Vor ein paar Tagen war es wieder mal so weit. Senait verschanzte sich in ihrem Zimmer, reagierte nicht auf Klopfen, nicht auf die WhatsApp, die ich dann manchmal an sie schicke. Kein Wort, kein Laut von ihr. In Momenten wie diesen weiß ich: Jetzt braucht sie Ruhe, jetzt will sie mit niemandem reden und niemanden sehen. 

Mittlerweile kenne ich das. Und frage nicht mehr, ob ich ihr helfen kann. Einen Tee kochen vielleicht, etwas Obst schälen, Kekse bringen. Ich frage auch nicht mehr, was sie bedrückt. So, wie ich das anfangs getan habe, als sie eingezogen war. Heute ahne ich ihre Reaktion. Sie wird den Kopf schütteln und sagen: "Es ist nichts, gar nichts, wirklich."

Simone Schmollack ist Journalistin und Buchautorin. Sie war über zehn Jahre Autorin und Redakteurin der "taz". Von Dezember 2017 bis Juni 2018 war sie Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Barbara Dietl

Seit einigen Monaten wohnt Senait im Zimmer meiner Tochter, die vor ein paar Jahren ausgezogen ist, um in einer anderen Stadt zu studieren. Schon damals, vor dem "Flüchtlingssommer 2015", wollte ich eine geflüchtete Frau in meiner Wohnung aufnehmen. Ich wollte helfen, direkt und persönlich, und nicht nur darüber reden und schreiben, wie das Journalist*innen gewöhnlich tun. Damals hat das aus unterschiedlichen Gründen nicht geklappt. Aber jetzt, seit so viele Menschen aus Afrika, Afghanistan, Irak und Syrien hier sind, ist es etwas unkomplizierter, ein Zimmer an Menschen zu vermieten, die in Deutschland Asyl suchen.

Senait ist vor drei Jahren aus Eritrea geflohen. Damals war sie 17, sie ist zur Schule gegangen und hatte jeden Tag Angst. Angst, dass die Armee sie einsammelt, vor der Schule, in ihrem Elternhaus, auf der Straße. Seit die Nachbarländer Äthiopien und Eritrea verfeindet sind, müssen Frauen in Eritrea zur Armee, wenn sie 18 Jahre alt geworden sind. In der jüngsten Vergangenheit holten Söldner aber auch schon jüngere Mädchen, manche waren erst 15 oder 16. Die Soldaten drangen in Häuser ein und nahmen die Mädchen mit.

Das alles wollte Senait nicht. Deshalb ist sie aus dem Land, das sie liebt, geflüchtet. Sie weiß, was Militär bedeutet. Eine ihrer beiden älteren Schwestern hat die Armee förmlich "geschluckt", weder Senait noch irgendjemand aus der Familie hat Kontakt zur Schwester. Senaits Vater ist bei der Armee, die Tochter kennt ihn praktisch nicht, früher, als Senait klein war, war er fast nie zu Hause. Senait ist dem Leben, das sie in ihrer Heimat erwartet hätte, über Nacht entflohen. Ohne jemandem Bescheid zu sagen. Keiner Freundin, keiner Lehrerin, nicht einmal die Mutter wusste davon. So erzählt es Senait.

Und nun ist die junge Frau – nach der Flucht, die sie über Äthiopien, Sudan, Libyen und Italien nach Deutschland führte – in Berlin, in einem 28 Quadratmeter großen Zimmer bei einer deutschen Familie. Hier geht es ihr gut, sie geht zur Schule, sie fühlt sich sicher und aufgehoben. Senait kann ausgelassen und fröhlich sein, vor allem im Wasser: in Badeseen, im Freibad, im Meer. Dann schwimmt und taucht sie und spielt mit dem Wasser wie ein Kind. Dann scheint sie alles um sich herum zu vergessen. Manchmal aber wechselt ihre Stimmung plötzlich, im Handumdrehen wird aus der jungen, lebendigen Frau eine Person, die sich verkriecht und niemanden an sich heranlässt. Dann jagen Dämonen durch ihren Kopf, die sie nicht bekämpfen kann. Die Erinnerung an die Heimat, die Sehnsucht nach der Mutter, dem kleinen Bruder. Die Erlebnisse und die Gewalt während der Flucht. Dann sagt Senait Sätze wie: "Mein Kopf ist kaputt."

Dann kann ich sie auch nicht dazu bringen, mit runter in den Hof zu kommen, wie neulich, als sie sich unverhofft in ihrem Zimmer verkroch. Die Hausgemeinschaft hatte sich spontan entschlossen, am Abend zu grillen. Senait hatte sich darauf gefreut. Aber dann sagte sie: "Ich will nicht." Ihr Blick sagte mir: Frag nicht weiter, bitte.

Seit Senait bei mir wohnt, ist vieles anders. In meinem Leben. In ihrem Leben. Zwei völlig verschiedene Kulturen treffen aufeinander, zwei zum großen Teil unterschiedliche Moralvorstellungen, zwei andersartige Weltsichten. Bereicherung und Herausforderung gleichermaßen, für beide Seiten. Und die einzigartige Möglichkeit, gegenseitige Vorurteile zu entsorgen, zumindest aufzuweichen.