Ein eigentümlicher Begriff, der in Diskursdeutschland zuletzt Karriere machte, ist der sogenannte Megatrend. Zukunftsforscher meinen damit gesamtgesellschaftliche Tiefenströmungen, die die Welt zwar langsam, aber dafür umso nachhaltiger veränderten. Diese Megatrends heißen beispielsweise Industrie 4.0, Neo-Ökologie oder Silver Society. Nun darf man den erkenntnistheoretischen Mehrwert solcher Powervokabeln zu Recht bezweifeln. Auch, weil das, was die Kriterien des sogenannten Megatrends momentan am meisten erfüllen würde, bei den Zukunftsforschern gar nicht vorkommt: die Vergangenheit. Schon seit Langem ist das neue Ding: das Alte.

Das zeigt sich zunächst im weltweiten Aufschwung des Rechtspopulismus, dessen Slogans nicht zufällig "Make America great again", "Take back control" oder "Wir holen uns Deutschland zurück" lauten. Der Kern der autoritären Revolte besteht, wie es der Soziologe Zygmunt Bauman formulierte, in der Sehnsucht nach einem Retrotopia. Die Zukunft zeigt sich nicht mehr im Aufbruch in ein verheißungsvolles Morgen, sondern in der Rückkehr zu einem nostalgisch verklärten Gestern. Wo heute die vermeintliche Vorherrschaft von Multikulturalismus, "Gender-Ideologie" und "Kuscheljustiz" diagnostiziert wird, forcieren Trump, AfD et cetera eine buchstäbliche Re-volution, also eine Rückwälzung in vorherige Zeiten.

Um diese Rückwälzung in ein vermeintlich goldenes (was in diesem Fall heißt: weißes, männliches, autoritäres) Zeitalter zu legitimieren, braucht es wiederum eine griffige Niedergangsgeschichte. Tauchte etwa Trump in seiner Inaugurationsrede die heutigen USA in derart düstere Töne, dass man meinen konnte, das Land befände sich in einem postapokalyptischen Bürgerkrieg, oder beschwor Thilo Sarrazin notorisch die Abschaffung Deutschlands – dann impliziert all das ein vermeintliches Wissen um einen historischen Fahrfehler: Man müsse zu jener geschichtlichen Kreuzung zurückkehren, in der die Abbiegung in Richtung "links-grün-versiffte Republik" genommen wurde, und die entgegengesetzte Richtung einschlagen.  

"Dem Volke etwas für die Seele"

Der reaktionäre Geist, das schreibt der Ideenhistoriker Mark Lilla in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch Der Glanz der Vergangenheit, sei ein schiffbrüchiger Geist. "Wo andere den Strom der Zeit fließen sehen wie eh und je, meint der Reaktionär die Bruchstücke des Paradieses zu erkennen, die an ihm vorbeischwimmen. Er ist ein Flüchtling der Geschichte. (…) Er glaubt sich in einer stärkeren Position als sein Gegenspieler, weil er sich als Hüter von etwas Gewesenem sieht, und nicht als Prophet von etwas, das sein könnte."

Diese Politisierung der Nostalgie kommt jedoch nicht aus dem Nichts. Zum einen sind es die sich stetig vergrößernde soziale Schere und die umfassende Deregulierung der Lebensverhältnisse, die dem liberalen Fortschrittsglauben zuletzt viel von seiner einstigen Überzeugungskraft raubten. Zum anderen breitet sich unabhängig davon seit geraumer Zeit ein gesamtgesellschaftlicher Nährboden für Nostalgie aus, der an sich zwar noch nicht zwangsläufig reaktionär ist, sich dahingehend aber gut politisch bewirtschaften lässt. Das zeigt sich bereits in städtebaulicher Hinsicht. Ob die aktuelle Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses, der Potsdamer Garnisonkirche oder der Frankfurter Altstadt: Deutsche Innenstädte werden zunehmend zu historischen Erlebnisparks, in denen, wie Gerhard Schröder einst in Bezug auf das Berliner Stadtschloss bemerkte, "dem Volke etwas für die Seele" gegeben werden soll.

Das vermeintlich Authentische

Dass in diesem architektonischen Seelenfutter auch der Geist der Regression keimt, wissen die Verantwortlichen offensichtlich selbst. Dem Berliner Stadtschloss wurde durch Architekt Franco Stella etwa eine plattenbauähnliche Ostfassade als minimalistischer Kontrapunkt zum preußischen Pathos verpasst. Der Wiederaufbau der Garnisonkirche wird durch ein Kuratorium begleitet, das sicherstellen soll, dass das einstige Aushängeschild des deutschen Militarismus als "Schule des Gewissens" diene. Und tatsächlich muss man in diesem urbanen Historienspiel nicht sofort die steinerne Renaissance neowilhelminischer Großmachtfantasien sehen. Dieses architektonische Reenactment ist vielmehr Ausdruck einer größeren Entwicklung.

Denn die Sehnsucht nach dem Alten hat nicht nur eine identitätspolitische Dimension, sondern auch eine ökonomische. Allen voran durch den Tourismus, der mit weltweiten Erträgen von 1,4 Billionen US-Dollar im Jahr 2016 mittlerweile zu einem der global wichtigsten Wirtschaftszweige aufgestiegen ist und in Europa damit rund zehn Prozent zum Brut­to­in­lands­pro­dukt beitrug. Und Tourismus, das bedeutet heute zuvorderst Eintauchen in das vermeintlich Authentische: vom Verzehr angeblich traditioneller Gerichte über den Besuch kultureller Denkmäler bis zum Genuss angeblich ursprünglicher Landschaften. Wobei sich die ökonomische Bedeutung des Alten nicht auf den Fremdenverkehr beschränkt. Die Vergangenheit sei, das schreiben die französischen Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre in ihrer gerade erschienenen Studie Bereicherung – Eine Kritik der Ware, zum Fluchtpunkt einer neuen Form des Kapitalismus geworden. Der klassische Industriekapitalismus basierte auf der seriellen Produktion neuer Güter. Die Herstellung von Mobiltelefonen, T-Shirts oder Toastern ist heute jedoch weitgehend in Niedriglohnländer ausgelagert worden.