Bald ist wieder Weihnachten, liebe Kinder! Und schon am 20. Dezember beschenkt Disney uns mit dem großen Kinovergnügen Mary Poppins‘ Rückkehr. Genau wie der erste Teil, der berühmte Musicalfilm von 1964 mit Julie Andrews, handelt auch dieser Film von Twitter – vom Leben zweier Kinder in der Twitter Tree Lane Nr. 17 und ihrer Suche nach dem Glück. Die Fortsetzung ist ein knalliger Horrorsplatterfilm mit Torture-Porn-Szenen und vielen Spezialeffekten geworden. Gewiss, das hätte man von Disney eher nicht erwartet, aber anders lässt Twitter sich heute vielleicht auch nicht mehr darstellen.

Wir blicken zurück: 1964 hatte Mary Poppins den Kindern Jane und Michael beigebracht, wie man mit ein bisschen Disziplin, Demut und Anstand auch dann auf Twitter Glück und Liebe findet, wenn die Mutter Feministin und der Vater Banker ist, und wie man den Anblick der Armut rundherum besser erträgt, wenn man systemerhaltende Mildtätigkeit tweetet und sich das politische Bewusstsein mit viel Gefühl wegzuckert. Hauptsache, die Familie hält zusammen! Als Mary Poppins an ihrem Regenschirm in den Wolken über Twitterland verschwand, war alles gut.

Nun bietet sich ihr bei der Rückkehr ein Bild des Schreckens. Michael sieht aus wie Jabba the Hutt und hängt schwitzend mit seinen Freunden vor dem Computer ab. Seine Freunde sehen auch aus wie Jabba the Hutt, und gemeinsam fressen sie Pizza und suchen Feministinnen und Transmenschen, die sie denunzieren und mit Vergewaltigungsdrohungen quälen können. Jane hockt verschreckt in einer Ecke, lebt von den Pizzabrocken, die man ihr ab und zu zuwirft, und muss den Abwasch machen und die Klos putzen.

Mary Poppins weiß, dass sie vor der größten Herausforderung ihrer Kindermädchenlaufbahn steht. Sie braucht jetzt ihre ganze Güte und Geduld, ihr ganzes berüchtigtes Augenzwinkern. Sie weiß, dass sich die fetten alten Jungs vor dem Computer wahrscheinlich nur nach ein bisschen Liebe sehnen, dass man sie vernachlässigt hat und sich um sie kümmern muss. In der ersten großen musikalischen Nummer dieses Films macht sie ihnen gleich konkrete Vorschläge zur Verhaltensänderung: Kriegt ihr euch dauernd in die Wolle? / Versucht's mal mit Affektkontrolle!

Aber die alten Jungs lachen nur und rufen: Meinungsfreiheit! Meinungsfreiheit! Wir dürfen sagen, was wir wollen, sonst ist das Meinungsdiktatur, du vertrocknete alte Spaßbremse!

Jetzt wird Mary Poppins streng, weil sie weiß, dass auch ältere Kinder Grenzen brauchen. Mit fester Stimme setzt sie zu ihrem nächsten Lied an: Mit Vergewaltigung zu droh‘n ist keine Meinung. / Keine Meinung! Keine Meinung! / Beschimpfung und Verhöhnung? Keine Meinung!  / Anstand verlangen ist keine Zensur. / Und nun seht mal auf eure Uhr. / So spät schon? Husch, auf eure Zimmer! / Internetverbot! Für immer!

Männer sind keine Doofis

Da packen die Jungs Mary Poppins, fesseln sie an einen Stuhl und lassen ihre Gewaltfantasien an ihr aus; dazu singen sie die alten 64er-Hits "Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittere Medizin versüßt" und "Supercalitwitteristicexpialigetisch". Gewiss, man kann diese Folterszenen für zu drastisch halten, besonders in einem Kinderfilm, aber Filmwissenschaftler haben mir bestätigt, dass sie für die Glaubwürdigkeit der Handlung und der Figuren sehr wichtig sind, und zum Glück wird Mary Poppins am Ende auch nicht geköpft, sondern grün und blau geprügelt vor eine Art Ober-Jabba-the-Hutt geschleift, der ihr erklärt, was Sache ist.

Und die Sache ist die: Jungs sind eben so. Männer auch. Waren schon immer so. Werden auch immer so bleiben. Sind an der Macht. Ist für die Frauen auch besser so. Ist für alle besser so. Die Frauen sollen sich nicht so anstellen. Macht muss Spaß machen. Deshalb gibt es Hinterzimmer, in denen Mann es krachen lässt. Wo Mann die Puppen tanzen lässt. Vorne spielt Mann ein bisschen Wohlanständigkeit, hinten lässt Mann es krachen. Die Wohlanständigkeit vorne hält Mann nur durch, weil er ja weiß, dass er es gleich hinten krachen lassen darf. Wenn einer das nicht gefällt, ist sie eine vertrocknete alte Spaßbremse.

Komisch, diese Aufregung um mächtige Männer und was sie mit Frauen machen. Deshalb will man diese Jobs doch! Damit man Abhängige hat, mit denen man es krachen lassen kann. Und das wollen die Abhängigen doch auch, sonst wären sie ja keine Abhängigen geworden. Und glaubt etwa jemand, Männer wollen Jobs, um diese Jobs zu machen? Sie wollen es krachen lassen! Eigentliche Arbeit ist nur was für Doofis. Männer sind keine Doofis. Männer sind echte Jungs, die es einfach …

Mary Poppins stirbt noch während der Rede des Ober-Jabbas, die sieben Stunden dauert (ja, der Film hat leichte Überlänge), und sie stirbt nicht an den Folgen der Folter, sondern vor Langeweile. Der Ober-Jabba redet einfach weiter, er merkt gar nicht, dass er seinen Vortrag einer Leiche hält.

Irgendwann muss ich dann eingeschlafen sein. Vielleicht habe ich den ganzen Film auch nur geträumt.

Als ich aufwache, muss ich an eine Bekannte denken, die auf Twitter als "Spitzel" und Subventionsschmarotzerin denunziert wurde, weil sie zum Blocken und Melden rechter Trolle aufgerufen hat. Spaßbremsenalarm! Meinungsdiktatur! Gemeint sind jene rechten Trolle, die einer Frau schon Vergewaltigungs- oder Morddrohungen schicken, wenn sie es wagt, sich zum Thema Klimawandel zu äußern. Und der "Spitzel"-Rufer ist Onlinekolumnist einer überregionalen Tageszeitung, für die er Texte sozusagen an der angelehnten Tür zum Hinterzimmer verfasst, damit man den Widerhall des dumpfen Krachens noch hören kann. Die Kolumne heißt "Stützen der Gesellschaft". Was ist das für eine Gesellschaft, die sich solche Stützen sucht? Sie sich "leistet", weil, man gönnt sich ja sonst nichts?

Es ist die Gesellschaft, die sich gern für die gute hält. Wie seltsam. Viele Grüße von Jabba the Hutt.

Ich, liebe Kinder, stehe auf der Seite der Spaßbremsen. Ich bin für Mary Poppins. Schade, dass sie tot ist.