"Sprechen Sie ein Urteil, das auch vor der Geschichte Bestand hat." Es ist Yavuz Narin, Anwalt der Familie Boulgarides, der sich mit diesem Wunsch an den Richter wendet. Mit diesen letzten Worten, einem Appell, endeten am 8. Februar die Abschlussplädoyers im fünf Jahre währenden NSU-Prozess in München.

Theodoros Boulgarides war das mutmaßlich siebte Opfer. Mutmaßlich deshalb, weil wir bislang von zehn Opfern ausgehen, die dem NSU zugeordnet werden. Boulgarides starb, weil die Mörder Griechen nicht von Türken unterscheiden konnten. Wie alle anderen Opfer zuvor, wurde er aus nächster Nähe hingerichtet. Anhand der Morde lässt sich ein Muster erkennen. Die Täter kommen mit der Waffe näher heran. Während das erste Opfer, Enver Şimşek, noch aus zwei Pistolen mit acht Schüssen durchsiebt wurde, starben die letzten Opfer an zwei Schüssen. Vielleicht, weil die Täter mutiger wurden, geübter. Auf Michèle Kiesewetter, die Heilbronner Polizistin, wurde nur ein Schuss direkt in den Kopf abgefeuert.

Yavuz Narin zitierte im Februar Hannah Arendt, die über die Wahrheit sagte, dass sie der Grund sei, auf dem wir stehen, "der Himmel, der sich über uns erstreckt". Was bedeutet angesichts der deutschen Geschichte das Urteil, das Beate Zschäpe nun am 11. Juli bekam? Die Verkündung des Strafmaßes ist der Schlusspunkt einer juristischen Auseinandersetzung. Der deutsche Staat hat vorgeführt, wozu er imstande ist, wenn er willens ist. Wenn ihm die Einhaltung von Recht, Ordnung und Gesetz das höchste Gut ist, egal, was es kostet, egal, wie lange es dauert. Der NSU aber konnte morden, weil der Staat dieses höchste Gut, nämlich die Rechtsstaatlichkeit, die den Schutz jedes Einzelnen unabhängig von seiner Biografie garantieren soll, beiseitegeschoben hatte, weil es sich nämlich um Türken handelte. Nach jedem weiteren Mord wurden Nazis als Täter ausgeschlossen, weil es so etwas nicht geben durfte. Es gab sie aber. Und es gibt sie noch.

So kann dieser Text nur ein gestammeltes Requiem sein. Denn über allem steht Traurigkeit. Und das Schreien eines Vaters, der in den Himmel ruft und seinen Gott um Beistand bittet, weil er seinen Sohn verloren hat.

Kein Minister hält an

Während draußen vor dem Münchner Oberlandesgericht Herr Yozgat sein Entsetzen hinausschreit, das sich auch nach elf Jahren nicht abnutzen will, wird drinnen das Urteil verlesen. Und es gehen einem die Details durch den Kopf. Es sind so viele, dass sie Bände füllen könnten. Es ist eine Bibliothek der Trauer, die einen auf eine grausame, weil einsame Art mit dem eigenen Land fremdeln lässt. Nur unter größter intellektueller Anstrengung ist es möglich, nicht zu verbittern. Nicht zu verbittern über einen Innenminister, der in den vergangenen Wochen zeigte, dass er das Land anhalten kann, wenn er nur will. Wenn es um Flüchtlinge geht, die nicht kommen sollen, weil sie Fremde sind, steht alles still. Als Türken in Deutschland erschossen wurden, ging alles weiter. Dieser Schmerz wird nie aufhören. Er brennt nicht nur in den Familien, die ihre Väter und Ehemänner verloren haben. Er betrifft alle Familien, deren Väter und Brüder an Halits oder Theodorus' Stelle hätten sein können. Sie alle haben mitgeweint. Es sind viele. Es sind Millionen Tränen von Millionen Menschen. Und sie weinten sehr leise. Ist es nicht seltsam, dass so viele Menschen gleichzeitig traurig sein können – und trotzdem hält kein Minister Deutschland an?

Die Fernsehmoderatoren kamen aus ihren Sommerurlauben zurück, weil der Innenminister einen Plan verkünden wollte, in dem es um den Schutz der Deutschen vor den Fremden gehen sollte. Die Talkshows, die ja immer auch ein Gradmesser für "wichtig" und "sehr wichtig" sind, stritten über dies und jenes. Debattierten über Wichtiges und Unwichtiges. Als der NSU sich enttarnte, als die beiden Uwes sich in ihrem Wohnwagen in die Luft sprengten, weil sie nach einem Banküberfall aufzufliegen drohten, da dauerte es ein Jahr, bis die Illners und Maischbergers tagten. Vergangene Woche, als klar war, dass diese Woche ein Urteil gesprochen wird, geschah nichts. Der NSU war kein Thema im Presseclub, und Anne Will blieb auch im Urlaub.

Beate Zschäpe wird lebenslang hinter Gittern bleiben. Sie ist ein Neonazi und sie tat, was Neonazis tun. Sie handeln eigenmächtig am Staat vorbei, weil sie die Verhältnisse ändern wollen. Neonazis morden. Das ist banal. Nicht banal ist aber, dass die Mittäterschaft nicht geklärt ist. Und wahrscheinlich wird sie es nie sein. Kein Mensch weiß, was der NSU ist, und kaum einer, der sich mit diesem Terror auseinandersetzt, traut sich in der Öffentlichkeit die sehr einfache Frage zu stellen, wie genau der Verfassungsschutz mit dem NSU verwoben ist. Können die dringenden Fragen deshalb nicht beantwortet werden, weil der Verfassungsschutz die Informationsquellen vernichtete, nicht um Rechtsextreme zu schützen, sondern sich selbst?

Wie immer in diesem Land, wenn es um Terror geht, wird die Wahrheit nie ans Licht kommen. Wie immer in diesem Land, wenn es um Terror geht, ist die Öffentlichkeit darauf angewiesen, dass die Täter sich im Laufe der Jahrzehnte vertrauensvoll an die Reporter des Spiegels oder des Sterns wenden und ihre Versionen von Wahrheit präsentieren werden. Verlage werden hohe Vorschüsse an Autoren zahlen, denen es gelingen wird, Vertrauen zu den Terroristen aufzubauen, und irgendwann werden echte Täter aus der ersten und Wichtigtuer aus der dritten Reihe wie selbstverständlich in den TV-Sendungen sitzen und sprechen.