Unglaublich, wie vergiftet der Diskurs ist. Ich merke an mir selbst: Wie immer ich mich "dazu" stelle ("dazu" kann alles sein – AfD, Migrationspolitik, Gender, Medien oder Fußball), was immer ich dazu in die Debatte werfe, kann falsch aufgefasst werden und wird dadurch selbst falsch. Darüber gehen Freundschaften entzwei, spalten sich die Familien. Wenn es wenigstens Konflikte in der Sache wären. Nein, stattdessen sind es so merkwürdig verschobene Konflikte. Es geht um Haltungen, wo ich die anderen windelweich und opportunistisch finde und die anderen mich selbstgerecht und hysterisch finden. Pro- und Kontra-Argumentationen haben in dieser Lage keinen Sinn mehr. 

Was uns aber immer bleibt, ist, an den Begriffen zu arbeiten: Begriffe zu klären, Vorschläge zu machen, wie mit ihnen umzugehen ist. Und darüber vielleicht, wenn auch nicht Übereinstimmung, so doch wieder einen gemeinsamen Boden der Wahrheit und Wirklichkeit zu erreichen, eine gemeinsame Verpflichtung, Tatsachen zu respektieren und Argumenten zu folgen, mit denen sich dann vernünftiger streiten lässt. 

Marion Detjen ist Historikerin am Zentrum für Zeithistorische Forschung. Ihre Schwerpunkte liegen auf der deutsch-deutschen Migrationsgeschichte, Gender und den Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Ich möchte das mit den Begriffen "Patriotismus" und "Nationalismus" versuchen. Die merkwürdige Rollenverkehrung, die vor ein paar Wochen spürbar wurde, als Deutschland aus der Fußball-WM auszuscheiden drohte, als die Rechten missgünstig und hämisch und "unpatriotisch" auf die Nationalmannschaft blickten, während Linke ihr plötzlich die Daumen drückten und "patriotisch" wurden, ist ja vielleicht etwas, woraus man lernen kann.

In der politischen Bildung herrschen Definitionen vor, die mit Skalenmodellen arbeiten. Da ist der Patriot irgendwo in der Mitte, oder auch ein bisschen rechts, oder im Plus, wie man's nimmt; er liebt das eigene Land, beansprucht aber keine Überlegenheit und bleibt weltoffen, aber mit Gefühl, vielleicht auch mit ein bisschen Leitkultur. Weiter rechts steht der Nationalist, der es übertreibt, die Liebe zur Ideologie übersteigert und andere ausschließt. Noch weiter rechts der Chauvinist, der die anderen verachtet, bis hin zum Nazi, der anderen Völkern mit Gewalt begegnet. Links, schon im Minus, steht der Verfassungspatriot, blutleer und emotionslos mit Papier wedelnd. Noch weiter links der heimatlose Kosmopolit und dann, tief im roten Bereich, der Antideutsche. Ein lineares Kontinuum, wo in Kategorien von "zu viel" oder "zu wenig" oder "gerade richtig" gedacht wird.

