Alles, wirklich alles daran ist falsch. Es fängt bei der Inszenierung an. Täglich füllt sich die Seite aufstehen.de mit weiteren Aufständischen. Die Sammlungsbewegung von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine hat nun eine offizielle Internetseite. Sie soll nach einem öffentlichen Treffpunkt aussehen. Ein Ort, wo scheinbar ungefiltert politische Ansichten mitgeteilt werden. So ist aber es nicht. Es ist kein Demonstrationszug, der allmählich zu einem großen Auflauf anschwillt. Es sind professionell hergestellte Videos, die sorgfältig kuratiert worden sind.

Am ersten Tag erzählte Margot. Rentnerin mit Hund ("Jack, Jack, jaaah, braver Junge!"), ihre größte Sorge sei, die Wohnung zu verlieren. Obwohl sie ein Leben lang als Friseurin arbeitete ("Hände kaputt, Knochen im Eimer"), reicht es vorne und hinten nicht. Essen muss man schließlich auch ("nicht oft, aber ab und zu"). Eine Minute lang erzählt Margot, dann steht sie auf, die traurige Musik läuft weiter, die Kamera hält weiter drauf. So gehen sie in eine ungewisse Zukunft, die Margot und der Jack. Margot ist über das Wochenende ein paar Clips weiter nach unten gerutscht.

Am 4. September ist ganz großes Aufstehen. Als "Start der Bewegung" wird es angekündigt. Wo und wie aufgestanden wird, erfährt man nicht. Alle Informationen dringen tröpfchenweise durch. Das geht schon seit Monaten so. So haben die Architekten im Hintergrund immer die Möglichkeit, nachzujustieren. Jetzt aber erst mal "Barbara, Tierschützerin" und "Andi, Lehrer", allerdings noch im Referendariat. Andi sieht große Herausforderungen, Digitalisierung und so, auch die Kultusministerkonferenz, "alles total bürokratisiert" und die Schüler denken nur noch in Noten. Warum Andi mitmacht? "Vielleicht braucht man mal den großen Hammer und dann müssen einfach mal die alten Strukturen aufgebrochen werden."

Wo sind denn die Flüchtlinge?

Ob Margot und Andi das erste Mal voneinander erfuhren, als die Seite online ging? Wären Sie sich im echten Leben begegnet, vielleicht sogar auf einer Demonstration? Welche könnte das sein? Wofür oder wogegen? Gibt es Margot und Andi in echt, oder sind sie gecastet? Und wer spricht hier eigentlich wirklich? Das sind doch nicht Margot und Andi, sondern Oskar und Sahra. Das weiß man doch. Die propagieren seit Monaten ihr politisches Projekt. Sevim Dağdelen und Antje Vollmer machen auch mit. Nun ist die Seite online, und sie sind alle plötzlich verstummt. Versteht man gar nicht. In den Medien reden sie, aber nicht bei aufstehen.de.

Auf der Seite selber erfährt man nichts. Außer einer sehr detaillierten Datenschutzerklärung und der Beschreibung, wie man Geld an die Bewegung abgeben kann, gibt es keinerlei Informationen. Weder darüber, wer genau die Bewegung ist. Noch wofür die Abkürzung "i. Gr." bei "Aufstehen Trägerverein Sammlungsbewegung "e. V. i. Gr." steht. Wer bezahlt eigentlich den Webmaster und überhaupt muss doch irgendwer eine Riesengeldbörse haben. Gibt es spendable Mäzene? Reiche Linke? Margot und Andi sind es sicher nicht.

Es ist eine Sammlungsbewegung, die gesteuert und finanziert wird, und das macht es so falsch. Die "Fremdarbeiter" sind irgendwie verschwunden, sind doch eigentlich Lafontaines Lebensthema. Weg sind auch Wagenknechts Flüchtlinge mit verwirktem Gastrecht, die auf dem Arbeitsmarkt mit den Deutschen konkurrieren und die Löhne drücken, nichts von den imperialistischen Megafeinden Amerika und der Nato, nichts vom Bruder in Russland, nichts von der Notwendigkeit, Identität und kulturelle Eigenständigkeit zu schützen. Das waren im Wesentlichen die Schlagworte, mit denen vorab für das Vorhaben geworben wurde.

