Angesichts der Rhetorik, die den politischen und gesellschaftlichen Diskurs prägt, ist immer häufiger von einer Verrohung der Sprache die Rede. Aber worin genau besteht sie? Kai Biermann, Redakteur bei ZEIT ONLINE, und Martin Haase, Professor für Linguistik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, sammeln in diesem subjektiven Glossar die gängigsten Begriffe und Formulierungen und versuchen, die politischen Interessen dahinter offenzulegen.

Abschiebesaboteur

Verunglimpfende Worterfindung des CSU-Politikers Alexander Dobrindt. Nach dessen Logik ist derjenige, der den Abschiebebescheid einer Ausländerbehörde von einem Gericht auf Korrektheit prüfen lässt, ein Abschiebesaboteur, da er damit eine Abschiebung verzögert oder verhindert. Der Begriff unterstellt, dass Menschen, die Grundrechte in Anspruch nehmen und staatliches Handeln von einer unabhängigen Stelle kontrollieren lassen, die öffentliche Ordnung gefährden. Er behauptet, dass sie das nur täten, um gefährliche Menschen im Land zu halten und um deutsche Gerichte gezielt zu überlasten. Er ignoriert, dass jeder Mensch in Deutschland laut Artikel 19 Grundgesetz das Recht hat, Bescheide einer Behörde anzuzweifeln. Das Wort diffamiert den Berufsstand des Rechtsanwaltes, da es nahelegt, Anwälte nähmen solche Mandate mit dem Ziel an, die öffentliche Ordnung zu sabotieren und zu zerstören. Es blendet die Tatsache aus, dass dann auch jeder andere Bescheid einer Behörde klaglos hingenommen werden müsste. Klagen gegen Bußgeldbescheide wegen Falschparkens wären nach dieser Rechtsauffassung Verkehrssabotage, und Klagen gegen falsche Renten- oder Hartz-IV-Bescheide wären Sozialkassensabotage. Das Wort verschweigt bewusst, dass jährlich viele Hunderttausende solcher Klagen gegen alle möglichen Bescheide vor Gerichten verhandelt werden und Klagen gegen Asylbescheide nur einen winzigen Teil davon ausmachen. Es fordert indirekt, dass Asylsuchenden und Flüchtlingen die Grundrechte aberkannt werden sollen, die jedem Menschen zustehen. Damit untergräbt es das Vertrauen in Grundrechte, Grundgesetz und Rechtsstaat.

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Ankerzentrum

Worterfindung der großen Koalition, um Abschiebelager besser klingen zu lassen. Sie lässt an Verankerung und somit an Integration denken, obwohl das Gegenteil gemeint ist. Laut Koalitionsvertrag ist das Ankerzentrum ein Akronym aus den Begriffen "Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung bzw. Rückführung (AnKER)". Ziel ist es, Flüchtlinge direkt nach dem Übertreten der Grenze in geschlossene und bewachte Lager zu bringen, wo sie so lang bleiben müssen, bis sie entweder Asyl bekommen oder in ein anderes Land abgeschoben werden. Dieses Konzept der Abschiebegefängnisse ist rechtlich und ethisch umstritten.

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Asylbetrug

Durch die Behauptung, es gebe Menschen, die sich Asyl erschleichen, es also nur unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erhalten, wird meist indirekt eine Abschaffung des Grundrechts auf Asyl gefordert. Denn der Begriff stellt das Asylrecht insgesamt infrage, da er nahelegt, dass bei den Asylprüfungsverfahren generell betrogen wird. Vor allem wertet der Ausdruck alle Asylbewerber ab, da er wahrheitswidrig unterstellt, sie hätten gar keinen Grund dazu, Asyl zu beantragen, und seien eigentlich Betrüger.

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Asylgehalt

Absichtlich irreführende Bezeichnung für das geringe Taschengeld, das zur Deckung persönlicher Bedürfnisse an Flüchtlinge ausgezahlt wird. Mit Gehalt soll der Eindruck erweckt werden, es sei so viel Geld, dass es zum Leben reiche. Denn insbesondere im Neutrum bedeutet es "Besoldung, Verdienst" und es drängt sich die Vorstellung auf, Flüchtlinge würden an ihrer Flucht nach Deutschland Geld verdienen. Mit einem Gehalt haben die geringen Zahlungen jedoch nichts zu tun. Und auch nicht mit Asyl, denn das Taschengeld gibt es nur so lang, wie der Asylanspruch geprüft wird.

