Vor einigen Monaten habe ich getan, wovon viele in Berlin reden. Gemeinsam mit einem Freund habe ich ein Haus "auf dem Land" gekauft. Eine Mischung aus Villa Kunterbunt und Hogwarts in einem 200-Seelen-Dorf, das zu DDR-Zeiten eine Feriensiedlung war. Villa Kunterbunt, weil unser Haus wie die meisten der Häuser hier erst mal nur ein kleines Ferienhaus war und sich dann über die Jahre auf das Dreifache seiner ursprünglichen Größe ausgedehnt hat. Hogwarts, weil es hier eine Tür gibt, die ins Nichts zu führen scheint, und eine steile Treppe, unter der man kleine Jungs einsperren könnte.

Sabine Kray wurde 1984 in Göttingen geboren. Heute lebt sie in Berlin, wo sie als Autorin und Übersetzerin arbeitet und sich als Mentorin für junge Mädchen bei der Bürgerstiftung Neukölln engagiert. Ihr Debüt, "Diamanten Eddie", ist im Frühjahr 2014 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

In den ersten Monaten haben wir wenig mit den Nachbarn zu tun gehabt. Seit ich einen Hund habe, bekomme ich mehr davon mit, wovon im Dorf so geredet wird. Unsere Nachbarin Jeanette erklärt mir gleich bei unserem ersten Spaziergang, wo man Honig, frische Eier und Gemüse bekommt, sie erzählt auch, dass es Leute im Dorf gebe, die sich fragten, ob wir "zu viel Geld" hätten, weil die Terrassenbeleuchtung manchmal auch am Tage an sei. Um ehrlich zu sein, weiß ich noch gar nicht so genau, wie man diese Lampen überhaupt bedient. Eine Nachbarin hinten erklärt mir, eine andere habe sich bereits beklagt, dass wir die Löcher im Zaun noch nicht in Ordnung gebracht hätten. Löcher? Keine Ahnung. Hinter jedem Smalltalk scheint sich eine brennende Frage zu verbergen: Was wollen die hier, und wird sich mit dem Einzug der Städter nun etwas verändern?

Vor einigen Wochen erzählt mir Jeanette, dass es wieder "Neue" gibt. Sie haben das riesige Grundstück am See gekauft. Drei Frauen aus dem Prenzlauer Berg. Mehr als eine Million Euro sollen sie bezahlt haben. Oh, sage ich, und ich bin nicht glücklich darüber, wie das klingt, mein Oh, aber ich kann mir nicht helfen: Ich bin bereits misstrauisch. Als mein Landmitbewohner und ich am Abend in unserem frisch erworbenen kleinen Haus darüber sprechen, sind wir uns beide relativ sicher, dass die drei Frauen dort sicherlich Ferienhäuser bauen und teuer vermieten wollen. Schon sind wir nicht mehr die Neuen, sondern die Einheimischen, die sich sorgen, dass sich der Status quo, den wir vorgefunden, aber ja selbst bereits durch unser Zuziehen verändert haben, verändern könnte. Ich erwische mich dabei, wie ich das Wort "Städter" verwende und komme ins Grübeln. Ich verhalte mich kaum anders als die Leute, die, vor wenigen Jahren nach Berlin gezogen, gegen die Gentrifizierung protestieren, die sie selbst mit ihrem Zuzug in Gang gebracht haben. Im Grunde ist es immer dasselbe: Sobald wir selbst irgendwo unseren Platz gefunden haben, soll bitte schön alles so bleiben, wie es ist.

Schon in der Schule ist der Moment, in dem wir das neue Klassenzimmer betreten, mit Hoffnungen, Ängsten und Ansprüchen auf allen Seiten verbunden. Instinktiv versuchen wir herauszufinden, wer das Sagen hat und wie wir uns mit ihr oder ihm gut stellen können. Wir wollen Teil der Gruppe werden. Sind wir das schließlich, ist unser eigenes Außenseiterdasein schnell wieder vergessen, wir gehören jetzt dazu, wir sind Teil der etablierten Masse, wir bangen um unsere Position, den Platz am Klettergerüst oder der Schaukel, oder eben um den Zugang zum See, wenn jemand Neues dazukommt. So funktionieren Menschen, so haben sie schon immer funktioniert. Der oder die Fremde könnte ja darauf aus sein, uns etwas wegzunehmen. Und obwohl wir schon als Kinder feststellen, dass nun zwar die Konkurrenz um die Schaukel größer geworden ist, aber auch endlich jemand da ist, der beim Fußball gern im Tor steht, fällt es uns immer wieder schwer, uns im rechten Moment daran zu erinnern, egal ob im Büro, im Sportverein, in der Stadt oder eben auf dem Land.

So sind es oft die Zugezogenen, die das Misstrauen hegen, es sind die Neuen, die sich für ein "damals" einsetzen, dass sie selbst weder erlebt noch geschaffen haben. Die Dorfbewohner sind vor allem eines: neugierig. Wer will ihnen das verdenken?

Eine der drei Hauskäuferinnen vom See habe ich in der Zwischenzeit übrigens kennengelernt. Emily erzählt, dass sie drei Familien sind, die hier die Wochenenden mit den Kindern verbringen wollen. Wenn sie das nächste Mal ein Lagerfeuer machen, dann sollen wir doch gern mal vorbeikommen. Oh. Ich werde mal Jeanette fragen, ob sie mitkommen möchte – die Neuen kennenlernen.