Männer machen Mucke. Männer kennen die Bands. Männer legen auf.

In jeder Alltagssituation liegen wunde Punkte der eigenen kulturellen, gesellschaftlichen und geschlechterbezogenen Sozialisation. Eine scheinbar unverfängliche Frage kann einen ins Stottern bringen. Eine solche Frage war für mich seit der Pubertät jene nach meinem Musikgeschmack.

Zum Beispiel bei einem Date mit meinem neuen Freund: Er zeigt mir seine liebsten Rockbands. "Was hörst du so?", möchte er wissen, und eigentlich freue ich mich über sein Interesse: "Da war doch so eine Band, die ich neulich ... Wie bin ich da drauf gekommen? Wer hat mir die gezeigt? Chesti, Jovi, Bon – haha, nein – ", überlege ich laut und gebe die sichersten Buchstaben in die YouTube-Suchleiste ein: "Chest...". "Chester Bennington – Halleluja" ist der erste Vorschlag.

Theresa Seraphin studierte Dramaturgie, Komparatistik und Kunstgeschichte an der Theaterakademie August Everding, der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Kyonggi University in Seoul. Sie arbeitet als Dramaturgin an der Arge Salzburg und als Theaterautorin in München, wo sie das Netzwerk Münchner Theatertexter*innen gründete. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Nelly Küfner

Mit meiner Suche hat er wenig zu tun, aber ich kenne das Lied und es bietet mir die Möglichkeit, dem Ratespiel zu entkommen. "Oh, das ist schön!", sage ich also und klicke auf Play. Wir hören gemeinsam die sehr nasale Version dieses wirklich guten Songs. "Chester Bennington ist im Juli 2017 gestorben", sagt uns das Video und ich schäme mich ein bisschen, den Song zu unterbrechen, um zu gestehen, dass das eigentlich nicht die Band war, nach der ich gesucht hatte. Gemeint war die schrammelige Garagenpop-Band Chastity Belt, bestehend aus vier Frauen aus Walla Walla im US-Staat Washington. Ich liebe die etwas hängende, fast nörgelige Stimme der Leadsängerin Julia Shapiro. Sie erinnert mich an die von Chris Carrabba, der sich Anfang der Nullerjahre mit seiner Band Dashboard Confessional in mein Teenieherz litt. Chastity Belt sind dabei aber um einiges abgeklärter. Sie lassen sich viel Zeit für musikalische Intros und Bridges, während derer man beim Zuhören fast körperlich abhängen kann, und sprechen in ihren Texten unter anderem auch davon, wie es sich als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft leben oder eben verzweifeln lässt. In dem Song Drone beispielsweise, der auf dem zweiten, 2015 erschienenen Album Time to go home zu hören ist, geht es ganz explizit um Mansplaining, wenn sie singen: "He was just another man, tryn’a teach me something." Wegen all dem liebe ich sie sehr.

Aber zu all dem kommen wir nicht. Denn die Band, benannt nach einem der perversesten Instrumente der Unterdrückung der Frau, dem Keuschheitsgürtel, schreibt man mit "Cha" und nicht mit "Che". Mein Fehler. Schreibfehler. Das passiert mir oft, wenn ich unsicher bin.

Eine Party vergangenen Sommer. Die Stimmung ist so mittel. Hier und da stehen ein paar Grüppchen, knabbern irgendwas und reden über Politik. Es gäbe Raum, zu tanzen, aber irgendwie wollen alle lieber reden. Ich nicht. Langsam sneake ich mich an den Rechner, den die Gastgeber*innen in einer Ecke des Raumes platziert haben, und setze mich vor die Playlist. Sofort sitzt ein Mann neben mir, jünger oder älter, und hat eine Idee (schreiend): "Spiel mal Daft Punk, das ist gut für nebenbei!" – "Nein Mann, ich will Party machen!", motze ich. "Ja dann mach halt!", pampt er zurück. Er schaut mir über die Schulter, während ich in meinem Gedächtnis krame. Sein Fuß wippt zu einem der Songs, der ihm spontan einfällt und den er nebenbei in mein Ohr pfeift. Ich sehe ihn an. "Gib mal her", sagt er, fast mitleidig, und nimmt mir den Laptop ab. Wir hören Haiyti. Die Frau ist spitze. Die Leute, die vorher noch diskutiert haben, fangen langsam an, zu tanzen. Ich hab keine Lust, bleibe sitzen und nehme mir vor, diesen Text zu schreiben.

Der Raum der Verhandlung

Eine Gruppe Jungs sitzt in einem Probenraum im Keller irgendeines Elternhauses. An den Wänden hängen Poster, darunter stehen eine ausrangierte Couch und ein Glastisch, wie er sonst mit Spitzendecken bei den Großeltern zu finden ist. Eine kiffende Tonfigur sieht mich von der Kante ihres Ascheschälchens mit klobigen Augen an. Ich bin 15.

Die Jungs gründen eine Band. Es gibt einen Bassisten, einen Drummer und einen Leadsänger – alle haben sie Pickel, alle haben sie kaum mehr als ein paar Jahre Unterricht an ihren Instrumenten. Trotzdem ist klar: Das ist der Beginn von etwas Großem. Von jetzt an werden die Dinge um einen herum nur noch in cool und uncool unterteilt. Cool: Alles, was etwas mit Ausnahmezustand zu tun hat. Uncool: Alles, was die bestehende Ordnung erhält oder fördert. Dieser kleine, viel zu dunkle Raum wird plötzlich zum Sehnsuchtsort einer ganzen Stadtjugend. Im Proberaum wird geprobt, rumgehangen, gechillt. Dort wird einer durchgezogen, derbe einer fahren gelassen und hart einen Lachflash gekriegt.

Ich bin die Freundin des Schlagzeugers. Das verschafft mir als einem der wenigen Mädchen Eintritt in den Proberaum und somit in den Raum der Verhandlung. Denn hier wird von nun an die Welt diskutiert, verlacht, karikiert, auf jeden Fall irgendwie in einander gegenseitig stärkende und selbstbestätigende Urteile gefasst.

Ich wundere mich über die krasse Sprache, die Kevin, John und Bro plötzlich in ihren Songtexten gebrauchen, und die viele Wut, die sie zu haben scheinen – wo kommt die nur her? Hier geht es um alles, was diese sehr behüteten Teenieleben zu bieten haben. Im Proberaum wird auch Musik gehört, über Musik gesprochen und geschwiegen. Die Jungs können minuten-, wenn nicht sogar stundenlang schweigend auf ihren angeranzten Couches hängen und nichts sagen. Das ist mir neu. Ich kenne sie aus der Schule. Keine fünf Minuten können sie dort stillsitzen, immer muss jemand entweder laut rülpsen, etwas in Richtung Tafel werfen oder sich eine Zirkelspitze ins Bein fallen lassen. Das gefällt mir an ihnen.