Stellen Sie sich vor, der pensionierte Bankvorstand Ihrer örtlichen Sparkasse hat ein Steckenpferd, eine Vorliebe für ein bestimmtes Thema, mongolischen Obertongesang etwa oder die Kultur der Samurai im Japan des 17. Jahrhunderts. Nun hat ein Sparkassendirektor nicht die Zeit, sich in alle kulturwissenschaftlichen Feinheiten einzuarbeiten. Aber er liest doch alles über das Thema, was er so in die Hände bekommt. Irgendwann hat er so viel gelesen, dass er sich dazu entschließt, ein Buch zu schreiben.

Man kennt solche Bücher. Sie erscheinen in Kleinstverlagen mit edlen Einbänden und Lesebändchen aus roter Seide. Sie umfassen viele Hundert Seiten, weil der Autor einfach alles aufgeschrieben hat, was er zum Thema zu wissen glaubt. Und sie werden von niemandem gelesen, denn diese Bücher erscheinen nicht nur in Kleinstverlagen, sondern auch in Kleinstauflage und meistens zahlen die Autoren eine ganze Menge Geld, damit sie ihren Freunden und ihrer Familie zu Weihnachten eine kleine Aufmerksamkeit bescheren können.

Strukturanalyse kann ausfallen

Ich wurde angefragt, für das neue Sarrazin-Buch eine Argumentationsstrukturanalyse anzufertigen. Das bedeutet, dass man sich ansieht, wie der Autor argumentiert und wo er gute Argumentation durch rhetorische Schummeleien ersetzt. Thilo Sarrazin, der Türöffner der Neuen Rechten zum Bürgertum, ein neues Buch mit dem gar nicht so sachlichen Titel Feindliche Übernahme – das schreit geradezu nach einer kritischen und umfassenden Analyse der Argumentationsstruktur. Für die inhaltliche Auseinandersetzung sind sowieso Islamwissenschaftlerinnen wie Johanna Pink besser geeignet, die in ihrer Besprechung für die ZEIT alles Nötige dazu gesagt hat.

Ich begann also zu lesen – und während des Lesens dämmerte mir immer mehr, dass ich meine eigene Lektürehaltung korrigieren musste. Das war kein Buch eines Hetzers gegen den Islam. Hier schrieb niemand den Rechten und Rechtsextremen die Sätze der nächsten fünf Jahre ins Kampftagebuch. Dort fanden sich vielmehr Sätze wie dieser hier: "Es liegt mir fern, mich in religiöse Überzeugungen oder in die Lebensziele und Lebensweisen anderer einmischen zu wollen." Oder dieser: "Natürlich sollen sich die Menschen mischen." Oder dieser wunderschöne Satz: "Die vernünftigste Lösung wäre eine Aufhebung der Unterschiede durch Vermischung der verschiedenen Ethnien."

Jeder Rechte, der die Mär von der Umvolkung und vom aussterbenden deutschen Volk verbreitet, heult bei solchen Sätzen auf. Jeder andere zuckt mit den Schultern und denkt: Ja, klar, warum auch nicht? Nix Ethnopluralismus, nix Trennung von Ethnien – eine Aufhebung der Unterschiede durch Vermischung der Ethnien, Gleichberechtigung für alle.

"How I see Islam, by Thilo Sarrazin"

Je weiter ich las, desto mehr dämmerte mir: Hier schreibt nicht ein Islamkritiker mit spitzer Feder gegen den politischen Islam an, hier teilt uns ein Privatgelehrter mit, was er alles über den Islam zu wissen glaubt und welche Schlüsse er daraus zieht. How I see Islam, by Thilo Sarrazin.

Natürlich gehören zu einer solchen Simulation von Gelehrsamkeit immer auch steile Thesen. Menschen mit ein bisschen geisteswissenschaftlichem Hintergrund wird es zum Beispiel kaum erstaunen, dass die Übersetzung eines religiösen Textes, wörtlich genommen, viel eindeutiger wirkt als eine, verschiedene Kontexte einbeziehende, Lektüre des Originaltextes. Das haben neben Sarrazin auch islamische Fundamentalisten erkannt, weswegen die, wie er, einfach alles weglassen, was ihre Lesart stören könnte.

Auch ein Statistiker hätte seine Freude am fröhlichen Dilettantismus des ehemaligen Finanzsenators und Vorstands der Deutschen Bundesbank. Weiß er doch, dass Statistiken immer nur so aussagekräftig und überzeugend sind wie die Voraussetzungen, die sie machen. Und dass man sehr leicht in einen sogenannten Scharfschützenfehlschluss gerät. Der heißt so, weil jeder Scharfschütze sein kann, wenn er erst schießt und dann erst die Zielscheibe um die Treffer herum malt. Übertragen bedeutet das: Wer seine Daten so auswählt, dass sie immer nur die eigene Voraussetzung bestätigen, wird immer davon überzeugt sein, dass er richtig liegt.

Aber das sind systematische Probleme, die man nicht in zwei Sätzen beheben kann. Hier müsste man eigentlich nachschulen. Das ist bei diesem Werk aber gar nicht notwendig, denn auch Privatgelehrte und ihre Fans haben ihren Platz in dieser Gesellschaft. Nur sollte man solche Texte nicht mit Sachbuch- oder gar Fachbuchliteratur verwechseln. Es sind Fleißarbeiten, aus Unkenntnis methodisch schlecht gemacht, dafür umfangreich und meinungsstark. Man kann sie jemandem schenken, den so etwas freut. Für alle anderen sind sie nicht der Rede wert.