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Asylindustrie

Gemeint sind all jene Menschen, die Flüchtlingen dabei helfen, ihren Anspruch auf Asyl wahrzunehmen, also Sozialarbeiter, Anwälte, Beratungsstellen etc. Da der Ausdruck ihnen unterstellt, sie würden allein aus der Absicht helfen, damit einen Gewinn erzielen zu wollen, wertet er ihre Arbeit ab und gibt ihr eine negative Bedeutung. Er ignoriert dabei bewusst, dass sich gerade in dieser Angelegenheit eher wenig Geld verdienen lässt. Auf alle Fälle weniger als beispielsweise bei Konkursverfahren – dabei behauptet niemand, im Wirtschaftsrecht sei eine Pleiteindustrie am Werk, die die Gesellschaft ruiniere.

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Asylkritiker

Auch als Asylgegner bezeichnet. Selbstverständlich kann das Grundrecht auf Asyl kritisiert werden. Doch das ist mit dem Ausdruck nicht gemeint. Er ist der Versuch, einen Namen für jene Menschen zu finden, die gegen Flüchtlinge demonstrieren und sie nicht ins Land lassen wollen. Dabei verharmlost und verschleiert er jedoch Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt. Wenn Zusammenschlüsse wie Zukunft Heimat aus Cottbus vom brandenburgischen Verfassungsschutz als "asylkritischer Verein" bezeichnet werden, dann ist das ungefähr so, als wenn man die Mafia polizeikritisch nennen würde. Wie unkritisch der Begriff bereits verwendet wird, zeigt sich beispielsweise daran, dass er sogar von den Wissenschaftlichen Diensten des Bundestages benutzt wird.

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Asyltourismus

Oxymoron, also ein Widerspruch in sich. Asyl sucht man in der Not, Tourismus bezeichnet jedoch freiwilliges Reisen zum Zweck der Erholung und/oder Bildung, somit Urlaub. Not und Urlaub schließen einander aus. Gemeint sind Menschen, die bereits in einem anderen Land Asyl beantragt haben oder es dort bekommen könnten. Der Begriff unterstellt, dass diese Menschen freiwillig (also wie Touristen) herumreisen, um Asyl zu finden. Ausgeblendet wird dabei, dass die Situation in den Durchgangsländern für die Betroffenen so schlimm ist, dass sie keineswegs freiwillig weiterreisen. Wenn sprachlich aus Flüchtlingen Touristen werden, geht es darum, diese teilweise lebensbedrohlichen Zustände kleinzureden und die Situation zu beschönigen. Gleichzeitig wird das Anliegen der Betroffenen, Schutz vor Verfolgung, Krieg und Not zu finden, lächerlich gemacht.

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Aufnahmezentrum

Auch spezialisierte Erstaufnahmeeinrichtung genannt. Dieses Zentrum, also Lager, soll niemanden aufnehmen. In ihm sollen Menschen, die Asyl in Deutschland suchen, so lange eingesperrt werden, bis über ihren Asylantrag entschieden wurde. Vor allem jene, die nur eine geringe Chance auf Asyl haben, sollen dort hingebracht werden, um ihre Asylverfahren schneller bearbeiten und sie damit schneller abschieben zu können. Der Ausdruck verkehrt daher den Zweck dieser Lager in das Gegenteil.

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Außengrenzen schützen

Im Zusammenhang mit Flüchtlingen oft wiederholte Forderung. Sie legt nahe, Asylsuchende seien eine Bedrohung für die Europäische Union, ähnlich einem militärischen Angriff, die mit Waffengewalt abgewehrt werden müsse. Bei dieser Formulierung handelt es sich um ein sogenanntes Framing: das Neuverpacken und Umdeuten von Situationen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Hier soll Unterstützung für den Plan eingeworben werden, Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen abzuweisen. Was beispielsweise auch bedeutet, sie nicht vor dem Ertrinken auf dem Mittelmeer zu retten, oder sie nach Libyen zurückzuschaffen, wo sie in Folterlagern misshandelt werden. Um das zu rechtfertigen, werden aus den Opfern sprachlich Täter gemacht, vor denen man sich schützen müsse.

