Keinen Facharzttermin bekommen. DHL-Bote hat nicht geklingelt. Merkel muss weg. Deutscher wird's echt nicht mehr. Deutschland entwickelt zunehmend kollektive Fetische. Einer davon ist, sich nichts sehnlicher zu wünschen, als die Kanzlerin gestrauchelt, gedemütigt und völlig erledigt am Boden zappeln zu sehen. Merkel muss weg, Merkel kann weg, Merkel ist so gut wie weg.

Was ist das eigentlich genau, was da seit Jahren passiert? Lust am Debakel? Sehnsucht nach Chaos? Oder ist es einfach nur die Tatsache, dass eine Frau regiert, deren Macht darin liegt, sich rhetorisch und charakterlich im Griff zu haben. Wahrscheinlich ist das Geheimnis ihres Erfolges der unbedingte Wille zu regieren und dabei Flirts streng zu vermeiden. Sie sitzt nicht wie Wolfgang Bosbach in jeder Talkshow, um sich liebesbedürftig ans Publikum anzuwanzen.

Angela Merkel regiert seit 13 Jahren durch. Was auch immer jemals in ihr vorging, eines gönnte sie der Öffentlichkeit nie: den Anblick einer nervlichen Niedergeschlagenheit. Das macht nicht nur Teile der männlichen Wählerschaft fertig, sondern auch Parteikollegen und neuerdings, so beschleicht einen der Verdacht, auch immer mehr Journalisten.

Und Helmut Kohl ist sie auch nicht

Angesichts der Abwahl Volker Kauders als Fraktionsvorsitzender der Union lesen sich manche Kommentare aus der deutschen Presse nicht wie Interpretationsversuche auf der Grundlage von Hintergrundgesprächen, Insiderinformationen oder anderweitiger Recherchearbeit, sondern vielmehr wie die Beschwörung, ja fast das Herbeisehnen eines "Abgangs" der CDU-Vorsitzenden. Natürlich stets mit dem Zusatz, wenn sie das jetzt noch hinbekommen wolle, dann natürlich nur zum Preis des Gesichtsverlustes. Ihr bleibe nur noch, ihren Untergang zu "moderieren". In der Berliner Zeitung bescheinigte man ihr gar, dass es für sie "keinen Abgang in Würde gibt".

Die Argumentation für die Prophezeiung der bevorstehenden öffentlichen Demütigung stammt zum einen aus der Glaskugel und zum anderen aus dem Vergleich mit der Abwahl Helmut Kohls. Von Kohl (und auch von Adenauer, um noch schnell den anderen CDU-Langzeitkanzler zu nennen) ist aber beispielsweise nirgends der Satz überliefert, dass dieser sich seine Entscheidung, noch einmal anzutreten, "nicht leicht gemacht" hätte. Diese Männer hielten sich selbst stets für alternativlos. Angela Merkel aber sagte in aller Offenheit vor ihrem Wiederantritt: Niemand sei alternativlos. Auch sie nicht. Auch nicht in der CDU. Auf diesen Gedanken musste sie niemand bringen. Warum sollte sie einen Rückzug aus der Politik, ganz gleich, wie er sich gestaltet, als Scham empfinden?

Auch sonst gibt es einfach keine Parallele zu Helmut Kohl. Weder im Regierungsstil noch in der Art des Auftritts oder des Redens. Helmut Kohl war ein polternder Mensch, der mit der CDU-Spendenaffäre seine eigene Reputation aufs Spiel setzte. Seine Schmach ergab sich doch zu keinem Zeitpunkt aus seiner Abwahl, sondern aus seinem angeblichen Ehrenwort, das er über das Gesetz stellte. Eine Million Mark Schwarzgeld, Waffenhändler, Kofferübergabe, es war schon alles ziemlich niedrig. Man kann Angela Merkel allein deshalb in nichts, aber auch wirklich gar nichts mit Helmut Kohl vergleichen. Es ist fast eine Beleidigung. Es war nämlich Angela Merkel, die nach einem solchen Wahnsinnsskandal als Einzige in einer ganzen Partei mit lauter Männern den Mut hatte, in einem berühmten FAZ-Artikel zu sagen, dass das, was da lief, an Miesheit nicht zu überbieten war. Der reichlich pathetische Begriff "Ehrenrettung" scheint hier ausnahmsweise einmal treffend.

