Ayad Akhtar gehört zu den weltweit erfolgreichsten Dramatikern. Für sein Stück "Geächtet" erhielt er 2013 den Pulitzer-Theaterpreis. In seinem jüngsten Drama "Junk", das im April am Hamburger Schauspielhaus aufgeführt wurde, geht es um den Handel mit Schrottanleihen. In diesem Essay für ZEIT ONLINE erklärt Akhtar, was die amerikanische Schuldenkultur mit der Präsidentschaft von Donald Trump zu tun haben könnte. In der US-Gesellschaft hätten angenommene Werte wirkliche Werte abgelöst.


Was sich im Lauf der vergangenen zwei Jahre in der Weltpolitik abgespielt hat, lässt sich nicht bloß damit erklären, dass immer mehr Menschen in ihrer Unzufriedenheit Populisten an die Macht gebracht haben. Die weit verbreitete Frustration ist zwar durchaus real. Und sie wächst. Die um sich greifende Stimmung der Angst hat jedoch weit weniger mit Migration zu tun als mit einer allgegenwärtigen Verschuldung.

Ayad Akhtar wurde 1970 als Sohn pakistanischer Einwanderer in New York geboren. Er gehört zu den weltweit erfolgreichsten Dramatikern. Für sein Stück "Geächtet" erhielt er 2013 den Pulitzer-Theaterpreis. In seinem jüngsten Drama "Junk", das im April am Hamburger Schauspielhaus aufgeführt wurde, geht es um den hochspekulativen Handel mit Schrottanleihen. © Getty Images

Neu ist das Phänomen keineswegs: Schon John Adams, der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, soll gesagt haben: "Es gibt zwei Wege, eine Nation zu versklaven – einerseits durch das Schwert, andererseits durch Schulden." Ein Satz, der für jedes System gilt, das darauf aus ist, eine Bevölkerung zu unterwerfen und einen eigenen Nutzen daraus zu ziehen. Er gilt auch für das Kapital selbst.

Das fundamentale Prinzip des weltweiten Finanzsystems ist einfach: "Kapital muss wachsen." Dass Geld stets seine Vermehrung anzustreben hat, ist heute selbstverständlich, und um diesen wichtigsten Glaubenssatz des Finanzsystems zu erfüllen, sind im Lauf der vergangenen 50 Jahre zahlreiche neue Wege gefunden worden, wie sich die Verschuldung der Bürger immer lukrativer nutzen lässt. So beruht unsere Wirtschaft heute ganz wesentlich darauf, die Schulden, die wir in unterschiedlichen Bereichen machen – mit Hypotheken, mit Kreditkarten, beim Kauf von Autos und bei den Studiendarlehen – in kontinuierliche, monetarisierbare Erträge zu verwandeln, die sich weiterverkaufen lassen. Auch der Handel entdeckt zunehmend das Abonnement- und Mietmodell für sich: Kauf dir nicht das neue iPhone, miete es! Auf diese Weise kann der Einzelhändler nicht bloß die monatliche Rate verkaufen, die der Kunde zu zahlen hat. Noch lukrativer wird es, wenn er ihn dazu bringt, zusätzlich eine Versicherung für die Ware abzuschließen – schließlich schafft auch dies kontinuierliche Einkünfte, die sich weiterverkaufen lassen.

Die Transformation unserer Aktivitäten in einen festen Zeitablauf regelmäßig anfallender Zahlungen reift immer weiter aus, und wir werden bald die größtmögliche Effizienz und Effektivität dieses Modells erreicht haben. Wenn es so weit ist, erbringen Schulden auf eine geradezu unschlagbare Weise Kapital, auf eine Weise, wie es traditionelle Arbeitskraft niemals könnte. Denn wenn der erste Glaubenssatz lautet, dass Kapital zu wachsen habe, ist der zweite beinahe ebenso simpel: "Arbeite weniger, verdiene mehr." Seit mobile Endgeräte in unseren Händen liegen, werden auch unsere kognitiven Vorgänge zunehmend zu Geld gemacht. Schulden – und die Vorstellung, Schulden zu haben, sei eine Art Auszeichnung – generieren aus jedem Scrollen, aus jedem unserer Klicks neue Einnahmen.

Erst heute, mit dem Abstand der Jahre, sehen wir die ganze Tragweite einer Entwicklung, die in den USA mit der Präsidentschaft von Ronald Reagan begonnen hat und mit der Schaffung des Marktes für Hochzinsanleihen durch Investmentbanker wie Michael Milken. In der US-amerikanischen Geschichte war dies der Augenblick, als das Ausrauben der Gesellschaft durch das Prinzip des Schuldenmachens zur ideologischen und gesetzlich legitimierten Basis unserer Wirtschaft wurde. Von diesem Punkt an, mit den Schulden als sine qua non unseres Wirtschaftslebens, haben sich die gewaltigen Massen der Mittelklasse zur sicheren Garantie des Kapitalwachstums entwickelt. Inzwischen sind es unsere fundamentalen Lebensentscheidungen – über unsere Wohnsituation, unsere Gesundheit, unsere Bildung und später unsere Erholung –, die uns von jenem System abhängig machen, das die eigentliche politische Matrix unseres Zeitalters bildet. Was heute wächst, sind keine Gemeinden, sondern nur das Geld selbst. Die Polis und ihre Dienerin, die Politik, sind vom Finanzwesen geschluckt worden, das im 21. Jahrhundert mit dem Prinzip des Schuldenmachens quasi gleichzusetzen ist.