Das Interview mit Naika Foroutan erschien zufällig an dem Tag, als Mesut Özil seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärte. Deutschland und Europa seien auf dem Weg in eine "präfaschistische Phase", sagte die Berliner Sozialwissenschaftlerin dem Tagesspiegel. Von der rassistischen Sündenbockkampagne gegen Özil sprach Foroutan auch, ihre Diagnose war aber allgemeiner: Der Gesellschaft gehe gerade der "sinnstiftende Endpunkt" verloren. Statt von positiven, gemeinsamen Zielen sei diese getrieben von "Destruktion", der Zerstörung ethischer Standards und freiheitlicher Errungenschaften, Verunglimpfung moralischer Haltungen und menschenfreundlicher Politik. Die Grundlage für die "moralische Verwahrlosung des Faschismus, der kommen könnte", sei geschaffen.

Bisher ist in Deutschland viel über Hassrede und Rechtsruck, aber wenig über deren systematische Konsequenz, einen neuen Faschismus, geredet worden. Präfaschismus wäre der Weg dorthin. Für Foroutan, die sich vorsichtig und zugleich erschüttert ausdrückte, stehen wir am Beginn dieses Weges. 

Das paradoxe "Wehret den Anfängen"

Deutschland hat ein dialektisches, um nicht zu sagen neurotisches Verhältnis zum Prädikat Faschismus. Das "Wehret den Anfängen" der Bundesrepublik hat eine widersprüchliche Sensibilität hervorgebracht: Einerseits konditionierte es die Öffentlichkeit darauf, schon die kleinsten Anzeichen antidemokratischer Entwicklung als Ernstfall wahrzunehmen und anzuprangern. Andererseits eröffnet es Rechten die Möglichkeit, genau diese Überempfindlichkeit zurück gegen die Mahner zu wenden. Wann immer die AfD oder Vorgänge, die mittelbar auf deren Präsenz zurückweisen, mit Rassismus, Faschismus oder dem Weg dorthin verbunden werden, liegt eine Verteidigung bereit: Der oder die Anklagende schwinge mal wieder die "Nazikeule".

Wer in letzter Zeit zu viel Zeitung oder Twitter gelesen hat, der konnte in einem schizophrenen Wahrnehmungszirkel landen, in dem der Eindruck von rastloser Kritik und völliger Untätigkeit sich pulsierend abwechseln. Es scheint, dass über kaum noch etwas anderes als die schleichende Faschisierung der Gesellschaft geredet wird. Zugleich verschwindet der Eindruck nicht, dass niemand wirklich etwas gegen sie unternimmt. Vielleicht macht das den Präfaschismus aus, vielleicht liegt die Perfidie dieses Zustandes darin, dass in ihm beide Wahrnehmungen richtig sind. Das heißt natürlich auch, dass die Lage verschieden ausgehen kann. Geschichte ist nicht vorherbestimmt.

Der beleidigte Seehofer

Wie sensibel das Sensorium für Nazivergleiche ist, zeigte im Juni Horst Seehofer. Der Innenminister blieb dem Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin fern, weil eine der Teilnehmerinnen – die Spiegel-Online-Kolumnistin und Vizevorsitzende der Neuen Deutschen Medienmacher, Ferda Ataman, – sein Heimatministerium indirekt mit dem Nationalsozialismus assoziiert hatte. Wenn "Heimat", wie derzeit der Fall, als "Antwort auf die grassierende 'Fremdenangst'" gesehen werde, hatte Ataman in einem Beitrag für die Amadeu Antonio Stiftung geschrieben, der eigentlich die Weltoffenheit Deutschlands hervorhebt, dann könne dieses Wort "nur bedeuten, dass es um Blut und Boden geht".

Für Seehofer war das Beleidigung genug, nicht mit Ataman im selben Raum sitzen zu wollen. Ataman habe die "Nazikeule" herausgeholt, schrieb Spiegel Online. Man hätte auch sagen können, Seehofer habe sich latent despotisch verhalten. Als Innenminister aus persönlicher Gekränktheit gegenüber den Aussagen einer Journalistin einen Integrationsgipfel boykottieren, das zeigt ein ausgesprochen eitles, wenn nicht autokratisches Herrschaftsverständnis.

