2017, nach der Wahl Donald Trumps, sah ich die Bilder des US-amerikanischen Straßenkünstlers Shepard Fairey: schöne, junge, kraftvolle Frauen, sichtbar ethnisch-kulturellen Minderheiten angehörend, aber in den Farben der amerikanischen Flagge gemalt und unter ein Motto gesetzt: "We the people" ("Wir, das amerikanische Volk").

Eine der Frauen ist eine Muslimin, sie trägt die Fahne als Hijab und starrt den Betrachter aus großen Augen durchdringend an. "We the people are greater than fear", steht unter ihr: "Wir, das Volk, sind größer als die Angst." Ich starrte zurück, glaubte aber nicht, dass das stimmte. Denn wenn das Volk größer wäre als die Angst, hätte der Logik dieser Poster zufolge Trump die Wahl gar nicht gewinnen können. Außerdem schien mir der Satz im krassen Widerspruch zu den globalen Entwicklungen unserer Zeit zu stehen, vor allem zu dem, was in meinem Land geschieht, im Jemen.

Ich erinnere mich an die Angst, die vom Volk Besitz ergreift, wenn es die Flugzeuge mit den Bomben nahen hört. Wie die Angst die Mütter im Griff hat, die um ihre Kinder fürchten. Wie sie zu einer alltäglichen Angelegenheit wird, mit der man klarkommen muss. Wie junge Männer und Frauen schnell heiraten, weil sie fürchten, dass der Tod ihnen zuvorkommen wird, ihnen den Genuss nehmen wird, die Liebe kennenzulernen. Die Angst ist überall, in den Häusern, den Schulen, Krankenhäusern, Straßen und, am schlimmsten, in den Herzen. Die Angst vor dem Hunger treibt viele Männer und sogar Kinder dazu, am Krieg teilzunehmen, zu kämpfen, zu töten. Noch mehr als vor dem eigenen Tod haben die Menschen Angst, diejenigen zu verlieren, die sie lieben; davor, sie nicht beschützen zu können.

Es hilft nicht zu leugnen

Als ich noch im Krieg war, dachte ich, dass ich selbst stark und ohne Angst sei; dass nur die anderen Angst hätten. Ich empfand mehr Schmerz als Angst, Schmerz darüber, dass die Menschlichkeit in die Brüche ging, dass das Erbarmen dahinschwand und dass die Hoffnung jeden Tag neu ermordet wurde. Aber als ich dem Krieg entkommen war, merkte ich, dass ich mich plötzlich vor Dingen fürchtete, vor denen ich mich vorher nie gefürchtet hatte: vor Gewitter, vor Insekten und vor Bergen, vor allem vor Bergen. Anfangs blieb mir nichts anderes übrig, als diese Angst zu leugnen. Ich dachte, dass die Tatsache, dass ich vorher keine Angst hatte, bedeuten würde, dass ich sie auch jetzt nicht haben dürfte. Ich wusste noch nicht, dass Angst nicht kontinuierlich verläuft, sondern sich proportional zu unseren zurückliegenden Erfahrungen entwickelt.

Ich bin in Sanaa aufgewachsen, einer märchenhaft schönen Stadt mit jahrhundertealten Gebäuden, schlichten Menschen, inmitten einer rauen Landschaft. Sanaa ist umgeben von hohen Bergen. Für uns Jemeniten gehörte es zum Alltag, auf Berge zu steigen. Früher gingen wir in die Berge und machten Picknick, und wir bauten unsere Häuser, Schulen und Krankenhäuser an den Fuß dieser Berge.

Vor ein paar Wochen hatte ich Gelegenheit, die oberbayerischen Berge kennenzulernen und dort ein paar Tage Ferien zu machen. Das sind auch Berge von großer Schönheit. Ich wollte meine Angst überwinden, die Stimme in meinem Kopf herausfordern, die den Satz "Das Volk ist größer als die Angst" nicht glauben mag. Ich wollte neue, gute Erinnerungen für mich schaffen, die sich an Berge knüpfen. In den Bergen um Sanaa wurden große Waffenlager eingerichtet. Als die Saudis den Krieg begannen, bombardierten sie die Berge, um die Waffen zu zerstören, und das war das Ende der Beziehungen der Menschen zu den Bergen. Die Häuser und Schulen und Krankenhäuser in ihrer Nähe wurden evakuiert, man hörte auf, auf Berge zu klettern oder auch nur mit dem Auto dorthin zu fahren. Wir alle empfanden die Berge als einen Fluch. Als eine Falle, aus der kein Entkommen war, als ein mörderisches Gefängnis.