Die Hüterin im Blauen Turm im baden-württembergischen Bad Wimpfen, die Türmerfamilie im sächsischen Annaberg-Buchholz, der Bewacher des Hamburger Michel und der Turmbläser von Krakau: Sie alle gehören zu den wenigen Vertretern eines aussterbenden Berufes. Der mittelalterliche Türmerdienst bestand darin, vom höchsten Punkt der Stadt aus vor Gefahren zu warnen. Das konnten herannahende Truppen und Banden sein, aber auch Brände, die sich wegen der Enge der Städte und der üblichen Holzbauweise sehr schnell ausbreiteten. Diese Funktionen sind mittlerweile entbehrlich geworden, doch die Tradition wird von den Städten trotzdem gepflegt, in einem Spannungsfeld zwischen Brauchtum, Nostalgie und Tourismusmarketing, das ich mir in Münster näher anschauen will.

Didem Ozan ist freie Journalistin und Autorin. Gerade schreibt sie einen Roman über die Istanbuler Gezi-Proteste. Sie lebt in Münster, wo sie sich politisch engagiert. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

"Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, dem Turme geschworen, gefällt mir die Welt", so beschreibt Martje Saljé mit Goethe blumig ihre Tätigkeit. Die Türmerin von Münster arbeitet seit vier Jahren hoch oben in der katholischen St.-Lamberti-Kirche. Ich begleite sie an einem Sommerabend bis unter die Kirchturmspitze, um die uralte Brandwache mitzuerleben. Seit mehr als 600 Jahren gibt es eine rituell festgezurrte Abfolge von Beobachten und Hornblasen, die nun Martje anvertraut ist. Jeden Abend, außer dienstags, bläst sie von 21 Uhr bis Mitternacht halbstündlich ein Zeitsignal, damit die Stadt weiß, dass sie sicher ist, und steht damit in der Ahnenreihe ihrer Vorgänger. An Dienstagen kann es also in Münster nicht brennen? Auch Brauchtumspflegerinnen haben ein Anrecht auf einen freien Tag. Martjes Arbeitgeber, die Münster Marketing, ein Eigenbetrieb der Stadt Münster, rechtfertigt den freien Dienstag mit Statistiken, nach denen in den vergangenen Jahrhunderten dienstags die Feind-und-Feuer-Dichte sehr gering sei. So werden die Anforderungen des modernen Arbeitsrechts historisch umkleidet.

Im Mittelalter war der Türmer an keinem einzigen Tag der Woche verzichtbar. Turmwächter fungierten als verlängertes Auge der Nachtwächter, in der Regel arbeiteten Turmwächter und Nachtwächter eng zusammen. Heute sind Münsters Nachtwächter Touristenführer, die sich freuen, wenn sie bei ihren Rundgängen auf die Türmerin verweisen können.

Meine persönliche Führung beginnt an einem kleinen Seiteneingang der Kirche. Eine steinerne Wendeltreppe führt uns in einem engen Schlauch über drei Ebenen bis in die Dienststube hoch. Die Treppe ist als Fluchtweg in dem denkmalgeschützten Turm so eng, dass Gästeführungen ansonsten kaum zugelassen werden. Nach den ersten hundert Stufen auf der zweiten Empore angekommen, sehe ich die drei Käfige, in denen in der Reformationszeit die radikalen Anführer der Wiedertäufer ausgestellt waren. Ich darf die kühlschrankgroßen Eisenkörbe berühren, in denen im Jahr 1536 Jan van Leiden und seine Kumpanen verrotteten, zur Abschreckung, nach mehrstündiger Folter und Hinrichtung. Auch das war einmal Sache des Türmers, erklärt Martje: die Reinigung der Eisenkörbe, des Gebäudes, des Prinzipalmarktes vor dem Turm, wo die Hinrichtungen stattfanden, von den Leichenteilen und Körpersäften, von den Überbleibseln der Toten.

Weil er mit Tod und Einsamkeit verbunden war, wurde der Türmer im Mittelalter als Randständiger gesehen, er war ehrlos im Sinne von "nicht von ehrbarem Stand geboren". Ehrlose hatten in den städtischen Ständegesellschaften keine Chance auf die Ausübung eines Handwerks oder eines anderen Berufs. Kinder aus Türmerfamilien wurden bis in die Frühe Neuzeit von der Aufnahme in die Zünfte ausgeschlossen. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts erhielten sie durch Reichsgesetze die Möglichkeit, einen anderen Beruf zu erlernen.

Nach dem historischen Gruselschauer geht es weiter hoch auf die dritte Empore, fast unter die Kirchturmspitze. Da oben ist es angenehm luftig, ich blicke durch die spätgotischen Fassade auf die westfälische Stadt mit ihren mehr als 300.000 Einwohnern wie in einem Miniaturpark. Aus dieser Perspektive wirken die Menschen, als könne man sie mit dem Zeigefinger zerdrücken. Direkt vor mir der historische Wasserturm in Schachfigurgröße, der Dom wie eine Sandburg, alles hübsch umfasst von Brokkoliröschen, so sehen die Laubbäume von oben aus. Weit im Horizont blinken Windräder im Sonnenuntergang. Es ist ein erhabener Ort.