erstens sollte man das Kompliment verteilen, weil man es verteilen will, nicht weil man "die Geile von gegenüber klarmachen" will. Sondern weil man dem Fremden auf der Straße mitteilen möchte, wie schön seine Lederschuhe sind. Weil man der Kollegin deutlich machen möchte, wie beneidenswert effizient sie arbeitet, während man selbst vor Excel-Tabellen Weinkrämpfe bekommt. Weil man dem Mann verständlich machen will, dass er der Schönste für einen ist, jeden Tag, und ihn jedes graue Haar noch ein bisschen schöner macht, obwohl noch schöner doch völlig unmöglich ist.

Zweitens sollte das Kompliment nicht von Websites wie maennlichkeit-staerken.de stammen, wo irrlichternden Geschlechtsgenossen vorgeschlagen wird, der Frau einfach mal zu sagen: "Ich mag Frauen, die auf sich achtgeben. Deine Haut ist weich, benutzt du irgendeine besondere Creme?" Ein Kompliment sollte nämlich erfreuen und jemanden nicht den Notfallknopf auf dem Handy drücken lassen. Und das wahre Kompliment sollte – drittens – viel, viel öfter verteilt werden. Wir brauchen eine Inflation ehrlicher Komplimente. Auf Schulhöfen, in Behörden, in Beziehungen, auf Clubtoiletten, im öffentlichen Nahverkehr. Einfach dem Busfahrer mal sagen, dass niemand Taxis schöner beschimpft als er. Der Frau, dass sie die Einzige ist, bei der man von den Haaren im Gesicht keine Atemprobleme kriegt, wenn man mit ihr Arm in Arm einschläft. Der Fremden, dass ihr Kleid im Wind weht, als hätte es eine Hauptrolle in einem französischen Film noir.

Nicht nur der Stoff, der aus Seehofers gewebt ist

Das Kompliment schult auf die simpelste Weise, die Menschheit wieder liebenswert zu finden. Bei jedem, der einem begegnet, etwas Schönes zu suchen. Selbst wenn man sich nicht traut, jeder Kassiererin ein "Ich mag Ihre stets freundliche Art" entgegenzuschleudern, bringt es doch schon was, wenn man das verwundert für sich persönlich feststellt. Wenn einem plötzlich kurz auffällt, dass die Realität doch nicht der Stoff ist, der aus Seehofers gewebt ist.

Es wird so viel darüber geredet, dass Deutschland das Diskutieren verlernt hätte. Nicht mehr streiten kann. Nur noch austeilt. Ignoranter wird. Dabei müssen Gespräche nicht immer tief inhaltlich sein, um Freude zu bereiten und das Gefühl eines Miteinanders wiederherzustellen. Eine Gegenwart, in der vielleicht doch nicht alle potenzielle Gegner sind.

Manchmal reicht schon ein "Ich wollte nur kurz sagen, wie sehr ich mich freue, dass du meine Kollegin geworden bist und nicht die, die vor Meetings immer Knoblauch-Smoothies trinkt". Das mag ab und zu schiefgehen und anfangs seltsam sein. Manchmal plant man eine Lasagne, und am Ende wirft man doch nur mit Ketchupnudeln. Aber selbst dann ist das Leben ohne Pasta eigentlich nicht lebenswert. Ohne Komplimente auch nicht. Deshalb: Vielen Dank, dass Sie so interessiert und gut aussehend zu Ende gelesen haben. Das freut mich.

Frühere Kolumnen von Ronja von Rönne sind im Band "Heute ist leider schlecht" (S. Fischer, 2017) erschienen. Auf ZEIT ONLINE führt sie alle 14 Tage ihre Kolumne fort.