Manches, was geschieht, sehe ich in Zeitlupe. Warum das so ist, weiß ich nicht, man müsste es erforschen. Selten ist es etwas Schönes, oft handelt es sich um alberne Hänseleien des Schicksals. Wie mir die Tasse aus der Hand gleitet etwa, meine Kinder von der Schaukel fallen oder ihre Oma beim Neujahrsspaziergang auf dem Eis ausrutscht.

Das heißt jedoch nicht, dass mir dadurch mehr Zeit bliebe, das, was sich da als Katastrophe so langsam und seltsam pittoresk vor mir entfaltet, durch beherztes Eingreifen noch zu verhindern. Ich bin selbst in dieser gedehnten Schrecksekunde jeglicher Geschwindigkeit beraubt, ja geradezu paralysiert. Ich sehe es nur noch geschehen, als machtloser Augenzeuge. Und wenn ich doch noch linkisch zucke, ins Leere greife oder hechte, ist es zu spät. Viel zu spät.

Als ob es einen Unterschied machen würde, ob es zu spät oder viel zu spät ist. Es ist geschehen. Tempus Perfekt. Vollendete Gegenwart. Und ich stehe nur mehr da wie ein ausgemachter Idiot.

So erging es mir auch, als ich gestern meinem Sohn am Ostseestrand einen Ball zuwerfen wollte und mir dabei der Ring vom Finger rutschte.

Ich sah ihn noch funkelnd durch die Luft fliegen, im Licht der Sonne über Rügen. Regelrecht schön fand ich diesen Anblick, bis mich der Gedanke beschlich, und diese Zeit hatte er ja, mich zu beschleichen, ganz langsam, während der Ring durch die Luft flog, sein Funkeln allmählich irisierend wurde und schließlich verschwamm mit dem Funkeln der Sonne und des Meeres in meinen vom Schweiß und der Sonnenmilch halb blinden Augen, der Gedanke also, dass es nicht irgendein Ring war, der da flog, sondern meiner.

Schon fühlte ich die verstörende Leere an meinem Finger, ganz so, als wäre es der Finger selbst, der mir plötzlich fehlte, schmerzlos abgetrennt und doch spürbar abwesend. Und ich fühlte auch schon, dass es mir noch sehr wehtun würde, den Ring verloren zu haben. Erstaunlich, dachte ich, was man alles empfinden kann in einem Augenblick, wenn sich die Zeit auf so sagenhafte Weise verlangsamt.

Erstaunlich, dachte ich auch, jetzt fließt der Schmerz in mich hinein, der Schmerz des Verlusts. Alles funkelte, der Ring, die Sonne, das Meer, mein nach dem Ball, den ich vor einer Ewigkeit geworfen hatte, hechtender Sohn, der einmal ein berühmter Torwart werden will, wenn er groß ist. Und ich sah vor lauter Gedanken und Gefühlen nicht mehr, wo der Ring in den Sand fiel. Er nahm in der letzten Phase seines Flugs die Farbe des Strands ringsum an, bevor dieser ihn verschluckte, für immer vielleicht.

Es war der Ehering meines Großvaters, den meine Großmutter ihm vor 82 Jahren in der Stiftskirche von Enger/Westfalen an den Finger gesteckt hatte, am 21. April 1936. Das Datum und ihr Name sind in die Innenseite des Rings graviert. Er trug ihn ein Leben lang, noch 59 Jahre bis zu seinem Tod, und ließ ihn zurück, als er starb, in einer Schatulle auf seinem Schreibtisch.

Ächz.

Als die Zeit sich schließlich wieder beschleunigt hatte auf die Normalgeschwindigkeit, zuckte ich nur, ich griff ins Leere und hechtete. Doch es war zu spät. Viel zu spät. Als ob es einen Unterschied machen würde. Der Ring war längst versunken, irgendwo auf einer Fläche von hundert Quadratmetern Sand. Und ich stand da wie ein Idiot.

Ich muss ein Gesicht gemacht haben wie einer, dem gerade beim Ballspielen am Ostseestrand der Ring vom Finger gerutscht ist. Der also etwas sehr Wertvolles verloren hat und es nun vollends begreift.

Papa, was ist passiert?, fragte mein Sohn.
Ich ächzte.

Mein Großvater war ein kleiner Mann, einen Meter sechzig nur. Das steht in seinem Pass, der sich, wie der Ring, ein Zigarrenschneider, ein Streichholzbriefchen mit der Abbildung einer alten Dampflokomotive und einige vergilbte Fotos, in seinem schmalen Nachlass in der Schatulle auf seinem Schreibtisch befand. Aber ich habe ihn größer in Erinnerung als einen Meter sechzig. Das mag daran liegen, dass ich noch fast ein Kind war, als er von uns ging. Ich erinnere mich noch daran, wie ich auf seinem Schoß saß, nicht jedoch daran, dass ich ihm über den Kopf gewachsen wäre.