Es ist doch seltsam: Obgleich die Zahl der Eheschließungen in den vergangenen Jahren statistisch gesehen stabil war, könnte man in meinem Freundes- und Bekanntenkreis den Eindruck gewinnen, als täten junge Menschen gar nichts anderes mehr. So häufig wird da inzwischen geheiratet, dass mein Mann an Wochenenden nur noch stundenweise von Junggesellenabschieden zurückkehrt. Manchmal vergisst das Kind zwischendrin, wie er aussieht.

Wenn der Mann nicht gerade auf Grillinseln oder in Escape-Rooms verweilt, gemeinsam mit den anderen Bachelors viktorianisches Fechten lernt oder in weißen Stretchlimousinen Bier aus Schampusgläsern nippt, reiben wir uns verwundert die Augen darüber, was unsere Freunde so alles in ihre wundervollen Eventhochzeiten zu investieren bereit sind. Und warum überhaupt so begeistert geheiratet wird.

Neulich las ich in einem Artikel, es könne sich beim Heiratstrend um eine Form des Hygge-Hypes handeln. Dass also in Zeiten der allgemeinen Unsicherheit – Klima, Wirtschaft, Politik, you name it! – ausgerechnet im scheidungs- und zerrütungsbedrohten Hafen der Ehe nach Sicherheit und Konstanz, nach heimeliger Gemütlichkeit gesucht wird.

Ich persönlich vermute weitaus nüchternere Ursachen. Der Wohnungsmarkt könnte eine sein. Zuletzt hörte ich von Leipziger Freunden häufiger, dass in angesagten Innenstadtvierteln von Vermietern immer öfter Eheurkunden von Paaren eingefordert werden – obgleich beide Vollverdiener sind. Vermutlich will man sich wirklich absichern, dass das junge Paar seine Beziehung nicht von heut auf morgen über Bord wirft. Der dann nötig werdende Papierkram ist schließlich die Hölle.

Marlen Hobrack studiert im Master-Studiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Wohnung nur gegen Trauschein – das gab's zuletzt in der DDR. Zurück zu den Wurzeln also, warum auch nicht, wir Ossis mögen schließlich Ostalgie. Apropos, auf den Hochzeitsbildern meiner Tanten und Onkels sieht man zumeist eher nüchterne, will sagen: wenig illusionsbereite Paare, die wie nebenbei zum Standesamt gehen. Die Frau gerne im weißen Hosenanzug, der Mann mit adretter Synthetikkrawatte unter fusseligem Schnauzer. Keine Spur von Gespür für den Augenblick, für die Ereignishaftigkeit des Tages. Ganz anders heute! Wenn man schon heiratet, ob nun für den Wohnungsmarkt, den Hauskredit, der nötig wird, weil es keinen bezahlbaren Wohnraum gibt, die Hyggeligkeit oder weil die Aussicht auf eine mickrige Rente das junge, später altersarme Paar fest zusammenschweißt, ja, wenn schon, dann will man richtig heiraten: Star für einen Tag sein. Für so eine Eventhochzeit werden dann schon mal fünfstellige Summen aufgerufen, die in eine passable Altersvorsorge womöglich besser investiert wären.

Jedenfalls erinnern diese teuren Hochzeiten an Inszenierungsstrategien, wie man sie sonst nur von Hochzeiten der Promis und Superreichen kennt. Neulich beispielsweise durfte ich der Hochzeit von wirklich bezaubernden Freunden beiwohnen. Man heiratete auf einem Rittergut, alles picture perfect, was auch der Fotograf in Tausenden von Fotos vom extrem attraktiven Brautpaar und der Festgesellschaft zu dokumentieren wusste. Es schadete nicht, dass das Brautpaar allen Anwesenden einen Vintagedresscode auferlegt hatte, sodass sich noch jeder Gast lückenlos in das vorgefertigte Inszenierungsschema fügte. Hochgradig fotogen auch die Landschaft, wie aus einem heiteren Pieter-Bruegel-Gemälde gefallen: hier und da pittoreske Heuballen vor sanften Hügeln, Katzen beim Mausen, Kraniche am Himmel. Und dann die Tischdeko! Wie ein magischer Zauberwald, alles sehr stilvoll, nicht mal richtig kitschig. Nur folgerichtig dankte der Bräutigam in seiner großen Ansprache dem Dekorationsteam, dessen Arbeit jede Instagram- und Pinterest-Inszenierung in den Schatten stelle.

Eine solche Hochzeit mit Ereignischarakter entfaltet ihre ganze Wirkung nicht aus der emotionalen Kraft des dabei geschlossenen, ehelichen Bundes. Sie ist auch kein nüchterner, ökonomischer Akt, der zwei Menschen zu einer Zugewinngemeinschaft verschmilzt. Sie ist die konsequent zu Ende gedachte Verwirklichung von romantischen Kleinmädchenfantasien, gewürzt mit einer Prise Größenwahn.

Sie entnehmen meinem Text vielleicht eine gewisse zynische Distanz zum Heiraten? Kein Wunder, gehöre ich doch ebenjener Generation von Wendekindern an, deren Elternehen schon kurz nach der Wende mit einem nüchternen Trennungsbeschluss endeten. Kann sein, dass mein Mann, der eben nicht mein Ehemann ist, auch deswegen mit panisch abwehrenden Handgesten auf die immer häufiger gestellte Frage "Wann ist es denn bei euch soweit?" reagiert. Er ist eben nüchterner Realist. Da bleibt nicht viel Raum für romantische Hochzeitsfantasien.

Die hegen übrigens auch die Männer in meinem Freundeskreis nicht. Sie erleben ihre Hochzeit eher als potenzielles ökonomisches Risiko, nicht nur, was die unmittelbaren Kosten der Hochzeitsfeier anbelangt, sondern auch deren Langzeitfolgen. Scheidungsanwälte und Versorgungsausgleich zum Beispiel. So erscheint die bildgewaltige Romantikhochzeit gewissermaßen als maximale Konzession an die Angebetete, die sich, sollte die Verlobung nicht bald erfolgen, womöglich nach anderem Hochzeitsmaterial umblickt. Soll sie halt ihre Traumhochzeit haben. Er bekommt dafür den Hobbykeller.