Schwer ruht der Kopf auf dem Sockel, ihm fehlt der Leib. Ohne Arme, ohne Beine ist er verdammt zu bleiben und zuzuschauen. Karl Marx war stets im Bild, wenn die Kameras am vergangenen Montag in Chemnitz die Menge einfingen. Einst trug die realsozialistische Vorzeigestadt seinen Namen. Nun hatte sich eine ungewöhnliche Gesellschaft um das Monument des Philosophen versammelte: Muskulöse Männer mit Tätowierungen, Deutschlandfahnen, Plakaten. Es kam zu Drohgebärden und Gewalt, hier und da war der Hitlergruß zu sehen.

Widersprüchlich wie diese Szenen ist das gesamte Geschehen der letzten Tage. Den Auftakt gab ein Verbrechen, die Messerattacke, die den Tischler Daniel H. das Leben kostete und zwei Begleiter schwer verletzte. Zwei Männer, angeblich aus Syrien und dem Irak und als Flüchtlinge in Chemnitz, wurden als Tatverdächtige festgenommen. Mittlerweile kursieren Zeugenaussagen des Vorfalls im Internet und in den Medien.

Schon diese unterscheiden sich von den Gerüchten, mit denen zuvor Hooligans und Neonazis ihre Anhängerschaft mitsamt bürgerlichen Mitläufern mobilisiert hatten. Weder war das Opfer belästigten Frauen zu Hilfe geeilt, noch wurde ein zweiter Mann erstochen. Als seien die jetzt vermeldeten fünf Messerstiche nicht genug, machte die Zahl 35 die Runde. Die AfD-Politikerin Alice Weidel bettete das umgehend in ihr Narrativ von einer Verschwörung gegen das deutsche Volk ein und meldete: "Das Abschlachten geht weiter."

Rechte Machtdemonstration

Möglicherweise wurde der Mann in der Nähe eines Geldautomaten Opfer eines missglückten Raubüberfalls. Das Verbrechen befeuert die ohnehin kochende Debatte um die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch Flüchtlinge in Chemnitz. Dennoch erzählt es etwas anderes als die Geschichte über "von Ausländern belästigte Frauen", die von rechts verbreitet wurde. Bei der Mobilisierung der Rechtsradikalen ging es ohnehin nie um den eigentlichen Vorfall. Es ging darum, die Macht der rechten Szene in der drittgrößten Stadt Sachsens zu beweisen. Dafür war das Motiv der bedrängten Frau, Klassiker jeder Propaganda, ideal. Die Desinformationen wurden bereitwillig in einem Milieu verbreitet, in dessen Augen die Medien fast durchweg lügen.

Offiziell bekannt ist vom Tathergang bisher kaum etwas. Das ist normal, bei einem so aktuellen Verbrechen stehen die Ermittlungen erst am Anfang. Aber die Bereitschaft zur kollektiven Erregung auf der Basis von Gerüchten ist hoch. Finden solche Erregungen etwa in Pakistan statt, dann wird das gerne als Beweis für die zivilisatorischen Defizite muslimisch geprägter Gesellschaften hergenommen. Meist von denselben Leuten, die durch Chemnitz tobten.

Polizei schützt Antifa

Am Montag wuchs die Menge auf über 6.000 Teilnehmende. Sie war nicht spontan zusammengekommen, sondern mit Unterstützung aus dem Umland, ja auch dem ganzen Bundesgebiet mobilisiert worden. Mittendrin gewalttätige Fußballfans und Neonazis. Die Geschwindigkeit und Effizienz, die die Szene dabei unter Beweis stellten, zeugen von festen Kommunikationsstrukturen. Seit Längerem haben Fanforscher auf den hohen Organisationsgrad dieses Milieus hingewiesen. Umso unverständlicher ist die geringe Polizeipräsenz vom Montag. Die etwa 1.000 Gegendemonstranten, die dem rechten Treiben etwas entgegensetzen wollten, begaben sich in körperliche Gefahr.

Die Kräfte der Polizei waren mit gerade mal sechs Hundertschaften viel zu schwach, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. In den sozialen Netzwerken zollten Gegendemonstranten den Beamten vor Ort Respekt. Sie hätten das Risiko für die zahlenmäßig weit unterlegenen Antifaschisten klar erkannt und diese so gut es eben ging geschützt. Angesichts der offenen Mobilisierung kampferfahrener und nicht gerade als polizeifreundlich bekannter Hooligans war das mickrige Aufgebot erstaunlich. Bereits 2015 hatte man bei flüchtlingsfeindlichen Krawallen in Heidenau ähnliche Erfahrungen gemacht.

