Wir schreiben das Jahr 1968, wieder mal typisch. San Francisco. Ein hagerer Mann mit Brille schiebt einen Kinderwagen vor sich her, im Schlepptau eine schwangere Frau. Im Kinderwagen, nein, kein Kind, sondern: Comics. Zap Comix. Geschrieben und gezeichnet von Robert Crumb. Dem legendären Typen mit dem Kinderwagen. Und weil wir schon bei der Legende sind: Die Kunde von einer völlig neuen Form von Comics verbreitete sich in Windeseile, die Underground-Comix waren geboren. Comix mit x, wie in X-rated, natürlich nur für Erwachsene, jenseits des Comics Code, der als freiwillige Selbstkontrolle der Hefte geschaffen wurde und besorgte Eltern beruhigen sollte. In Superman kamen keine schmutzigen Worte vor, keine Nacktheit, keine psychischen Stimulanzien und keine umstürzlerischen Parolen. In Comix schon.

Und Zap war mit wenigen Nummern Robert Crumbs Einstieg in die Erfolgsabteilung der Comix beziehungsweise des Underground. Wenn es nach der Legende gegangen wäre, dann hätte Robert Crumb einen geraden Weg zum Reichtum und Weltruhm vor sich gehabt, vom Kinderwagenverkäufer xerokopierter dünner Hefte zum millionärischen König der Comix. Aber es wurde ein eher langer und gewundener Weg. Immer wieder ging nämlich auch alles schief, wie zum Beispiel das groß angekündigte Life-Interview, für das Crumb ganz in der Art eines durchgeknallten Underground-Künstlers posieren musste und das zum Glück nie erschien. 

Robert Crumb © Lora Fountain

Selbst in seinen besten Zeiten erlebt Robert Crumb mehr Niederlagen und Enttäuschungen als andere ihr Leben lang. Zap Nr. 4, noch so ein Beispiel, wurde zum Präzedenzfall für die neue Zensur, die einsetzte, nachdem sich der Underground-Comic auf die Kunstfreiheit berufen hatte. Der Skandal lag darin, dass ein elfjähriges Mädchen sich ein Exemplar besorgt hatte, zum Entsetzen seiner Eltern und seiner Lehrer. Was im Heft zu sehen war, könnte heute Orangensaft bewerben … Selbst Crumbs Zeichnungen in einem Szeneblatt wie East Village Other wurden von den Herausgebern meistens zensiert. Verdammte Spießer, meinte Crumb. Er sollte in die Geschichte der grafischen Kunst eingehen als der Mann, der einfach nicht Nein sagen kann. Er lässt sich immer wieder über den Tisch ziehen oder zu Sachen nötigen, die ihm nicht behagen. Ihm bleibt nur, sich in seinen Comics dafür zu rächen. Oder er flüchtet sich in Psychosen und erleidet Nervenzusammenbrüche.

Ich habe das Sehen neu gelernt! Alles ist komisch!
Robert Crumb während seines ersten LSD-Trips

Ein Jahr nach der besagten legendären Kinderwagenszene ist er immerhin berühmt genug, um mit ziemlich unmoralischen oder, wie man damals sagte, "abgefuckten" Angeboten belästigt zu werden. So beschließt er, aufs Land zu ziehen, um dem Rummel um seine Person zu entgehen. Ein Auftrag des New Yorkers hindert ihn daran, und dann will auch noch ein gewisser Ralph Bakshi um jeden Preis einen Fritz-the-Cat-Film machen. Fritz the Cat ist Crumbs bis dahin populärste Schöpfung: ein anthropomorpher Kater mit unstillbarem Appetit auf Sex, Drogen und allem, was Vergnügen bereitet. Der Film? Eine mittlere Katastrophe. Die Folge: Ärger. Es dauert bis in die Neunzigerjahre, bis Robert Crumb wirklich zur Ruhe kommt, mehr oder weniger, wenn auch nicht in seiner geliebten amerikanisch-arkadischen Prärieheimstatt, sondern auf einem Bauernhof in Südfrankreich. Robert Crumb hatte es schwer, eine gewisse Berühmtheit in der Szene zu erlangen. Noch schwieriger aber war es, ihr wieder zu entkommen. 

Ganz so einfach, wie die Legende will, war die Sache aber doch nicht. Es gab zu dieser Zeit (wir befinden uns wieder im Jahr 1968) mehrere Versuche, andere Comics zu machen und sie anders zu vertreiben, und sie hatten Namen wie Foo (gegründet von Charles und Robert Crumb) oder ECCH!! und kamen kaum über lokale Bekanntheit hinaus. Eine Comic-Revolution aber lag in der Luft, und sie kam, anders als in Europa, nicht aus den etablierten Kreisen, sondern von den Semi-Amateuren des DIY und der alternativen Szenen. Wie alle anderen Kulturbereiche suchte die grafische Kunst nach einer Sprache der Befreiung. Und der Mainstream-Comicmarkt in den USA war trotz spürbarer Modernisierungen wie bei Marvels Spiderman oder Fantastic Four eine ziemlich einheitliche, konventionelle und glatte Angelegenheit. Der Graben zwischen professionellen und künstlerischen Comics war in den USA damals viel tiefer als in Europa. Gilbert Shelton, Kim Deitch, Art Spiegelman, S. Clay Wilson, Trina Robbins, Vaughn Bodé – die unterschiedlichsten Zeichner entschieden sich für Selbst- und Kleinverlage, für die Freiheit der Autoren, für Zensurfreiheit, für Sex & Drugs & Rock 'n' Roll, für schlechte Heftung und billiges Papier und, yeah, für den Preis, den sie mit ihrer Unabhängigkeit zahlten. 

Ökonomisch nämlich hatten die alternativen amerikanischen Comics zunächst kaum die Bedeutung der Nouvelle Vague in Europa. Das war nicht vergleichbar mit den französischen bandes dessinées. Dafür war ihre kulturelle Energie um einiges heftiger. Zorniger, obszöner. Zap Comics jedenfalls entsprangen nicht dem Wunsch, eine eigene Form der selbstbestimmten Comicdistribution ins Leben zu rufen. Crumbs legendäre Kinderwagenaktion war eine Trotzreaktion darauf, dass ein Verleger die Zeichnungen bei ihm bestellt hatte und dann abgetaucht war. Der 25-jährige Robert Crumb hatte begriffen, dass man mit radikaler Zeichenkunst allein keine dreiköpfige Familie ernähren kann.