Jeder und jede kann den Koran lesen. Das sei ihnen unbenommen, bringt allerdings nicht viel. Denn wer den Koran einfach mal so liest und davon ausgeht, dass sich der Koran ohne Rückgriff auf die ausgefeilten Methoden seiner Interpretation von selbst verstünde, missachtet eine 1.400 Jahre alte Gelehrsamkeit.

Selbst die traditionelle islamische Exegese setzt einen Bezug von Offenbarung und Geschichte voraus und besteht auf der Notwendigkeit, sogar scheinbar klare Verse einer detaillierten sprachlichen und historischen Interpretation zu unterziehen, statt sie einfach wörtlich aufzufassen. Das wird in unseren Breiten allerdings wenig wahrgenommen. Das Verfahren, sich einzelne Verse aus dem Koran herauszupicken, um so meist nur die eigenen vorgefassten Thesen zu belegen, wie es Islamkritikerinnen und Fundamentalisten heutzutage gleichermaßen praktizieren und sie derart zu einem ungewollten Schulterschluss zusammenfinden, ist aus islamisch-theologischer Sicht grotesk, ja mehr noch: Es ist ein Zeichen vollständiger Ignoranz. Der Koran ist kein Steinbruch.

Katajun Amirpur, geboren 1971 in Köln, ist Professorin für Islamwissenschaft an der Universität Köln. Zuvor lehrte sie an den Universitäten Hamburg und Zürich. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen der schiitische Islam, iranische Intellektuellengeschichte und das Reformdenken im Islam. Im August erschien die erweiterte Neuauflage ihres Buches "Reformislam. Der Kampf für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte". © privat

Ein Beispiel für die traditionelle Exegese, die den Islam schon immer auszeichnete, ist der Brief, den mehr als 100 Gelehrte 2014 an die Anhänger des sogenannten Islamischen Staates richteten. Die Verfasser dieses Briefes, der in den westlichen Medien erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erfahren hat, kommen größtenteils aus einem konservativen Spektrum des Islams. Sie sind keine modernen Reformer oder islamischen Aufklärer, sondern setzen sie sich innerhalb einer dezidiert orthodoxen Denkstruktur mit der Ideologie und den Koranbezügen des IS auseinander.

Unter den Autoren ist der Großmufti von Ägypten, Scheich Schawki Allam, ebenso wie Scheich Ahmad al-Kubaisi, der Gründer der Ulama-Vereinigung des Irak. Es finden sich unter ihnen Gelehrte aus dem Tschad, aus Nigeria, dem Sudan und Pakistan. Offensichtlich ist es ihnen ein Bedürfnis, sich als islamische Theologen eindeutig gegenüber den Terroristen zu positionieren. Wie sonst lässt sich erklären, dass islamische Gelehrte an Terroristen schreiben?

Sie wenden sich mit ihrer Argumentation explizit gegen die oft gehörte Behauptung, der IS würde umsetzen, was "im Koran geschrieben steht". Adressiert ist der 25-seitige Brief an die Kämpfer und Anhänger des selbst ernannten Islamischen Staates, angesprochen sind aber vor allem jene Muslime, von denen die Autoren befürchten, dass sie in die Fänge der IS-Propaganda geraten könnten.

Die Verfasser des Briefes gehen ausführlich auf die Methodik der Koraninterpretation ein, wie sie seit Jahrhunderten überliefert ist und praktiziert wird. Damit sprechen sie dem IS ab, den Koran richtig zu verstehen. Sie schreiben, es gebe die im Koran durch Gott und in den Hadithen durch den Propheten Mohammed festgesetzte Methodologie. Sie besage: Alles, was zu einer bestimmten Fragestellung offenbart wurde, muss in seiner Gesamtheit betrachtet werden. Der Fokus darf nicht auf einzelnen Fragmenten liegen. Diese Methodologie geht im Übrigen aus der Schrift selbst hervor, unter anderem aus dem folgenden Vers: "Glaubt Ihr denn nur an einen Teil des Buches und leugnet den anderen?" (2:85)