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besorgt

Wie in besorgte Bürger. Wer besorgt ist, macht sich Gedanken und will möglicherweise sogar etwas zum Positiven verändern. Jedoch wird es leider auch in einem anderen Kontext verwendet: als Verschleierung von fremdenfeindlichen, rassistischen oder schwulenfeindlichen Aktionen. Wer Menschen, die gegen Flüchtlingsunterkünfte oder gegen das Thema Homosexualität im Unterricht demonstrieren, als besorgte Bürger bezeichnet, verharmlost die Motive der Protestierenden. Denn sie sorgen sich nicht um Flüchtlinge und Homosexuelle, sie haben rassistische und homophobe Vorurteile.

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Bundesausreisezentrum

Oder auch Ausreisezentrum. Lager für Menschen, deren Asylantrag bereits abgelehnt wurde, die also eine →erkennbare Nicht-Bleibeperspektive haben, wie es im Behördensprech heißt. Durch die Kasernierung soll ihre Abschiebung erleichtert werden, da die Polizei sie nicht erst suchen muss. Der Begriff verharmlost die Tatsache, dass die Betreffenden nicht freiwillig ausreisen, sondern teilweise mit Gewalt abgeschoben werden. Siehe auch →Aufnahmezentrum.

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Entscheidungszentrum

Auch Aufnahmezentrum, Willkommenszentrum, Rückführungszentrum oder spezielles Aufenthaltszentrum genannt. Eigentlich aber ein Abschiebelager. Menschen, die in Deutschland Asyl begehren, sollen das Land gar nicht erst betreten, sondern in geschlossenen Lagern warten, bis über ihren Asylantrag entschieden wurde. Das Konzept ist ethisch umstritten und möglicherweise illegal. Trotzdem wird es wieder und wieder diskutiert. Dass dazu immer neue Begriffe erfunden werden, zeigt, mit welcher Vehemenz Politiker dieses Konzept durchzusetzen versuchen.

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Flughafenverfahren

Verfahren ist ein bedeutungsleeres Wort, das keinen Hinweis darauf gibt, worum es hier geht. Auch der Zusatz Flughafen verrät nicht, was sich hinter diesem Konzept verbirgt. Das Flughafenverfahren könnte etwas mit dem Check-in oder mit der Gepäckabfertigung zu tun haben. Möglicherweise ist diese Vernebelung Absicht. Denn Flughafenverfahren meint, Flüchtlinge auf Flughäfen einzusperren, bis über ihren Asylantrag entschieden wurde. So eine Haft kann bis zu 18 Monate dauern. Ein ziemlich unangenehmes Verfahren also, das meistens mit der Abschiebung endet. Und auch wenn das Bundesverfassungsgericht geurteilt hat, dass es sich dabei rechtlich nicht um einen Freiheitsentzug handelt, kommt es für die Betroffenen einer Haft gleich. Diese als Flughafenverfahren zu bezeichnen, zeigt den starken Wunsch, das Ganze euphemistisch zu verstecken. Ungefähr so, als würde die heimliche Ausspähung fremder Computer, die gern als Onlinedurchsuchung verniedlicht wird, Festplattenverfahren genannt.

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Flüchtlingsansturm

Bellizismus, daher ein sprachliches Bild, das aus dem Militär und dem Kriegswesen stammt. Der Ansturm klingt nach einem Angriff, nach einer tödlichen Bedrohung für die bestehende Gesellschaft. Die Opfer werden somit zu Tätern umgedeutet, die eine Gefahr darstellen. Es geht nicht mehr um ihre Sorgen und Nöte, sondern nur noch um die Ängste der Aufnahmegesellschaft. Der Flüchtlingsansturm schürt diese Angst vor den betreffenden Menschen und soll genau das auch tun. Siehe →Flüchtlingsstrom.

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Flüchtlingsstrom

Ein Strom ist ein breiter, wasserreicher Fluss. Als sprachliches Bild steht der Strom für eine unaufhaltsame Kraft. Ein Flüchtlingsstrom ist also eine gesichtslose Masse von Menschen, die ohne Rücksicht auf Hindernisse alles bedeckt und zerstört. Auch diese Metapher soll Angst vor Flüchtlingen schüren und von ihren Schicksalen ablenken. Das Bedrohungsszenario kann noch gesteigert werden mit Ausdrücken wie Flüchtlingswelle und sogar Flüchtlingstsunami.

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Gastrecht

Wer wie Angela Merkel oder Sahra Wagenknecht das Asylrecht als Gastrecht bezeichnet und damit suggeriert, dass es eine freiwillig erteilte Gnade ist, entwertet ein im Grundgesetz verankertes Menschenrecht. Und verharmlost das Leid der Verfolgten.

