Eines Abends im vergangenen Herbst saß eine Gruppe junger, queerer Expats bei mir auf dem Sofa – Arbeitskolleg*innen meines damaligen Dates, die in einem Berliner Start-up irgendwelchen Tech- und Marketingjobs nachgingen. Alles war entspannt, bis ich meinen Laptop aufklappte und meinen Standardbrowser Firefox öffnen wollte. Im Chor schrien sie so entsetzt auf, als hätte ich gerade etwas Hochgiftiges in den Mund gesteckt: "Weißt du denn nicht, dass der Mozilla-Chef ein konservativer Homohasser ist und Trump unterstützt?"

Anja Kümmel studierte Gender Studies und Spanisch in Los Angeles, Madrid und Hamburg. Seit 2011 lebt sie als freie Autorin und Journalistin in Berlin. Im April 2016 erschien ihr dystopischer Zukunftsroman "V oder die Vierte Wand" im Hablizel Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Google dagegen sei unglaublich cool und queerfreundlich und hätte maßgeblich Hillary Clintons Wahlkampf finanziert. Irritiert hielt ich inne. Bislang hatte ich Mozilla für eine relativ harmlose gemeinnützige Organisation gehalten. Aber offenbar hatte ich mich gründlich getäuscht. Panikartig installierte ich Google Chrome, die queeren Techies nickten zufrieden, und schon wurden wir in die schöne, bunte Welt von Netflix gesaugt.

Ich hätte am nächsten oder übernächsten Tag recherchieren können. Tat ich aber nicht. Die einhellige Empörung der so offenkundig hippen und weltoffenen Millennials, die kaum etwas anderes taten als sich durch diverse Newsfeeds zu scrollen – und sicherlich besser auf dem Laufenden waren als ich –, hatte mich überzeugt.

Erst als sich in meiner Nachbarschaft Proteste gegen den in Berlin-Kreuzberg geplanten Google-Campus zu regen begannen, kamen mir Zweifel. Ganz abgesehen vom Gentrifizierungsschub, den ein solcher Techcampus auslösen würde, wurde mir klar, dass Google weitaus mehr ist als die meist benutzte Suchmaschine. Durch seinen Mutterkonzern Alphabet Inc. ist das Unternehmen auch in fast allen anderen Hightechforschungsgebieten führend: im Bereich Stadtplanung (Sidewalk Labs), Künstliche Intelligenz (DeepMind), selbstfahrende Autos (Waymo), Transhumanismus (Calico) oder Smart Homes (Nest).

Endlich recherchierte ich

Automatisierung, Totalvernetzung, 24-Stunden-Überwachung – war das die Welt, in der ich zukünftig leben wollte? Die queeren Techies schienen dazu keine eindeutige Meinung zu haben. Vielmehr sahen sie die kommende Vorherrschaft von KI als eine gegebene Sache an, auf die es sich bestmöglich vorzubereiten galt. Die Frage, ob sie ebenso widerstandslos mitlaufen würden, wenn Donald Trump – oder sagen wir Hillary Clinton – beschlossen hätte, Abhörgeräte in ihren Wohnungen zu installieren, brannte mir auf der Zunge. Ich stellte sie nicht. Denn eines hatte ich inzwischen gelernt: Wann immer ich es wagte, auch nur die leiseste Kritik an jenen Technologien zu äußern, die ihr Privat- und Arbeitsleben bestimmten, schlugen mir Wellen der Verachtung entgegen: Ob ich etwa das Rad der Geschichte zurückdrehen wollte? Hatte ich noch nie etwas von Googles Legalize-Love-Kampagne gehört? Oder davon, dass Facebook und Netflix ihren Arbeitgeber*innen geschlechtsangleichende Operationen bezahlen? Kurz: Dass Technologie die Welt, gerade für Menschen wie uns, zu einem besseren Ort gemacht hatte, war unbestreitbar!

Ich hielt also den Mund, kehrte aber klammheimlich zu meinem alten Browser zurück. Und recherchierte endlich. Mit dem "Firefox-Chef" konnte eigentlich nur Brendan Eich gemeint gewesen sein, der im Jahr 2014 von seinem Posten als Mozilla-CEO zurückgetreten war, nachdem herausgekommen war, dass er sechs Jahre zuvor einer kalifornischen Kampagne gegen die Homo-Ehe 1.000 Dollar gespendet hatte. Ob der auch Trump unterstützt hatte, konnte ich nicht verifizieren. Dass aber die jungen, dynamischen Techies, für die normalerweise ein zwei Stunden alter Post schon Schnee von gestern war, einhellig ein vier Jahre zurückliegendes Ereignis als unverbrüchliche Wahrheit hochhielten, verwunderte mich einigermaßen. Ebenso, wie ihnen entgangen sein konnte, dass Google nicht nur als Hauptgeldgeber der Mozilla Foundation fungierte, sondern selbst 285.000 Dollar für Trumps Antrittsfeier gespendet hatte.

Als wenig später der Fall Cambridge Analytica durch die Medien ging, versuchte ich es noch einmal mit sanfter Kritik. Müsse man nicht langsam einsehen, dass das werbefinanzierte Geschäftsmodell von Facebook & Co. gerade rassistischer, sexistischer und homophober Agitation die perfekte Plattform bietet? Keineswegs, empörten sich die queeren Techies. Ein "ärgerlicher Betriebsunfall", weiter nichts. Zuckerberg habe sich schließlich entschuldigt und Besserung gelobt.