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Jay Rosen ist einer der führenden Medienwissenschaftler der Vereinigten Staaten. Seit 1986 lehrt er Journalismus an der New York University und forscht über den Strukturwandel in Journalismus und Medien. Bekannt wurde er unter anderem für seine Kritik an dem Begriff der journalistischen Objektivität. Derzeit ist Rosen ein Fellow an der Robert Bosch Akademie in Berlin. Während seines Aufenthalts untersucht er das Selbstverständnis deutscher Journalisten. Wir haben mit ihm über die "Washington Post", Trump und die AfD gesprochen.


ZEIT ONLINE: Herr Rosen, ist es wirklich eine gute Idee, wenn der reichste Mann der Welt eine der beiden einflussreichsten Zeitungen der USA besitzt?

Der amerikanische Medienwissenschaftler Jay Rosen, Juni 2018 © Robert Bosch Akademie

Jay Rosen: Die Idee ist nur deshalb gut, weil es kaum bessere Alternativen dazu gibt. Für die Washington Post als Institution war es eine gute Nachricht, an Jeff Bezos verkauft zu werden. Es war gewissermaßen das Beste, was die vorherigen Eigentümer, die Graham-Familie, für die Zeitung getan haben. Sie haben eingesehen, dass sie kein Modell hatten, um die Post am Leben zu halten. Also suchten sie nach jemandem, der das Geld und möglicherweise die Fähigkeiten besitzt, solch ein Modell zu finden. Bezos schien ihnen der geeignetste Mann zu sein. Natürlich bringt es Probleme mit sich, wenn der reichste Mann der Welt eine einflussreiche Zeitung besitzt. Aber jede Art, den Journalismus am Leben zu halten, ist problematisch. Nachrichtenjournalismus wurde immer subventioniert. In Deutschland zum Beispiel durch die hohen Rundfunkgebühren. Auch dieses Modell bringt Fragen mit sich.

ZEIT ONLINE: Die Bedenken gegenüber Bezos haben nicht nur mit seinem Reichtum zu tun. Er ist auch der Gründer und Chef von Amazon, einem Unternehmen, dass im Onlinehandel quasi eine Monopolstellung hat.

Jay Rosen: Und natürlich pflegt Amazon auch Geschäftsbeziehungen mit staatlichen Stellen der USA, das lässt sich nicht vermeiden. Bezos hat außerdem zuletzt auf verschiedene Weise in Washington investiert. Er hat zum Beispiel dort ein Haus gekauft, was für einen Tech-Milliardär, der eigentlich in Seattle lebt, sehr ungewöhnlich ist. Ganz offensichtlich sucht er die Gesellschaft der Washingtoner Elite. Und Amazon selbst hat seine Lobbybemühungen in Washington ausgebaut. Was man kritisch im Auge behalten muss, ist Bezos' Rolle bei der Washington Post: dass er sich nicht in die journalistische Arbeit einmischt, denn das wäre ein großes Problem. Aber ich denke, die Post steht in dieser Hinsicht gut da.

ZEIT ONLINE: Wie hat die Redaktion Ihrer Beobachtung nach auf den Eigentümerwechsel reagiert?

Jay Rosen: Der Chefredakteur Martin Baron sagt, wir würden es schon mitbekommen, wenn es Versuche der Einmischung durch Bezos etwa in die Berichterstattung über den Tech-Sektor oder über Amazon selbst gäbe. Jeder, der dort mit Bezos arbeitet, sagt, so etwas habe es bisher nicht gegeben. Wäre es anders gewesen: Journalisten wissen, wie man solche Informationen leakt. Das heißt nicht, dass man keine Bedenken zu haben braucht. Wir müssen einfach aufmerksam bleiben. 

ZEIT ONLINE: Wie hat sich die Post seit Bezos' Übernahme verändert?  

