"Das gefällt dir doch gar nicht – du hörst das nur, weil du auf M. stehst!" Ich war empört: Dass Mitschülerin B. mir unterstellte, ich würde die Dead Kennedys-Platte mit mir herumtragen, um die Aufmerksamkeit des besagten M. zu erschleichen, empfand ich als zutiefst ungerecht, denn es stimmte schlicht und einfach nicht. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, aus strategischen Gründen Platten zu kaufen. Platten kaufte ich, weil ich die Musik toll fand. Und wenn ich genügend Taschengeld übrig hatte, logisch. Später erkannte ich wohl, dass sich über musikalische Vorlieben (oder Abneigungen) durchaus interessante Bekanntschaften machen ließen – aber das ist eine andere Geschichte.

Christina Mohr war schon im Mutterleib Popmusikfan, seit einigen Jahren schreibt sie auch darüber: im "Missy Magazine", für "Spex", "Konkret" und einige andere Publikationen. Hauptberuflich arbeitet sie für einen Sachbuchverlag in Frankfurt, wo sie auch (sehr gerne) wohnt. Sie ist Gastautorin für 10nach8. © privat

Wir waren sehr jung, als sich eingangs erwähnte Begebenheit zutrug, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt. Gut die Hälfte dieser Lebensspanne war ich als Kind der Siebzigerjahre schon glühender Popfan: zuerst von Smokie, danach von den Teens und seit 1979 bis zum heutigen Tag Blondie-Aficionada. Dass es mit dieser Popmusik respektive "Raptschaki", wie meine polnischstämmige Oma zu sagen pflegte, etwas Besonderes auf sich haben musste, dämmerte mir eines Fernsehabends, wahrscheinlich lief der Musikladen oder Ilja Richters Disco. Als Smokie auftraten und Lay Back In The Arms Of Someone spielten, weinte meine Mutter neben mir bittere Tränen. An diesem Abend wusste ich es noch nicht, doch kurze Zeit darauf ließen sich meine Eltern scheiden. Jetzt war mir klar, was für eine wichtige Rolle das richtige Lied zur richtigen Zeit (oder zur falschen, je nach Verfassung) spielen konnte.

Ich wurde hingebungsvoller Fan, klebte Zeitungsausschnitte meiner Lieblingsgruppen in Notizblöcke, sammelte Autogrammkarten und Starschnitte und wusste dank intensiver Heftchenlektüre alles über meine Bands – manchmal lange bevor ich ihre Musik gehört hatte. Als ich mit Mumps im Bett lag, besorgte mir mein Opa zur Gesundung Kate Bushs The Kick Inside. Und ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in der NDW-Ära versuchte, im Elektroladen unserer Kleinstadt Wahre Arbeit, wahrer Lohn von den Krupps zu bestellen. Die Platte kam nie an, dafür DAF – Alles ist gut. Auch gut.

Meine kleine Plattensammlung zu Teeniezeiten umfasste einen bunten Stilmix von Barclay James Harvest bis zu den B-52s – alles selber ausgesucht, auch die Fehlentscheidungen. Kein pickliger Junge hatte mir heiße Tipps ins Ohr geflüstert; auch nicht, als ich per Aushang am Schwarzen Brett der Schule Pink Floyd und Genesis wieder loswerden wollte. Die passten nicht mehr in die Achtziger, befand ich, und kaufte vom Erlös vermutlich Adam and the Ants oder Siouxsie and the Banshees. Und während meine Kommilitoninnen beim Buchmessebesuch unseres Germanistikseminars studienrelevante Nachschlagewerke bestellten, erstand ich bei obskuren Kleinverlagen Bücher über The Smiths und Jesus and Mary Chain.

Warum erzähle ich das? Weil diese prähistorischen Anekdoten der Anfang von allem sind. Weil meine Popbesessenheit nie nachgelassen hat. Kein bisschen. Im Gegenteil, sie ist ein Teil von mir. Auch im fortgeschrittenen Alter bin ich Fan, eine Auskennerin, ein Nerd – obwohl ich dieses Wort nicht mag, es klingt so abwertend, etwas peinlich nach einem lächerlichen Freak. Ich bin kein Freak, ich bin interessiert, ich bin begeistert: Ich will tanzen und gleichzeitig wissen, wer den Sound gebaut hat und wie. Ich will nicht das Gefühl von vorgestern zurück, sondern das von heute spüren.

Ich kenne Frauen, die haben 1986 ihre letzte Platte gekauft, Wham! – The Final, und sich dann vernünftigeren Dingen zugewandt. Kinder, Familie, Beruf. Ich hab das nie verstanden: Kein vernünftiger Mensch hört auf, Filme zu gucken und Bücher oder Zeitschriften zu lesen, nur weil er oder sie sich fortgepflanzt hat. Weshalb also interessieren sich viele Menschen (oft Frauen) ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr für aktuelle Popmusik? Zugegeben, als Musikjournalistin bin ich in der privilegierten Situation, dass Neuerscheinungen quasi automatisch in meine analogen und digitalen Postfächer gespült werden – aber man wird ja auch anderweitig gut und einfach versorgt.