Naika Foroutan beschreibt in ihrem Interview nicht die politische Verfasstheit des Landes, sondern eine gesellschaftliche Stimmung, eine mögliche politische Tendenz. Sie untermauert ihre Präfaschismus-These mit dem Verweis auf Fritz Sterns 1961 erschienenes Buch Kulturpessimismus als politische Gefahr. Stern, der 1926 in Breslau geboren wurde und 1938 mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten floh, beschreibt darin am Beispiel dreier Publizisten der Wilhelminischen und der Weimarer Zeit, wie hemmungslos pessimistische Kulturkritik, wenn sie den Verfall und die existenzielle Bedrohung der Nation beschwört, das Vertrauen der Menschen in den Staat so sehr unterminieren kann, dass sie für einfache, autoritäre Lösungen empfänglich werden.

Fritz Sterns "Kulturpessimismus als politische Gefahr"

Paul de Lagardes Deutsche Schriften, Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher und Arthur Moeller van den Brucks Das dritte Reich waren Bestseller im deutschen Bürgertum des ersten Jahrhundertdrittels. "Oft sehr scharf und durchaus zu Recht" hätten sie Schwächen deutscher Kultur und deutschen Geisteslebens angezeigt, schreibt Stern in seiner Einleitung. "Pathologisch" sei ihre Kulturkritik dadurch geworden, dass die Autoren ihre persönlichen, teils psychologisch begründeten Ängste auf eine ganze Nation projiziert und damit begonnen hätten, rücksichtslose, brutale Reformen vorzuschlagen. "Sie konnten das Übel, das sie diagnostizierten und in ihrem eigenen Leben erfuhren, nicht bannen, und so suchten sie Propheten zu werden, einen Weg zur nationalen Wiedergeburt aufzuzeigen. (…) Als Ethiker und Wahrer dessen, was sie als altüberkommene Tradition ansahen, bekämpften sie die sich stetig ausbreitende Modernität, die wachsende Macht von Liberalismus und Verweltlichung. Sie stellten all das zusammen, was an der industriellen Zivilisation Deutschlands unbefriedigend war, und warnten eindringlich vor dem Verlust von Glauben, Einheit und 'kulturellen Werten'."

Traditionalismus, Rekurs auf die Heimat und Identität, ein teils wirrer Bezug auf "Werte", all das sind Dinge, die in den vergangenen acht Jahren immer lärmender geworden sind. Kann man die Bücher, die vom angeblichen kulturellen Selbstmord europäischer Nationen handeln und zu nationalen Bestsellern wurden, von Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab über Éric Zemmours Le Suicide français bis zu Douglas Murrays The Strange Death of Europe, in eine Reihe mit den Werken Lagardes, Langbehns und Moeller van den Brucks stellen? Gemessen an ihrer Wirkung durchaus.

Präfaschistische Dynamik

Das heißt gerade nicht, dass Thilo Sarrazin in seinem Buch von 2010 dem Faschismus das Wort geredet habe. Fritz Sterns Blick auf die Vorgeschichte des Nationalsozialismus zeigt, wie geistige Werke eine präfaschistische Gereiztheit zugleich hervorrufen, aufsaugen und verstärken können, auch wenn sie selbst keine ausgesprochen faschistischen Intentionen hegen. Fatal am Wirken der rechten Kulturpessimisten war ihre düstere, eskalierende Prophetie. Sie bereitete einer gesellschaftlichen Dynamik den Weg, die nach der Wirtschaftskrise von 1929 kaum mehr zu kontrollieren war. In diesem Licht kann man durchaus behaupten, dass die sich überbietende Rede von "Rechtsbruch", "Unrechtsstaat" und "illegaler Masseneinwanderung", die in unterschiedlicher Intensität seit 2015 von AfD und CSU geführt wird, präfaschistische Züge trägt.

Viele Amerikaner sind in ihrem Urteil über ihr eigenes Land bereits zwei Schritte weiter als Naika Foroutan in ihrem über Deutschland. Unter linken Amerikanern gilt es längst als Gemeinplatz, dass Donald Trump ein "Faschist" und viele seiner Maßnahmen "faschistisch" seien. Soeben ist Madeleine Albrights Faschismus – Eine Warnung in deutscher Übersetzung erschienen. Die Außenministerin der zweiten Amtszeit Bill Clintons, die 1937 in Prag geboren wurde und zwei Jahre darauf mit ihren Eltern vor der Wehrmacht floh, erzählt darin ihre persönliche Geschichte mit dem Faschismus und zieht immer wieder ausführliche Parallelen zu Tayyip Recep Erdoğan, Wladimir Putin und Donald Trump.