Jay Rosen: Die erste und vielleicht wichtigste Änderung wird häufig übersehen. Bezos hat den Menschen, die dort arbeiten, ihr Selbstvertrauen zurückgegeben. Ein Unternehmen, das schrumpft, kann keine Risiken eingehen, um innovative Dinge zu tun. Bezos hingegen hat investiert und neue Leute eingestellt. Dann hat er eine wichtige strategische Entscheidung revidiert: Die Graham-Familie wollte aus der Post eine Lokalzeitung machen. Bezos kam zu dem Schluss, dass die Post nur als nationale und dann internationale Zeitung Erfolg haben kann. Außerdem betrachtete er die Post wie ein Technologieunternehmen. Die Post begann, ihre eigene Technik zu entwickeln und die auch an andere Medienunternehmen zu verkaufen, das war ein großer Schritt. Bezos benutzte die Kombination aus Amazon und Washington Post, um mehr Abonnenten zu gewinnen. Die genauen Zahlen sind geheim, aber es heißt, die Post sei dabei, den Rückstand auf die New York Times zu verkleinern.

ZEIT ONLINE: Nach Donald Trumps Wahl änderte die Post ihr Motto. "Democracy Dies in Darkness" lautet es jetzt, "Demokratie stirbt in Dunkelheit". Für ein amerikanisches Unternehmen klingt das pessimistisch.

Jay Rosen: Es ist frech.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Forschungsblog schreiben Sie, dass die USA womöglich dabei sind, zu einem autoritär geführten Land zu werden. In dieser Situation reiche es für Journalisten nicht aus, einfach nur Berichterstattung zu machen.

Jay Rosen: Ich schreibe seit drei Jahren über Trump und die Medien. Sehen Sie, die meisten Konventionen des politischen Journalismus beruhen auf gewissen Annahmen darüber, wie Präsidenten und politische Akteure sich verhalten. Sie gründen darauf, dass die politische Klasse auf eine bestimmte Weise mit dem Journalismus kooperiert. Trump bricht mit all diesen Annahmen. Deshalb bringt er auch die gewohnte Praxis der Berichterstattung zum Einsturz. Dass müssen Journalisten zur Kenntnis nehmen. Vieles von dem, was diese gewöhnlich tun, ergibt unter einem Präsidenten wie Trump keinen Sinn mehr. Daran müssen Journalisten ihre Arbeit anpassen. Das Motto "Democracy Dies in Darkness" ist ein Anzeichen dieser Veränderung.

ZEIT ONLINE: Wie hat die Washington Post sich auf diese veränderte Situation eingestellt?

Jay Rosen: Im Vergleich zur New York Times hat sich die Post zuletzt recht gut geschlagen. Das hat nicht nur mit diesem Slogan zu tun, sondern vor allem mit drei Dingen. Erstens mit dem Selbstvertrauen, dass ich bereits erwähnte. Sollte es eine große Auseinandersetzung mit der Regierung geben, dann weiß die Redaktion, dass Jeff Bezos einen solchen Kampf durchstehen kann. Ein anderer wichtiger Punkt ist zweitens die Führung durch den Chefredakteur: Martin Baron ist zu einer Art geistigen Führungsfigur für die gesamte amerikanische Presse geworden. Drittens kann die Post auf ihre große Tradition zurückblicken, sie kann sich auf ihre eigene Legende berufen, die zurückgeht bis zur Aufdeckung des Watergate-Skandals. Diese drei Dinge sorgen dafür, dass die Post bisher ganz gut zurechtkam. Martin Baron betrachtet das übrigens etwas anders als ich. Sein mittlerweile berühmt gewordener Satz über den Journalismus in Zeiten von Trump lautet: "We’re not at war, we’re at work" ("Wir sind nicht im Krieg, wir sind bei der Arbeit"). Die meisten Journalisten würden diesen Satz unterschreiben. Er besagt: Werdet als Journalisten nicht zu Antagonisten von Donald Trump. Lasst euch nicht auf seinen Krieg ein. Macht eure Arbeit.