"Man hat uns vergessen dort, Anfang der Neunzigerjahre", singt der Rapper Trettmann am 3. September 2018 in seiner Heimatstadt Chemnitz vor 65.000 Leuten. Wie jung das Publikum ist.

"Grauer Beton, rauer Jargon."

Ich bin in der Platte aufgewachsen, ein Kind der Chemie, wie es damals gern hieß, in Halle-Neustadt, einer Stadt mit fast 100.000 Einwohnern, wo es keine Straßennamen gab, sondern Blocks, Wohnscheiben und Nummern. "Man hätte es besser abreißen sollen", sagte mir kürzlich ein Hallenser meiner Generation. Nö, dachte ich, etwas sträubte sich in mir ganz heftig. Mein Leben abreißen?

Fast 18 Jahre im Block 324/1, Wohnung mit Durchreiche, Schrankwand, im dritten Stock der Müllschlucker, unten die Keller, die auch als Hobbyräume genutzt wurden. Ballspiele an Bordsteinkanten und Häuserwänden, Schlittschuhlaufen in der Eissporthalle, abends Handball. Nach dem Training stand ich mit meiner Freundin im Dunkeln vorm Block und lauschte ihren Jungsgeschichten. Die meisten aus meiner Clique machten Kunst, Herman van Veen war unser musikalischer Held, 1987 fuhr ich zu seinem Konzert nach Karl-Marx-Stadt. Meine Freundin Mechthild las irgendwann nur noch Bücher über Judenvernichtung, ich hatte Angst, dass sie verrückt wird. Angesichts der deutschen Verbrechen in Auschwitz und ganz Europa arbeiteten wir im Freundeskreis schließlich alle einen riesigen Schuldkomplex ab. Nach der zehnten Klasse mussten wir in ein "Lager für Arbeit und Erholung" nach Polen, in dem wir uns ziemlich gut erholten, aber die Exkursion in Auschwitz hielt ich emotional nicht durch.

"Auf und davon, nicht noch eine Saison."

Meine Mutter hatte sich 1991 auf in den Westen gemacht, einen Professor geheiratet und soziale Sicherheit gefunden. Meine kleine Schwester musste mit und ging dort aufs Gymnasium, als einzige Ostdeutsche: "Scheiß Erfahrung", sagt sie heute.

Elke Bredereck, geboren 1971 in Halle an der Saale, hat in Berlin und Moskau studiert. Sie war DAAD-Lektorin in Odessa, unterrichtet Deutsch in Berlin und ist als Reiseleiterin im Kaukasus, in der Ukraine, Litauen und St. Petersburg unterwegs. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Meine Mutter pendelte weiter an die Uni in Halle, wo sie als Didaktikerin Englischlehrer*innen ausbildete. Noch heute packt sie Wut, wenn sie an die Neunzigerjahre zurückdenkt. Man hatte ihr eine Westprofessorin vor die Nase gesetzt, die mit Arroganz und Selbstherrlichkeit Mitarbeiterinnen schikanierte. "Ich bin nicht auf der Schleimspur gekrochen, aber die meisten hatten Angst und haben nicht aufgemuckt. Ich fühlte mich hilflos und habe dreimal gegen Abmahnungen prozessiert. Bei den Medizinern war es noch schlimmer, einige haben sich das Leben genommen." Meine Mutter konnte in einen anderen Fachbereich wechseln, das hat sie gerettet und ihre Würde etwas wiederhergestellt. Als mein Vater 1994 in Buna, wo zu DDR-Zeiten etwa 18.000 Menschen arbeiteten, von der Forschung ins Marketing wechselte, waren noch rund 3.000 übrig. "Vielen Ostdeutschen hat es an Selbstachtung und Selbstbewusstsein gefehlt", sagt er heute im Rückblick.

"Freiheit gewonnen, wieder zerronnen."

Ich suchte mein Glück in Berlin, an der Humboldt-Universität. Unter Tausend Germanistikstudierenden bekam ich meinen Mund nicht auf und hatte Minderwertigkeitsgefühle. Der Kapitalismus kam mir feindlich vor, und ich klaute bei Kaiser's Lebensmittel. Nach dem Studium fühlte ich mich weiter als Loserin, obwohl oder weil ausgerechnet ich ein Stipendium im Stiftungskolleg für Internationale Aufgaben bekommen hatte. Alle um mich herum erschienen karrierebewusster und weniger tollpatschig, ich konnte nicht gut Englisch und kann es bis heute nicht, auch hatte ich keine Ahnung von den Institutionen. Ich wählte ein jüdisches Thema, denn das Schuldgefühl war noch da, ich ging nach Russland, um dort jüdisches Leben kennenzulernen.

"Lieber schnell leben, ruhelos, statt Abstellgleis, kein Zielbahnhof."

Worauf ich hinauswill mit meinen Erinnerungen?

Dass mich der Osten nicht loslässt.

Warum ist der Film Gundermann von Andreas Dresen so erfolgreich, vor allem im Osten? Gestern sprach mich morgens in der S-Bahn meine Sitznachbarin an, während ich ins Handy meine Filmeindrücke als Sprachnachricht einspeiste. Auch ihr hätte der Film richtig gut gefallen. Wow. Es ist wie eine späte Genugtuung, einen zerrissenen Helden aus dem Osten auf der Leinwand zu sehen. "Ich finde Idealisten interessant, Träumer auch. Ihnen kann ich auch viel mehr verzeihen. Es gibt zu wenig von ihnen. Sie haben bei mir den Traumbonus", sagt mein Freund Stephan.

Im Februar versuchte ich, Freunden in Stuttgart zu erklären, warum die Diskussion um die Volksbühne so große Emotionen in Berlin ausgelöst hat. Ich redete mich um Kopf und Kragen, führte "ostdeutsche Identität" an, aber es bleibt irrational, warum Castorf, dem Ensemble, dieser Art von Theater und Kapitalismuskritik so stark nachgetrauert wird.

"Das Gefühl der Entwertung, der Verlust der Würde, die vielleicht ganz einfach darauf gründete, dass man fünf Tage die Woche in seiner Brigade mehr oder weniger enthusiastisch den Produktionsplan erfüllte, vereint im Arbeitsfrust wie im Feiern danach", schreibt meine Freundin Ulla, die in Chemnitz aufgewachsen ist.

"Die Leute wurden nicht aufgefangen und nicht abgeholt", sagt meine Freundin Elisa, die in Teterow aufgewachsen ist. Ihre Mutter arbeitete als Bibliothekarin, stellte die Fahrbücherei zusammen, die 48 Dörfer mit Büchern versorgte und vor zehn Jahren ersatzlos eingestellt wurde.

Jeder ist seines Glückes Schmied und muss "den Arsch hochkriegen", sagt Birgit, meine älteste Freundin, die in Halle geblieben ist.