Die Ismailiten bilden mit etwas mehr als 20 Millionen Anhängern die zweitgrößte Glaubenskonfession des schiitischen Islam. Sie leben in über 25 verschiedenen Ländern, hauptsächlich in Zentral- und Südasien und im Nahen Osten. Bestimmte Sitten, die sich im sunnitischen Glauben finden – wie zum Beispiel das Fasten im Ramadan, das Tragen eines Kopftuches bei Frauen, das Pilgern nach Mekka oder die Vielehe –, werden von Ismailiten abgelehnt. In ismailitischen Moscheen beten Männer und Frauen zusammen und es ist Frauen und sogar Kindern gestattet, vor der Gemeinde das Gebet zu sprechen.

Anders als die übrigen muslimischen Glaubensrichtungen haben die Ismailiten auch nur einen Imam – den Aga Khan. Seine Aktivitäten sind, ähnlich denen eines Kirchenoberhauptes, nicht ausschließlich religiöser Natur, sondern umfassen ein breites soziales und politisches Engagement.

Hoffnung auf einen Asylantrag

Vom 11. Juli 2017 bis zum 11. Juli 2018 feierten Ismailiten überall auf der Welt die 60-jährige Amtszeit des Aga Khan. Im Juni 2018 kamen mehrere Tausend nach Frankreich, um ihn in seinem Schloss in Gouvieux-Chantilly persönlich zu sehen – unter ihnen viele, die aus Syrien nach Europa geflüchtet waren. Zum Abschluss des Jubiläumsjahres folgte der Aga Khan einer Einladung der portugiesischen Regierung nach Lissabon. Wieder fanden sich Tausende seiner Anhänger aus aller Welt ein. 

Auch viele Ismailiten aus der syrischen Stadt Salamiya, die stark ismailitisch geprägt ist, wären gerne gekommen. Manche Ältere hofften, bei dieser Gelegenheit ihre Kinder, die nach Europa geflüchtet waren, wiederzutreffen, und manche hofften insgeheim auf die Möglichkeit, einen Asylantrag in Europa stellen zu können. Zu ihrer großen Enttäuschung wurde nur einer sehr kleinen Anzahl von ihnen diese Chance zuteil: Nicht einmal 100 Ismailiten aus Salamiya durften, auf Einladung des Aga Khan Development Network (AKDN), nach Lissabon reisen – religiöse Amtsinhaber sowie Musiker und Tänzer, die zur Untermalung des Programms gebraucht wurden.

Aufhebung des Einreiseverbots

Karim al-Husseini ist der 49. Aga Khan und seit mehr als 60 Jahren im Amt. 1936 in Genf geboren, wuchs er unter anderem in Kenia auf und absolvierte ein Studium an der Harvard University. Er begann sein Amt bereits im jungen Alter von 20 Jahren, da sein Großvater in seinem Testament verfügt hatte, dass nicht der Sohn, sondern der Enkel seine Nachfolge antreten solle.

Während der gesamten Amtszeit von Hafis al-Assad (dem Vater von Baschar al-Assad) war es Karim Aga Khan nicht erlaubt, nach Syrien zu reisen und seine Anhänger zu besuchen. Als Baschar al-Assad die Nachfolge seines Vaters als Präsident Syriens antrat, wurde das Verbot aufgehoben. Karim Aga Khan veranlasste daraufhin, dass in mehreren syrischen Städten Banken eröffnet wurden, um den Menschen Kleinkredite zu gewähren; er ließ alte ismailitische Burgen restaurieren, ebenso wie zahlreiche andere alte Gebäude in Damaskus und Aleppo. Zu dieser Zeit begann auch das Aga Khan Development Network seine Arbeit in Syrien.

Die Ismailitenbewegung hatte in ihrer Anfangszeit ihren Hauptsitz in Salamiya. Von hier aus wurden Missionare bis nach Zentralasien und Nordafrika entsandt. Noch heute ist Salamiya für die Ismailiten von großer Bedeutung; neben einer kleinen Anzahl von Sunniten und wenigen Aleviten sind sie die größte hier lebende Gruppe. Auch Aly Khan, der Vater von Karim Aga Khan, liegt hier begraben. In den Achtzigerjahren wurden viele Bewohner Salamiyas vom Regime Hafis al-Assads verhaftet, weil sie dem Kommunismus nahestanden, und erst mit dem Amtsantritt seines Sohnes erlangte ein Teil von ihnen die Freiheit wieder.