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Grenzöffnung

Behauptet, Angela Merkel habe die deutsche Grenze für Flüchtlinge erst geöffnet. Das ist jedoch unmöglich, da die deutsche Grenze eine Binnengrenze der Europäischen Union und des Schengenraumes ist und damit nie geschlossen war. Sie hätte vielmehr aktiv geschlossen werden müssen. Der Begriff verdreht diese Tatsachen, um nahezulegen, Merkel sei Schuld an dem →Flüchtlingsstrom

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Integrationsverweigerer

In der Soziologie bedeutet der Terminus Integration "(Wieder-) Herstellung eines gesellschaftlichen Ganzen". Gemeint ist also die Zusammenführung von Teil- oder Parallelgesellschaften zu einer gesellschaftlichen Ganzheit. Wenn Politiker von Integrationsverweigerern oder Integrationsmuffeln reden und fordern, dass sie bestraft werden sollen, meinen sie damit Einwanderer, die in den Augen dieser Politiker beispielsweise nicht schnell genug Deutsch lernen. Hier werden also Integrationsregeln für Einwanderer aufgestellt; Regeln sind jedoch keine Gesetze, dennoch soll bestraft werden, wer sich nicht daran hält. Das ist allein juristisch fragwürdig, und angesichts der Wortbedeutung von Integration erst recht: Denn da es sich dabei um eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit handelt, bei der beide Seiten voneinander lernen sollen, haben diese Regeln den Charakter von Konventionen, die für alle Mitglieder der Gesellschaft gelten. Was bedeutet, auch Deutsche könnten von den Neuankömmlingen durchaus Dinge lernen. Der Ausdruck Integrationsverweigerer aber unterschlägt das und fordert nur von einer der beiden Seiten eine Anpassung.

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Masseneinwanderung

Sprachbild, das wie der →Flüchtlingsstrom oder der →Flüchtlingsansturm das Gefühl erzeugen soll, es würden unzählbare Mengen von Menschen nach Deutschland drängen. Dazu ein paar Zahlen: Zwischen 1990 und 2017 haben laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge insgesamt 4,7 Millionen Menschen in Deutschland Asyl gesucht. 40 bis 50 Prozent dieser Asylanträge werden regelmäßig abgelehnt. In Deutschland leben insgesamt 82,5 Millionen Menschen. Dabei blieb die Gesamtbevölkerung nahezu stabil, beziehungsweise ist nur leicht gewachsen. Denn laut Statistischem Bundesamt gibt es seit Jahren ein sogenanntes Geburtendefizit hierzulande, es sterben mehr Menschen, als geboren werden. Durch Flüchtlinge und Zuwanderung wird das ausgeglichen. 1990 lebten 5,5 Millionen Nichtdeutsche hier im Land, heute sind es 9,2 Millionen, also 3,7 Millionen mehr in den vergangenen 27 Jahren. Ist das angesichts der Größe der Bevölkerung schon eine Masse, beziehungsweise eine Masseneinwanderung? Möglicherweise. Das Sprachbild aber suggeriert, diese Einwanderung geschähe ohne Kontrolle und ohne Steuerung, was nicht stimmt.

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Nicht-Bleibeperspektive, erkennbare

Verschleiernde Umschreibung dafür, dass jemand keine Chance auf Asyl in Deutschland hat. Der Begriff unterstellt, dass jemand, der Asyl beantragt, erkennen kann, dass er den Antrag gar nicht erst stellen muss, weil er chancenlos ist. Wenn das so einfach wäre, müssten Asylanträge allerdings nicht von spezialisierten Behörden und im Zweifel immer wieder auch von Gerichten geprüft werden.