Der Die-da-oben-tun-nichts-Diskurs

Der verdruckste Kitschsound, den der Dramaturg Bernd Stegemann als Theoriezulieferer für die "Sammlungsbewegung" in einem Essay zusammendirigierte (der Flüchtling als Fremder, "dessen unbekanntes Verhalten zu Verunsicherung führen kann"), ist bei aufstehen.de nicht mehr prominent zu finden. Die Interviews mit den "Bürgern", die gleichzeitig auch Testimonials für die Sache sein sollen, sind so geschickt geführt, dass die Ressentiments, die sonst Sahra und Oskar äußern, nun ganz subtil eingefädelt worden sind. Natürlich immer schön unterlegt von elegischen Streichern und harmonischen Pianoakkorden. Das ist moderne Werbeästhetik fürs Ohr, diese Musik hört man in der Werbung sonst nur, wenn Kamine flackern und Opa den Enkel auf den Schoß nimmt und ihm einen Sahnebonbon in den Mund drückt. Wäre bei "Susi, IG Bau" aus dem Pott die Musik ausgeschaltet, während sie ihre größten Wünsche äußert, nämlich "mal wieder Politik machen mit normalen Menschen", außerdem "'ne offene Diskussion" und "wo ich keine Verpflichtung eingehe, zum Ortsverband zu müssen, datt ich da für die Doofköppe anne Ecke stehe und Reklame mache", dann käme man sofort drauf,  dass das der altbekannte Die-da-oben-tun-nichts-Diskurs ist und die olle Nichts-darf-man-sagen-Arie.

Oder wenn Pastor Kurt zu beschwichtigen weiß, dass "das mit dem Islam" ja nicht so drastisch sei wie dargestellt, "es sei natürlich wichtig, dass unsere Behörden die Sache im Griff haben", sicher, es habe "Versagensfälle" gegeben, dann lenkt die Musik davon ab, dass ein Pastor "den Islam" en passant zu einer Angelegenheit der Sicherheitsbehörden gemacht hat.  

Ihr Bekenntnis ist längst abgegeben

Nicht die einzelne Stimme oder die Ansicht der Sprechenden ist es, die das Ganze so verlogen macht, sondern die Methode der Macher dahinter. Dass sie Leute einsammeln und ihnen das Gefühl geben, dass ihr Anliegen außerparlamentarisch hörbar gemacht werden muss. Dass die Bülows und Vollmers, die Wagenknechts und Lafontaines, also Grüne, SPD und die Linke vergessen machen wollen, dass sie in Regierungsverantwortung auf Bundes- oder Landesebene waren oder noch sind.

Margots Angst als Rentnerin, obdachlos zu werden, kann nicht abgekoppelt davon betrachtet werden, dass das Land Berlin unter einem sozialdemokratischen Finanzsenator namens Thilo Sarrazin 65.000 Wohnungen in nur einem Jahr (!) an ein Konsortium internationaler Fondgesellschaften verkauft hat. Man kann jetzt Clip für Clip durchgehen und die Protagonisten fragen: Wer ist Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich, dass die Bildungspolitik ein Desaster ist? Und wo sitzen die, die das verändern könnten?

Das allerfalscheste Moment aber an dieser ganzen Bewegung ist und bleibt, dass Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine noch so viele schwarze DJs und syrische Journalistinnen im Exil auf ihrer Seite sprechen lassen können, sie haben ihr Bekenntnis längst abgegeben. Ihr Bestreben ist und bleibt, eine flüchtlings- und islamfeindliche, antiamerikanische, prorussische Haltung von links mehrheitsfähig zu machen. Dass sie den ganzen Zirkus veranstalten, hat nur damit zu tun, weil die postnationalistische Linke ihnen das innerhalb der Partei nicht erlaubt. Deshalb weichen sie auf die Sammlungsbewegung aus und hoffen, in einem Milieu fischen zu können, von dem man nicht wirklich wissen will, wer da alles dazugehört. Das Milieu ist so mies, dass man die braven Rentner, den braven Mechatroniker, die brave Lehrerin vorschickt, in der Hoffnung, dass man mit "Rolf", "Sebastian" und "Nada" am allerrechtesten Rand Millionen Menschen aus der AfD zu einem Sprung in eine "e. V. i. Gr." verführen kann.