Ich schlage vor, dieses Skalenmodell mal zu vernachlässigen und eine andere Möglichkeit zu bedenken: dass der Patriotismus etwas zunächst Unbestimmtes ist, während der Nationalismus bestimmt ist, historisch bestimmt. Für den Nationalismus braucht es den Nationalstaat, wie er im 19. Jahrhundert entstanden ist und im 20. und 21. Jahrhundert seine Niedergänge und Wiederauferstehungen erlebt hat. Der Nationalismus ist eine Verabsolutierung der Legitimationsvorstellungen, die mit dem Nationalstaat verknüpft sind. Er glaubt, etwa in der Art, wie früher der Monarchismus an das Gottesgnadentum glaubte, dass eine nationale Schicksalsgemeinschaft, ethnisch und/oder kulturell zusammengesetzt, Quelle aller Legitimation staatlichen Handelns ist und dass im Staat Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgewalt zur Deckung kommen. In diesem quasi religiösen Glauben ist es ein Sakrileg (so kann man auch die Rede vom "Rechtsbruch" verstehen), wenn die Dreieinigkeit von Staatsgewalt/Staatsvolk/Staatsgrenzen infrage gestellt wird, sei es durch "unkontrollierte" Grenzöffnungen und/oder Volksvermischungen, sei es durch supra- oder transnationale Gewalten. Sein zeitgenössisches Feuer erhält der Glaube heute dadurch, dass der Nationalstaat ihm als einzig möglicher Rahmen für Demokratie erscheint. Die Staatsgewalt wird mithilfe von ununterbrochenen Legitimationsketten demokratisch durch das Staatsvolk legitimiert, so wie sie früher durch Gott legitimiert war. Dies ist nur ein Definitionsvorschlag, bitte gern Alternativvorschläge! 

Wenn wir Nationalismus als den seit dem 19. Jahrhundert lebendigen Glauben an den Nationalstaat verstehen, hängen ihm heute wie ehedem sehr viel mehr Menschen an, in allen politischen Lagern, als es im oben vorgestellten Skalenmodell der Fall ist.

Hannah Arendt beschrieb den Nationalstaat zum Beispiel als Staatsform einer Klassengesellschaft, die früher, also im 19. Jahrhundert, durchaus einige Vorzüge hatte, aber eines noch nie besonders gut konnte: nämlich Demokratie im Sinne einer echten politischen Mitbestimmung aller zu organisieren. Im Zeitalter von Massengesellschaften und globalen und transnationalen Bedrohungen hielt Arendt diese Staatsform sogar für vollständig ungeeignet: "(...) je länger man an ihr festhält, umso böser und rücksichtsloser werden sich die Pervertierungen nicht nur des Nationalstaats, sondern auch des Nationalismus durchsetzen. (...) Der Souveränitätsbegriff des Nationalstaats, der ohnehin aus dem Absolutismus stammt, ist unter heutigen Machtverhältnissen ein gefährlicher Größenwahn. (...) Der Nationalismus in seiner egozentrischen Borniertheit und der Nationalstaat in seiner wesensmäßigen Unfähigkeit, die eigenen Grenzen legitim zu transzendieren, dürften  (…) die denkbar schlechtesten Voraussetzungen (dafür) bilden", die Massengesellschaft demokratisch umzuorganisieren.

Wenn man auch kein Nationalist ist, braucht man doch nicht so weit zu gehen, den Nationalstaat komplett zu verdammen. Es reicht schon, ihn zu relativieren und aus dem magischen Dreieck Staatsgewalt/Staatsvolk/Staatsgebiet zu befreien. Teilweise unter dem Radar und teilweise zum großen Verdruss der Nationalisten sind längst auch in der Bundesrepublik demokratische Strukturen aufgebaut worden, die jenseits des Dreiecks und außerhalb der nationalstaatlichen Legitimationsketten Macht legitimieren und Mitbestimmung erlauben, vor allem dank der europäischen Integration. Auf kommunaler Ebene haben wir einen Demos, dem rein theoretisch überhaupt keine Deutschen angehören müssten, wenn wir uns eine deutsche Gemeinde von lauter nicht deutschen EU-Bürgerinnen und -Bürgern vorstellen; auf europäischer Ebene mit einem europäischen Demos bei den Wahlen für das EU-Parlament; in Betrieben, in Universitäten und Schulen, wo in welcher Form auch immer Entscheidungen partizipativ getroffen werden; in Familien, die über den Wochenendausflug abstimmen. Das ist alles noch nicht befriedigend, aber zeigt doch, dass es überhaupt nicht utopisch ist, sich jenseits des Nationalstaats um Problemlösungen zu kümmern, die der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts angemessen sind. Wir müssen es nur wollen und daran arbeiten.