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Obergrenze

Wenn etwas eingeschränkt werden soll, müssen Grenzen definiert werden – eine nach unten, die die Mindestmenge festlegt, und eine Obergrenze, die die gewünschte Höchstmenge beschreibt. Es gibt keine Mindestzahl von Zuwanderern, die sich Deutschland wünscht. Trotzdem spricht die CSU ständig von einer Obergrenze. Das Kompositionselement Ober- ist jedoch überflüssig (pleonastisch), weil eine Untergrenze gar nicht zur Debatte steht. Allerdings klingt Obergrenze weniger schlimm als einfach nur Grenze oder Begrenzung. Es klingt, als wäre eine gewisse Menge an Flüchtlingen völlig in Ordnung, als gäbe es Pläne und Überlegungen, wie viele von ihnen für Deutschland gut, ja optimal, wären. Es lässt sich jedoch gar nicht planen, wie vielen Menschen die Flucht bis nach Deutschland gelingt. Und Hilfesuchende können aufgrund des Asylgrundsatzes im Grundgesetz auch nicht einfach so abgewiesen werden, auch wenn die CSU das behauptet; siehe →Transitzentrum. Ganz abgesehen davon, dass sich das schon aus ethischen Erwägungen verbietet. Die CSU greift deshalb zu einem Trick: Sie spricht von Obergrenze, und alle Stammtische verstehen darunter, dass die Zahl der Flüchtlinge begrenzt werden soll. Die CSU meint aber die Obergrenze von Zuwanderung. Das jedoch ist etwas ganz anderes als die Aufnahme von Geflüchteten. In Deutschland ist Zuwanderung schwierig, weil es kein Einwanderungsgesetz gibt. Zuwanderung ist nur in Ausnahmen überhaupt möglich, am ehesten funktioniert sie noch, wenn man einen Deutschen oder eine Deutsche heiratet. Umso leichter kann die CSU von einer Obergrenze sprechen und dabei hoffen, dass viele darunter etwas anderes verstehen.

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Rechtsbruch

Die Kurzform lautet: Es gab keinen. Die Behauptung, Angela Merkel habe Recht gebrochen, als sie Flüchtlinge an der Grenze durchreisen ließ, ist falsch. Deutschland hatte durchaus das Recht, die Flüchtenden auf deutschen Boden zu lassen. Die Dublin-Verordnung enthält ein sogenanntes Selbsteintrittsrecht. Jeder Staat kann unabhängig von der Verordnung für sich entscheiden, Asylsuchende aufzunehmen, auch wenn sie nach der Dublin-Verordnung eigentlich in einem anderen Land Asyl hätten beantragen müssen. Wer im Zusammenhang mit der Situation an der süddeutschen Grenze 2015 von Rechtsbruch redet, will Menschlichkeit zu einem Verbrechen umdeuten und Helfer zu Tätern machen.

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Sicherer Herkunftsstaat

Staat, in den Flüchtlinge bedenkenlos zurückgeschickt werden können, weil ihnen dort angeblich keine unmittelbare Gefahr mehr droht. Wenn man sich die Liste dieser Staaten anschaut, dann können bei einigen berechtigte Zweifel an der Qualifikation als sicher aufkommen: Manche sind nur für einen bestimmten Personenkreis sicher, nämlich für jene Menschen, die der herrschenden Ethnie und/oder Religion angehören, aber oft auch dann nur, wenn sie männlich sind. In anderen Fällen handelt es sich um Staaten, die bestenfalls als failed states zu bezeichnen sind oder in denen mafiös organisierte Gruppen die Macht ausüben. Andere, wie Afghanistan, sind schlicht Kriegsgebiete. Zudem besteht das Problem, dass selbst europäische Herkunftsstaaten, die als vergleichsweise sicher gelten können, nicht für jeden sicher sind. So müssen Homosexuelle oder Roma fast überall Verfolgung fürchten. Der Staat erscheint in solchen Fällen sicher, ist es aber im Zweifel nicht. Sichere Herkunftsstaaten sind nicht sicher, sie sind dem deutschen Gesetzgeber lediglich sicher genug.

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Subsidiärer Schutz

Subsidien nannten die Römer ihre militärische Reserve. Es waren die Truppenteile, die zu Hilfe eilen sollten, wenn die übrigen Einheiten in Bedrängnis gerieten. Später wurde daraus eine generelle Bezeichnung für Hilfsmittel. Da heute nur noch wenige Menschen Latein sprechen, kann davon ausgegangen werden, dass der Begriff missverständlich ist und die meisten darunter einfach "Schutz" verstehen. Doch das Adjektiv subsidiär schränkt das Substantiv in seiner Bedeutung ein: Der subsidiäre Schutz, den der deutsche Staat Flüchtlingen aus Kriegsgebieten gewährt, ist nur sehr begrenzt. Es ist ein Hilfsschutz, der angewendet wird, weil der eigentliche Schutz versagt. Denn internationale Verträge haben Kriegsflüchtlinge nie anerkannt. Da es dauernd irgendwo Krieg gibt, und alle ständig neue anzetteln, hatte offenbar niemand Interesse daran, Kriegsflüchtlingen Schutz zu gewähren. Auf den dürfen nur jene hoffen, die aufgrund ihrer politischen Haltung, ihrer Rasse, Religion, Nationalität oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe verfolgt werden. Beschossen und bombardiert zu werden, genügt nicht. Statt echter Hilfe erleben die Betroffenen daher in Deutschland auch nur eine Menschlichkeit auf Zeit. Ist der Krieg in ihrer Heimat nicht mehr ganz so schlimm, müssen sie zurück. Egal, wie zerstört, zerrissen und gefährlich ihr Land auch ist.