Na, Demokratie nicht begriffen?

Und nun bitte noch etwas Grundsätzliches zu Merkel-muss-weg: Als das Volk, insbesondere die Mitbürger aus den Deutsch-Plus-Ländern, in Scharen auf die Straße lief und "Merkel muss weg" skandierte, dachte man: Mein Gott, es scheint sich noch nicht herumgesprochen zu haben. Das beste Mittel in einer Demokratie, um einen Politiker "wegzuhaben", ist dessen Abwahl. Die Kanzlerin selbst machte vor der vergangenen Bundestagswahl in der Sendung Anne Will darauf aufmerksam. Sie sagte das natürlich nicht so deutlich, weil es ihr aus unerklärlichen Gründen auch nach vielen Jahren in der Politik nicht gelingt, verständlich zu sprechen. So klang es bei ihr: "Zu jeder Wahl kann jeder seine Meinung sagen. Ich freue mich, wenn die Leute das tun." Das ist ein typischer Merkel-Satz. Er ist wie eine Wurst. Es gibt zwei Enden. Man kann es als Einladung betrachten, sie zu wählen. Oder aber das Gegenteil. Der Satz meint auch: "Man kann mich abwählen." Mehr Service geht nun wirklich nicht.

Der berühmteste Wahlkreis Deutschlands, Wahlkreis 15, liegt in Ostdeutschland und heißt "Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I". Seit 1990 tritt Angela Merkel dort als Direktkandidatin an und geht aus jeder Abstimmung als klare Siegerin hervor. In fast allen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern ist die AfD zweitstärkste Kraft. Trotzdem hat die CDU in den 20 größten Städten Mecklenburg-Vorpommerns doppelt so viele Stimmen wie die AfD. Die Bürger haben sie nicht abgewählt, als sie es gekonnt hätten.

Was die letzte Bundestagswahl betrifft, haben CDU/CSU in allen Bundesländern – bis auf Bremen – einen beachtlichen Stimmenverlust erlitten, aber letztlich immer gewonnen. Nicht, dass das jetzt untergeht. Deshalb noch einmal ganz langsam und deutlich: in A L L E N Bundesländern – bis auf Bremen – hat die Union die meisten Stimmen geholt. Merkel war bekanntermaßen an der Spitze, zeitweise wurde nur noch ihr Gesicht plakatiert, ohne nennenswertes Beiwerk von Textbotschaften. Es handelte sich übrigens um freie und unabhängige Wahlen. Mit anderen Worten, Merkel muss gar nicht weg. Wer meint, dass sie es trotzdem müsse, hat die Demokratie nicht begriffen. In einer Diktatur kommen Menschen "weg". Wir sind aber (noch) nicht in einer Diktatur.

Die Bundeskanzlerin hat sich in einer Wahl gestellt, die Wahlergebnisse waren bekanntermaßen mies, ihre Politik kann man finden, wie man will, aber es handelt sich bei Merkels Anwesenheit in der Politik nicht um eine Art "illegalen Grenzübertritt". Und irgendwie sollten mal bitte alle Kollegen aufhören, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob und wie die Kanzlerin "abtreten" wird. Sie wird es wahrscheinlich so machen, wie sie es immer tut. Nachdem sich alle an ihr abgearbeitet haben und es kaum noch einer für möglich halten wird, wendet sie sich mit einem, maximal zwei ihrer Wurstsätze an die Öffentlichkeit, die ins Einfache übersetzt sagen sollen: Tschüss, das war's, und nun seht zu, wie ihr klarkommt.