In deutschsprachigen Medien ist von "Flüchtlingswellen" die Rede, die ein Land überrollen, von "Völkerwanderung" und davon, dass "der kleine Stolz, den man noch vor Kurzem empfinden konnte, ein Europäer zu sein, (...) mit Tausenden Männern, Frauen und Kindern im Mittelmeer ertrunken" sei. In der Debatte um die Fassade der Alice Salomon Hochschule mussten "Tugendterroristen" gestoppt werden, die Entfernung des Gedichts wurde zur "Inquisition" und zum Zeichen dafür, dass die "Demokratie in Ketten" liege. Die Politik der CSU ist ein "Angriff auf Europa" und der Anschlag auf Charlie Hebdo war sogar ein "Angriff auf die Zivilisation". Ob es in Chemnitz eine rechte "Hetzjagd" gegeben hat oder nur eine "Medienhetze gegen Rechts", wird heftig diskutiert. Seit ein paar Tagen ist "Chemnitz überall" und während vor ein paar Wochen noch vom "feministischen Volkssturm" die Rede war, spricht man heute vom "Bürgerkrieg in Sachsen" oder gar vom "Hexenkessel Deutschland".

Man könnte die Wirkung solcher Metaphern als medialen Schock bezeichnen, in Anlehnung an den kleinen, wunderbaren Film Schlagworte – Schlagbilder von Harun Farocki, in dem er gemeinsam mit dem Medientheoretiker Vilém Flusser die Durchdringung von Wort und Bild im Boulevardjournalismus analysiert. Das trifft jedenfalls ziemlich gut, wie ich mich nach ausgiebigem Medienkonsum fühle: Ich bin in panischer Aufruhr. Ein Zustand, der, wie man auch ohne Psychologiekenntnisse weiß, das Denken blockiert, die Gefühle reduziert, das Erinnerungsvermögen behindert, kurz: die vernunftgebundenen menschlichen Fähigkeiten einschränkt. Ein Zustand also, in dem man nicht unbedingt handeln und schon gar keine wichtigen Entscheidungen treffen sollte. Das möchte ich aber, denn ich bin Künstlerin und Aktivistin. Und genau deswegen mische ich mich ein. Ich möchte beim Zigarettenkaufen am Zeitungskiosk nicht gern das Gefühl haben, dass die nächste Zigarette meine letzte vor der Apokalypse sein wird.

Susanne Heinrich hat nach vier Büchern bei DuMont noch einmal studiert: Filmregie. Ihr Debütfilm "Das melancholische Mädchen" feiert bald Premiere. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Agnesh Pakozdi

Metaphern lösen Gefühle aus. Und diese wiederum haben einen ganz realen Effekt. Nehmen wir den obigen Beispielsatz, mit dessen politischer Haltung ich sogar sympathisiere: "Der kleine Stolz, den man noch vor Kurzem empfinden konnte, ein Europäer zu sein, er ist zusammen mit Tausenden Männern, Frauen und Kindern im Mittelmeer ertrunken." Was macht es mit mir, diesen Satz zu lesen? Ich sehe ertrinkende Menschen, ein untergehendes Europa. Ich fühle Scham, Handlungsunfähigkeit, Verzweiflung. Mein Verstand ist blockiert. Erst viel später werde ich stutzig. Warum habe ich mich beim Lesen fast selbst wie eine Ertrinkende gefühlt? Schließlich habe ich das ungerechte Glück, nicht in einem untergehenden Boot zu sitzen. Der Linguist George Lakoff schreibt über die Berichterstattung zum Irakkrieg: "Metaphern können töten." Ist das nicht selbst schon wieder eine, frage ich mich, und sehe vor mir eine Metapher mit gefletschten Zähnen.

Sagen wir es anders, sagen wir: Sprache bildet Wirklichkeit nicht nur ab oder übersetzt sie, sie generiert auch Wirklichkeit. Da sind sich Hirnforscher*innen, Linguist*innen, Kognitionswissenschaftler*innen und Psycholog*innen einig. Wer beispielsweise immer noch nicht glaubt, dass das sogenannte generische Maskulinum eine Fiktion ist, könnte die wissenschaftlichen Studien lesen. Denn sie zeigen, dass ein generisches Maskulinum aus psycholinguistischer Sicht nicht existiert, weil wir grammatisch maskuline Formen deutlich häufiger auf Männer beziehen, bei dem Begriff Ärzte also nicht automatisch weibliche Berufsgenossinnen mitdenken – was wiederum Einfluss darauf hat, wo Frauen* ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Darüber könnte man sachlich diskutieren. Stattdessen ist im Zusammenhang mit geschlechtergerechter Sprache von "demokratischer Pflicht" die Rede oder aber von "Zensur" und "verhunzter Sprache". Ich sehe vor meinem inneren Auge lauter wahnsinnig gewordene Hysterikerinnen mit Gewehren, Flinten und Panzerfäusten durch eine verwüstete Landschaft auf den armen "bedrohten Mann" zustürmen. Manchmal gehen Metaphern so weit, dass sie sogar die Tatsachen verdrehen und real existierende Machtverhältnisse umkehren – so zum Beispiel, wenn im oben zitierten Artikel vom "Triumph des totalitären Feminismus" die Rede ist, obwohl der Feminismus nie eine dominierende politische Strömung war und seine Ziele keineswegs umgesetzt wurden. Der Ton der Debatte wird hysterisch.

Wann ist das – Achtung, Metapher! – aus dem Ruder gelaufen? Eine Ursache für diese Entwicklung liegt sicherlich darin, dass politische Akteure sowohl auf der rechten wie auch der linken Seite des politischen Spektrums seit etlichen Jahren zunehmend offensiver Sprachpolitik betreiben. Die beliebteste rhetorische Figur von rechtspopulistischen Politiker*innen ist wohl diese: Erst wird mit einer doppeldeutigen oder entkontextualisierten Aussage provoziert. Beispiel: Björn Höckes Rede über die Erinnerungskultur. "Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat." Wie von ihm vermutlich erwartet, reagieren manche Medienvertreter heftig auf die Äußerung. Höcke rudert zurück, mit einer Geste der Selbstviktimisierung, deren Subtext ist: "Wieder hat die Lügenpresse mich falsch verstanden. Dabei habe ich es doch gar nicht so gemeint." So hat er sich gleich noch mal mehr Raum genommen, um die ganze unterdrückte Wahrheit märtyrerhaft ans Licht zu holen.