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Transitzentrum

Zentrum ist ein nichtssagendes Passepartout-Wort, und Transit ist in diesem Zusammenhang glatt gelogen. Denn es geht nicht um einen "Übergang" von einer schlechten Situation in eine bessere (von lateinisch transire "übergehen"). Im Transitzentrum soll den Flüchtlingen der weitere Weg vielmehr versperrt werden. Es ist ein Aussperrgefängnis, in dem Asylsuchende warten sollen, bis über ihren Asylantrag entschieden wurde. Siehe auch →Ankerzentrum, →Entscheidungszentrum oder →Flughafenverfahren.

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Transitzone

Als Transit wird die Durchquerung eines Landes bezeichnet, wenn sich ein Reisender dort nicht länger als nötig aufhalten will. Dafür gibt es manchmal eine spezielle Erlaubnis, das Transitvisum. Manchmal wird die Durchreise auch einfach geduldet, weil davon auszugehen ist, dass die Reisenden kein Interesse haben, an dem jeweiligen Ort zu verweilen. Beispielsweise an Flughäfen oder Häfen, wo für umsteigende Reisende besondere Bereiche eingerichtet sind, eben Transitzonen. Hier geht es jedoch darum, den Grenzübertritt zu verhindern. Es handelt sich um ein Lager, in dem Menschen am Transit gehindert werden sollen. Insofern ist die Transitzone das Gegenteil von dem, was sie behauptet zu sein. Auch das zweite Kompositionsglied Zone ist eine Lüge: Zonen sind großzügige Unterteilungen von Räumen oder Gebieten (eigentlich bedeutet Zone auf Griechisch "Gürtel"). Die CSU aber will Menschen außerhalb des Landes, in das sie einreisen wollen, auf engstem Raum zusammenpferchen, um sie daran zu hindern, das gewünschte Land zu erreichen. Es müsste also richtigerweise von Aussperrgefängnis gesprochen werden.

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Überfremdung

Angstmetapher. Der Begriff entstand in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts und wird nun wieder von der Neuen Rechten propagiert. Er behauptet, ein gewisser Anteil an Fremdheit sei grundsätzlich in Ordnung, nur sei diese Grenze jetzt überschritten und es werde zu viel des Fremden. Er schürt die Angst, das Bekannte könne verschwinden und durch irgendwelche neuen Dinge überformt und ersetzt werden. Die Überfremdung wurde bereits 1993 zum Unwort des Jahres gewählt, ist aber trotzdem nicht aus der Debatte um Flucht und Asyl verschwunden.

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Willkommenszentrum

Euphemismus, da es nicht darum geht, Menschen willkommen zu heißen. Im Gegenteil, soll das Willkommenszentrum doch gerade die Einreise nach Europa verhindern. Gemeint ist ein Auffanglager außerhalb Europas, um Menschen, die nach Europa wollen, bereits auf nordafrikanischem Boden sammeln und sortieren zu können. Die Argumentation lautet, dass deren lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer verhindert werde, wenn bereits in den Herkunftsländern über Asylanträge entschieden werden könne. Diese Idee ist alt, schon 2004 redete der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) über entsprechende Pläne.

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Zuwanderungskorridor

Meint nicht etwa einen geschützten Bereich an den europäischen Grenzen, über den Flüchtlinge gefahrlos Deutschland erreichen können, wie das Wort nahelegt. Denn das lateinische currere heißt "laufen" und darunter wird ein Zugang verstanden. Bezeichnet wird damit jedoch die Zahl der Flüchtlinge, die Deutschland jährlich aufnehmen will. Korridor klingt außerdem, als sei diese Zahl flexibel. Das ist sie aber nicht. Der Zuwanderungskorridor, den Innenminister Horst Seehofer in seinem hochtrabend als "Masterplan" bezeichneten Papier nennt, ist nur ein anderer Ausdruck für →Obergrenze und damit eine bewusste Verschleierung der Tatsachen.

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