Kriterienkataloge bringen wenig

Mit Nicolás Maduro, Viktor Orbán, Rodrigo Duterte und Kim Jong Un teilten diese Staatschefs, dass sie "ihren Anhängern die Wertschätzung demokratischer Normen auszutreiben" und als "starker Führer (…) für 'das Volk' zu sprechen" versuchten, schreibt Albright am Ende ihres Buches. Sie fragt sich, ob sie einen zu alarmistischen Titel gewählt habe, und gibt sich die Antwort selbst, indem sie die Weisen aufzählt, auf die die genannten Politiker in ihrem Reden und Tun die Demokratie und den gesellschaftlichen Pluralismus verachten. 

Mit Blick auf Trumps Amerika kann man natürlich einwenden, dass eine Mehrheit der Amerikaner sich bisher entschieden gegen einige seiner krassesten Maßnahmen gestellt hat, dass es amerikanischen Gerichten – etwa beim versuchten muslim ban – gelungen ist, manche seiner Vorhaben abzuwenden, und dass seit einem Jahr strafrechtliche Ermittlungen gegen Trump laufen. In einem faschistischen Regime des 20. Jahrhunderts wäre all das undenkbar gewesen.

Es entspräche aber einem äußerst simplen Geschichtsverständnis, würde man einfach aus den Faschismen des 20. Jahrhunderts einen Kriterienkatalog ableiten, um damit die Gefährlichkeit Donald Trumps für Amerika und die Welt zu bestimmen. Der Faschismus war schon im 20. Jahrhundert eine wandelbare, anpassungsfähige Regierungsform. Wichtiger als seine institutionelle Verkörperung war immer die Dynamik, die "Bewegung". Stephen Bannons gerade in Brüssel gegründeter Thinktank, der die europäischen Rechten zusammenbringen will, nennt sich natürlich The Movement.

Paranoia und legitime Sorge

Die Resilienz einer parlamentarischen Demokratie misst sich nicht nur daran, ob ihre typischen Charakteristika wie Gewaltenteilung, freie Wahlen, unabhängige Medien formal existieren oder nicht. Die Frage ist, wie legitim solche Institutionen sind und ob ihre Integrität von den Regierenden und der Bevölkerung im Alltagsgeschäft geachtet wird. Erosionsprozesse sieht man derzeit auch in Österreich, wo Innenminister Kickl von der FPÖ verhohlene Drohungen gegen die Medien ausspricht. Und wenn deutsche Verwaltungsbeamte sich bei der Abschiebung eines Asylbewerbers über das Urteil von Verwaltungsgerichten hinwegsetzen, ist das ein kleines, aber sicher kein gutes Zeichen. Wenn Historiker die Delegitimierung der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert untersuchen werden, dann wird auch die Umgehung gewählter Parlamente in vielen Krisenentscheidungen seit 2008 interessant sein.

Autoritäre Systeme des 21. Jahrhunderts sehen selbstverständlich anders aus als die des 20. Jahrhunderts; jede politische Epoche bildet ihre eigenen Regime heraus. Das betont auch der britische Historiker Geoff Eley in seinem 2016 verfassten Aufsatz Fascism Then and Now. Für ihn liegt der größte Unterschied zwischen damaligen und gegenwärtigen Faschisten – möglicherweise derjenige, der unsere heutigen Präfaschisten noch von klar erkennbaren Faschisten trennt – in ihrem Bezug zur Zukunft.

Der Faschismus der Zwanzigerjahre war ein optimistischer. Er geschah nach der Katastrophe, die er im Ersten Weltkrieg erkannte, und wollte einen neuen Menschen schaffen, setzte auf unrealistische Heldentaten und radikale Modernität. Das dominierende Denken der europäischen Rechtspopulisten von heute ist – bisher jedenfalls – ein pessimistisches: Es geht ihnen (noch überwiegend) darum, eine vermeintliche Katastrophe durch Einwanderung, Gendertheorie und Postkolonialismus abzuwenden. In ihr katastrophisches Denken mögen auch unbewusste Ängste vor dem Klimawandel und einer außer Kontrolle geratenden Digitalisierung hineinspielen; wahrscheinlich merken sie nicht, dass sie der blinde Fleck ihrer Ideologeme sind. Ängste durcharbeiten, Hass widerstehen, Paranoia von legitimer Sorge trennen. Das ist die massenpsychologische Aufgabe, an der die Demokratie sich beweisen muss.