Sind Sie in Köln verloren gegangen und fragen einen Passanten nach dem Weg, freut der sich in der Regel sehr: "Jaaaah, der Brüsseler Platz, warten Sie mal, doch, der muss da hinten links … neee, warten Sie mal, da vorne rechts und dann … neee, warten Sie mal …" In der Regel wird er eine weitere ahnungslose Person heranwinken: "Hören Sie mal, die junge Frau sucht den Brüsseler Platz …" Die wird sich ihrerseits Verstärkung bei einem weiteren, äußerst vermutungsbereiten Nicht-Wissenden suchen. So geht es munter weiter, bis sich eine fröhliche Gruppe versammelt hat und Vorschläge macht, die Ihnen allesamt nicht weiterhelfen. Aber hey – man hat miteinander geredet und überhaupt, der Weg ist das Ziel und ansonsten: Alles Gute, bis zum nächsten Mal!

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Dagmar Morath

Wenn das Internet ein Mensch wäre, dann tränke, dächte und spräche es Kölsch: Viel Mühe gegeben, aber am Ende ein bisschen dünn. Wir in der Welt Verlorengegangenen glauben jedoch fest daran, dass dünn mal dünn irgendwie doch was Dickes ergeben könnte. Dass die Summe aller Leerformeln eine Wegbeschreibung ergäbe, die uns an einen guten Platz führte. Dass all die Postings, Blogeinträge und Kommentare, die Geschriebenen wie die Gelesenen, am Ende doch … ja was eigentlich? Sinn ergeben, Heimat bauen. An welchem Ende aber genau? Das Internet stirbt ja nicht und wenn doch, dann jede Minute ein so verschwindend kleines bisschen, dass der Abstand zu seinem endgültigen Aus sich entlang der Weiten des Universums und dessen Unendlichkeit bemisst.   

Worte und Sätze jedoch enden. Mit einem Leerzeichen die einen, mit einem Punkt die anderen. Alles, was wir zu sagen haben, endet mit einem Punkt, der die Leere nach unseren Worten abbindet. "Nun machen Sie aber mal einen Punkt!" Diesen Satz sagt eigentlich kaum noch jemand. Weil wir ja gar nicht aufhören sollen, sondern bloß innehalten, damit der andere uns seine Worte zwischen die Leerstellen schieben und seinen Punkt dahinter machen kann: "Lassen Sie mich bitte ausreden, ich habe Sie auch ausreden lassen." Wie das strapazierte Karl-Valentin-Bonmot, demzufolge alles gesagt sei, aber noch nicht von allen, unterstellt auch die Talkshow-Floskel vom Doch-bitte-mal-ausreden-lassen, dass man mit dem Sprechen einmal fertig werden könne. Eben weil "alles" gesagt sei oder man "ausgeredet" habe.

Es ist ja nie genug gesagt

Das verkennt den Sprachkapitalismus als Kommunikativsystem, in dem wir leben. Das Wesen dieses Kapitalismus – wie übrigens jedes anderen auch – wird durch die Abwesenheit eines Konzeptes von "genug" bestimmt. Das Sprechen erzeugt den Gesprächsbedarf, der sich mit dem nur scheinbar abschließenden Satz "Gut, dass wir drüber gesprochen haben" seiner selbst vergewissert. Weil es so gut war, muss und wird man es wieder tun: All das loswerden, was man ohnehin nie gebraucht hat.

Das Universum, das ja nicht nur unendlich ist, sondern bei dem man auch so allerhand bestellen kann, was Amazon nicht liefert, gibt bekanntlich keine Materie verloren. Was also passiert mit all den Worten, die wir losgeworden sind? Die wir entsorgt haben wie defekte Kühlschränke am Waldrand, die wir ausgesetzt haben wie Hunde an den Leitplanken der Autobahnen Richtung Ferienziel? Sie jaulen derart laut und herzzerreißend, dass wir ihnen – kommentierend, analysierend, belehrend – neue Gefährten an die Seite sprechen, bis wir selbst zu jaulenden Tieren werden, die sich Gehör zu verschaffen suchen, während demnächst womöglich selbstfahrende Fahrzeuge so stoisch wie ziellos an uns vorbeiziehen. Weil es kein Ziel mehr gibt außer jenem, dem Moment zu entrinnen, in dem das letzte Wort gesprochen sein wird. Denn, frei nach Fassbinder: Schweigen kann ich, wenn ich tot bin.

Schweigen ist out. Denn erstens ist Schweigen eine Vorkriegstugend: vor dem Weltkrieg, dem Generationenkrieg, dem Geschlechterkrieg. Und zweitens ist Schweigen eine Männertugend, und Männer sind ja auch irgendwie out. Der Western ist ihr Genre gewordenes Schweigen. Wortlos durch die Weite und die Hitze reiten, die Hand nach dem glühenden Colt tastend, einem stummen Plan folgend, demzufolge etwa Widersacher ihrerseits zum Schweigen zu bringen sind. Das waren die Zeiten, in denen Schweigen Gold war. Doch der Goldpreis ist äußerst volatil.

Das Schweigen der Männer – der Großväter, Väter, Ehemänner – ist seit Langem in Verruf geraten. Spätestens seit den 68er-Jahren steht es nicht mehr für Souveränität und Autonomie, sondern für Verschweigen von Schuld und Verweigern von Augenhöhe, von Gefühlen, von Dialog. Überlebt hat es allenfalls in Form von Hochleistungsschweigen im Rahmen teuer bezahlter Klosteraufenthalte. Die legitimieren, analog zu den Fastenkliniken, das Primat dessen, dem sie sich versagen: Essen muss man, reden muss man, und leisten können muss man es sich, das befristet zu unterlaufen.