Was folgt aus den Ausschreitungen in Chemnitz? Der Lyriker und Essayist Max Czollek über das Selbstbild der Deutschen.

Das rechte Narrativ der Auseinandersetzungen in Chemnitz lautet: Ein Deutscher wurde von zwei Ausländern abgestochen, weil er eine deutsche Frau vor sexuellen Übergriffen schützen wollte. Auch wenn die Polizei den Tathergang noch nicht genau rekonstruieren kann, ist klar: Das stimmt so nicht. Der Verstorbene, den sich die Rechten als ihren aktuellen Horst Wessel auserkoren haben, ist ein Deutsch-Kubaner, der sich laut Facebook-Profil eher dem linken politischen Spektrum zugehörig fühlte. Wie nebenbei klären die Rechten damit also die Frage, wann man als Bindestrichdeutscher eigentlich zu Deutschland gehört. Antwort: Wenn man von einem Iraker und einem Syrer umgebracht wird. Gut, dass da nun Klarheit herrscht.

Unklar bleibt mir allerdings der Erregungsdiskurs, der sich die vergangene Woche um die Ereignisse in Chemnitz etabliert hat. Seit Jahren werden in Deutschland fast täglich Flüchtlingsunterkünfte beschädigt, angezündet oder mit Hasspropaganda beschmiert. 2017 zählten die Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl durchschnittlich vier Angriffe auf Geflüchtete oder ihre Unterkünfte pro Tag;das Bundeskriminalamt geht für das gleiche Jahr von 264 Attacken auf Flüchtlingsheime und deren Bewohner aus, 16 davon Brandstiftungen. Die letzte Sonntagsumfrage von Infratest dimap hat ergeben, dass die AfD in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt derzeit zweitstärkste Kraft ist.

Das ist der Kontext, in dem Chemnitz stattfindet. Was gerade passiert, ist eine Eskalation mit Ansage.

Das blitzblanke neudeutsche Selbstbild

In meinem Buch Desintegriert euch! interessiert mich die Frage, wie man eigentlich immer wieder aufs Neue von der Virulenz rechter Gedanken und rechter Gewalt in der bundesdeutschen Gegenwart überrascht sein kann? Für die Antwort lohnt ein Blick auf jenes blitzeblanke neudeutsche Selbstbild, das Bundespräsident Steinmeier vergangenes Jahr zum Tag der Deutschen Einheit formulierte: "Die Lehren zweier Weltkriege, die Lehren aus dem Holocaust, die Absage an jedes völkische Denken, an Rassismus und Antisemitismus, die Verantwortung für die Sicherheit Israels – all das gehört zum Deutschsein dazu."

Mit Chemnitz und den steigenden Umfragewerten einer neovölkischen Partei, mit brennenden Flüchtlingsheimen sowie physischen Übergriffen auf Linke, Nichtarier und Journalisten, mit dem NSU-Komplex und der Übernahme von AfD-Themen durch Politikerinnen und Politiker demokratischer Parteien sollte indes deutlich sein, dass Steinmeiers Behauptung vom geschichtsklugen, unvölkischen, antirassistischen und antiantisemitischen Deutschsein nicht der Wahrheit entspricht. Aber der höchste Repräsentant des deutschen Staates hielt auch dann noch an diesem lieb gewonnenen Bild seines Landes fest, als die AfD mit einem Achtel der Stimmen in den Bundestag eingezogen war. Zur Erinnerung: Eine gute Woche vor dem 3. Oktober 2017 hatte die Bundestagswahl stattgefunden.

Die Mitte steht am rechten Fließband

Diese Weigerung, die eigene Wahrnehmung an die gesellschaftliche Realität anzupassen, bleibt nicht ohne Konsequenzen. Denn wer unbedingt auf dem Standpunkt beharren möchte, Deutschland sei ein geläutertes Land, der kann die AfD nicht als Partei wahrnehmen, deren Anhängerinnen und Anhänger für die Vorstellung einer homogenen Volksgemeinschaft empfänglich sind. Der muss die AfD-Wählerinnen und -Wähler stattdessen als entfremdete, enttäuschte und wütende Deutsche darstellen. So ungefähr hat Steinmeier es ja auch in seiner Rede gemacht, und die meisten deutschen Spitzenpolitiker tun es ihm nach.

Man muss die AfD ideologisch schon sehr unterschätzen, um auf die Idee zu kommen, in Chemnitz hätten ein paar verrückt gewordene Rechtsextreme einige zufällig vorbeigelaufene Passanten angegriffen. Vielmehr zeigt sich hier noch einmal eindrücklich die rechte Arbeitsteilung, bei der die rechtsextremen Gewalttäter, die entfremdeten, enttäuschten und wütenden Deutschen und ein Teil der so emphatisch beschworenen Mitte der Gesellschaft an unterschiedlichen Abschnitten desselben Fließbands stehen. Dass die AfD diese Arbeitsteilung sehr viel klarer vor Augen hat als die Bundesregierung, hat sie mit ihren Empathiebekundungen für den Mob von Chemnitz mehr als deutlich gemacht.

Auch bei der Analyse der Ziele rechter Schlägertruppen herrscht Verwirrung. Bis in die größten Medien hinein werden die Angriffe von Chemnitz als Attacken "gegen Ausländer" bezeichnet, so als wäre Staatsbürgerschaft plötzlich wieder etwas, über das in Deutschland die äußersten Rechten entscheiden. Ich würde dagegen sagen, der rechte Mob attackiert ein Viertel der deutschen Bevölkerung. So viele haben nämlich das, was im Beamtendeutsch des Statistischen Bundesamtes als Migrationshintergrund bezeichnet wird. Sind das etwa keine Deutschen?