Sie heißen Lene, Gudrun, Sylvia, Maria, Lena, Mechthild, Lilli.

Sie sind sensibel, leidenschaftlich, aufmerksam – und erst mal gar nicht unsympathisch.

Angelika Nguyen studierte Filmwissenschaften an der HFF Babelsberg, drehte 1992 den Dokumentarfilm "Bruderland ist abgebrannt" über vietnamesische Immigrant*innen, ist freie Referentin und Autorin und schreibt über Kinostarts auf telegraph.cc. © Tobias Kunz

Was die Frauen außerdem noch sind, verbergen sie eher, und sie tun es anders als die Männer in ihrem Umfeld. Nicht aus strategischen Gründen im Dienste der Sache, sondern weil bei ihnen alles dicht beieinander liegt: die Liebe und der Hass. Ihre Liebe gehört denen, die sie als die Ihren sehen und ihr Hass denen, die sie für fremd und minderwertig halten. Denn diese Frauen sind Nazifrauen. Rassistisch, antidemokratisch und tief überzeugt von der Ungleichwertigkeit der Menschen.

Sie sind Hauptfiguren in gleich vier deutschen TV-Krimis des ersten Halbjahres 2018. Drei Tatorte und ein Polizeiruf spielten im Nazi-Milieu: Ich töte niemand (Erstausstrahlung 15. April 2018) mit dem Ermittlerduo Felix Voss und Paula Ringelhahn, Sonnenwende (Erstausstrahlung 13. Mai 2018) mit dem Ermittlerduo Franziska Tobler und Friedemann Berg, Freies Land (Erstausstrahlung03. Juni 2018) mit dem Ermittlerduo Ivo Batic und Franz Leitmayr und In Flammen (Erstausstrahlung 10. Juni 2018) mit dem Ermittlerduo Katrin König und Alexander Bukow.

In drei der vier Filme entschieden sich die Macher für die Strategie, die Radikalität ihrer weiblichen Nazifiguren teilweise zu verbergen.

Die Balance der Figuren zwischen Selbstbeherrschung, offenem Sozialverhalten, kommunikativem Grundton einerseits und ideologisch gut verwahrtem Hass andererseits ist dabei typisch. Vielleicht ist das vergleichbar mit der Balance Beate Zschäpes, die ihre äußere Gelassenheit durch fünf Jahre NSU-Prozess aufrecht erhält.

In drei der Filme gibt es am Schluss die politische Enthüllung dieser Frauencharaktere: Gudrun, die sich am Ende von Ich töte niemand als Initiatorin der grausamen rassistischen Morde entpuppt, schleudert, in die Ecke gedrängt, den Ermittlern ihre Naziüberzeugung entgegen; Lene, die charismatische Figur in dem Münchner Tatort Freies Land, übernimmt in der letzten Einstellung die Führerinnen-Rolle der Reichsbürger-WG, und im Rostocker Polizeiruf In Flammen stellt sich am Ende heraus, dass die gemäßigt-populistische Parteigängerin Sylvia sich in Wirklichkeit nie von ihrer gewalttätigen Nazivergangenheit losgesagt hat.

Nicht eine der Nazifrauen ändert sich am Ende des Films oder zweifelt auch nur ein bisschen. Kein einziges Ende, das die Zuschauer beruhigen könnte. Dennoch verbreiten diese Krimis Hoffnung. Sie liegt im Widerstand gegen die Rechten. Der kommt jedoch nicht etwa von der Antifa, sondern von den Kriminalermittlern. Nicht als Behörde lehnen sie sich auf, sondern ganz individuell. Und die Rollen werden umgekehrt: Die Beamten sind höchst emotional, die Nazis gelassen.