Pegida und die äußerste Rechte

Die Probleme scheinen weiter oben zu beginnen, zumal auch der sächsische Verfassungsschutz und die Polizei mittlerweile eingeräumt haben, von Anzahl und Charakter der rechten Demonstranten keineswegs überrascht worden zu sein. Offensichtlich setzte die sächsische Führung andere Prioritäten. Um das zu erkennen, reicht ein Vergleich. Im September 2017 hatte ein linkes Bündnis zu einer antifaschistischen Demonstration in Wurzen aufgerufen. Das beschauliche Städtchen im Muldental ist seit Jahrzehnten ein Brennpunkt der Neonaziszene. Die sächsische Polizei stellte den 350 Demonstranten ein Großaufgebot entgegen. Eine mit Sturmgewehren ausgerüstete Spezialeinheit sorgte für Bilder, die eher nach Weißrussland gepasst hätten.

Öffentlich hinterfragt wurde der drastische Einsatz erst, als bekannt wurde, dass einer der Beamten selbst ein Symbol aus der Naziszene an seiner Uniform trug. Seinen Vorgesetzten war das angeblich nicht aufgefallen. Es war einer von vielen peinlichen Vorfällen in Sachsen. Diese Woche wurde nun eine Kopie des Haftbefehls für die beiden der Tat in Chemnitz verdächtigen Männer öffentlich. Ein Dresdner Justizbeamter wurde mittlerweile als mögliche Quelle des Dokuments suspendiert. Kurz bevor die Wellen in Chemnitz hochschlugen, wurde ein ZDF-Team von der Dresdner Polizei an der Arbeit gehindert. Doch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer vermag keine Fehler bei seinen Beamten zu entdecken. Mit Blick auf die Ausschreitungen möchte man daher Marx bemühen: "Wenn ihr auf dem Gipfel des Staates die Geige streicht, was andres erwartet ihr, als daß die drunten tanzen?"

Die AfD steht für Chaos, nicht Law and Order

Im vorerst letzten Akt des sächsischen Trauerspiels drängen nun ganz andere als Retter in der Not auf die Bühne. Für den kommenden Samstag rufen AfD und Pegida gemeinsam zu einem Schweigemarsch für den getöteten Deutschen auf. Mit dabei sein werden mit Björn Höcke (Thüringen), Andreas Kalbitz (Brandenburg) und Jörg Urban (Sachsen) drei Landessprecher, die dem extrem rechten "Flügel" der AfD zugeordnet werden. Auch der Verleger Götz Kubitschek, dessen Kreis seit Jahrzehnten die Aktivitäten der extremen Rechten mit Bildungsvokabular unterfüttert, trommelt für Samstag in Chemnitz. Die Jagdszenen vom Montag bezeichnete er auf seinem Blog als einen "elementaren Vorgang". Er nennt es "den eigenen Raum absichern". Eigentlich zielt Kubitschek auf die Akademiker des rechten Randes. Meist versteht er es, mit elaborierten Floskeln sein Ziel eines radikalen Systemwechsels zu veredeln. Diesmal aber ist Mimikry nicht mehr nötig: In einem anderen Aufruf, den er verbreitet, heißt es offen: "20.000 Ausländer in Chemnitz sind zu viel!" Das klingt mehr nach NPD als nach Bildungsbürger.

Der Schlüssel für die Entwicklung in Sachsen dürfte neben der alten Weigerung der Landesregierung, ihre Problem zu erkennen, der nachhaltige Erfolg von Pegida sein. Die Bewegung ist zu einem Knotenpunkt der äußersten Rechten geworden. Von Beginn an mischten sich dort die verschiedenen Milieus: Alte Rechte, Neue Rechte, Hooligans und Normalbürger, Strippenzieher und Mitläufer. Hier standen sowohl Höcke als auch Kubitschek auf der Bühne, rekrutierte man Ordner aus dem Fanmilieu und verbreitete durchgestochene Behördeninformationen wie 2016 nach dem Anschlag am Breitscheidplatz oder jüngst den Haftbefehl.

In ihrer Gründungsphase hat Pegida von einer ähnlichen Dynamik profitiert wie sie sich jetzt in Chemnitz zu entfalten droht. Nach der Randale von "Hooligans gegen Salafisten" im Herbst 2014 in Köln präsentierten sie sich die als friedliche Alternative. Das gleiche Muster wird nun am Samstag bedient. Denn dann, so ist bei Björn Höcke zu lesen, soll anders als am Montag äußerste Disziplin herrschen. Die Teilnehmer sind aufgefordert, in dunkler Kleidung zu kommen, Parolen oder Bänder werden nicht geduldet. Allein Deutschlandfahnen und weiße Rosen sind gestattet. Nach der Wut nun also das Pathos, eine Dramaturgie wie nach dem Lehrbuch. Erst hat die AfD das Feuer kräftig mit angefacht, das Chemnitz weltweit in die Schlagzeilen brachte. Nun kann sie sich als Partei der Ordnung inszenieren.