Manchmal passieren erstaunliche Dinge vor aller Augen, ohne dass sie bemerkt werden. So dieser Tage in Frankfurt am Main, wo gerade in zentraler Lage ein kleines Neubauviertel mit 35 Wohnhäusern, einigen Gewerbeeinheiten sowie einer öffentlichen Einrichtung fertiggestellt wird. Die Ein- und Zweifamilienhäuser in hochwertiger Ausführung fallen mit Gesamtkosten von etwa 15.000 Euro je Quadratmeter inklusive Grundstückskosten und Erschließung in das Luxussegment des Wohnungsmarkts. Die gutbetuchten Käufer dieser Immobilien mussten allerdings mit 5000 bis 7000 Euro pro Quadratmeter nicht einmal die Hälfte der Kosten tragen, denn die Stadt schoss aus Steuergeldern etwa 9000 Euro pro Quadratmeter zu.

Dieser Artikel stammt aus der September-Ausgabe 2018 des "Merkurs". © Klett-Cotta

2007, als die schwarz-grüne Stadtregierung das Projekt beschlossen hatte, waren die Baukosten mit 106 Millionen Euro nur etwa halb so hoch kalkuliert, wie sie am Ende de facto ausfielen. Aber auch diese horrende Preissteigerung, die an die Elbphilharmonie erinnert, hat dem Vorhaben nichts anhaben können. Es genießt nach wie vor breite politische Unterstützung von den Grünen über die SPD und CDU bis hin zu den Rechtspopulisten.

Hilfreich dafür ist, dass man den Aufwand je Wohnung nicht klar benennt. So wird das Grundstück bei den genannten Kosten nicht miteinbezogen, sehr wohl aber den erzielten Erlösen zugeschlagen. Vorenthalten wird der Öffentlichkeit auch die Angabe der errichteten Nettowohnfläche; die kommunizierte Bruttogeschossfläche ist um etwa 50 Prozent höher und lässt damit den Aufwand nicht ganz so unverhältnismäßig erscheinen. 2014 versicherte der Projektleiter Michael Guntersdorf noch: "Wenn es ganz dumm läuft, haben wir eine Unterdeckung von zehn Millionen." Von den bekannten Gesamtkosten des Projekts von 272 Millionen Euro hat die Stadt aber nur zwischen 80 und 90 durch den Verkauf wieder eingenommen. Verbleibt ein verlorener städtischer Zuschuss von über 140 Millionen Euro für die Privatimmobilien, für weitere 40 Millionen erhielt die Stadt etwa 4500 Quadratmeter Bruttogeschossfläche für Kultur und Gewerbemietflächen. (Da das Grundstück nicht verkauft, sondern nur im Erbbaurecht für 99 Jahre vergeben wurde, kann die Stadt nach hundert Jahren weitere Einnahmen erzielen. Ohne Grundstücksanteil beläuft sich der städtische Zuschuss auf etwa 6000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche. Die Einnahmen für das Grundstück ohne Erbbauzins über 99 Jahre reduzieren sich um etwa 15 Prozent, also um 750 bis 1000 Euro pro Quadratmeter. Die Werte sind auf Grundlage der öffentlich kommunizierten Zahlen ermittelt.) Die Projektgestaltung macht darüber hinaus geltend, dass für die Umgestaltung der schon vorhandenen öffentlichen Erschließung ein zusätzliches Anlagevermögen von 45 Millionen Euro geschaffen wurde, die deshalb von den Wohnungsbaukosten abzuziehen seien.

Das Neubauviertel, von dem hier die Rede ist, ist die "Neue Altstadt" zwischen Dom und Römer im Zentrum der Stadt. Bei fünfzehn Häusern wurde die oberirdische Kubatur mit ihren historischen Fassaden rekonstruiert. Die zwanzig weiteren Bauten orientieren sich in ihren äußeren Abmessungen sowie in der Materialität ihrer Oberflächen ebenfalls an der historischen Bebauung, die 1944 dem Bombenhagel zum Opfer fiel. So gesehen kann man das Vorhaben auch als eine Art Open-Air-Museum begreifen, dessen Kosten zu einem Drittel durch den Verkauf von in das Projekt integrierten Wohnungen und Gewerbeeinheiten refinanziert wurden. Für die Mehrzahl der Rekonstruktionen standen lediglich historische Fotografien sowie Handskizzen für das 1926 erstellte Holzmodell der Altstadt zu Verfügung.

Es ist eine Medienarchitektur, die aus technischen Bildern generiert nun vor allem der Erzeugung neuer medialer Bilder dient. Auch sonst ist die Architektur keineswegs so traditionell, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Der Rohbau besteht - von den wenigen Fachwerkhäusern abgesehen - aus Stahlbeton und Industrieziegeln, die Ausstattung umfasst Fußbodenheizung mit Fernwärme, Dreifachverglasung, mechanische Lüftung, modern geschnittene, offene Wohnküchen, umfangreiche Sanitärräume und meist einen direkten Zugang zu den privaten Stellplätzen in der zugehörigen Tiefgarage.

Nicht nur für die Bewohner, auch für die zeitknappen Ferntouristen aus Asien und Übersee ist die neue Altstadt die moderne Alternative, und so wird sie auch beworben. Anstatt historische Fachwerkstädte wie Fritzlar oder Michelstadt aufsuchen zu müssen, können sie innerhalb von zwanzig Minuten vom Frankfurter Flughafen eine deutsche Altstadt mit U-Bahn-Station und Autobahnanschluss erreichen.

Symbolische Gesten

All das ist für die Rekonstruktionsprojekte der letzten beiden Jahrzehnte typisch. Das Besondere am Frankfurter Vorhaben ist, dass es sich hier, anders als in Berlin, Potsdam, Dresden oder Braunschweig, nicht um einen Solitärbau handelt, sondern um ein - wenn auch sehr kleines - Quartier als Siedlungsstruktur. In der freien Bürgerstadt war die Bebauung einst von einer Vielzahl privater Bauherren errichtet und über Jahrhunderte hinweg erneuert, erweitert und auch ersetzt worden. Die daraus resultierende gewachsene Vielfalt des Erscheinungsbilds wird nun im Rahmen eines zentral gelenkten staatlichen Bauvorhabens simuliert.