Zu den kollektiven Selbsttäuschungen des demokratischen Citoyens gehört es, sich immer auf den Sachgehalt seiner Argumente und Ansichten zu berufen. Dabei wissen wir alle, dass wir die meisten Dinge in ihrer sachlichen Komplexität und Uneindeutigkeit eh nicht überreißen und es in Wahrheit politische Gefühle sind, die unseren Meinungsbildungsprozess kanalisieren. Zur Verantwortung der Politik gehört deshalb ein umsichtiges Gefühlsmanagement. Man sollte nie Erwartungen wecken, die man nachher nicht befriedigen kann.

Das ist im Fall Maaßen gründlich schiefgegangen. Die SPD hat die Erwartungen geweckt, sie könne den Koalitionspartner in die Schranken weisen, Maaßen in die Verbannung schicken und damit die Republik vor einem angeblichen AfD-Sympathisanten schützen. Diese Erwartung aber wäre nur um den Preis des Koalitionsbruchs zu befriedigen gewesen, und den wollte die SPD nicht zahlen.

Für die Öffentlichkeit ist es das Höchste der Gefühle, wenn Köpfe rollen. Das ist der vorgezogene innerweltliche Jüngste Tag. Nichts befriedigt mehr, als wenn einer seinen Hut nehmen muss. Das ist so eindeutig wie ein Schalter, den man umlegt: an, aus. Ganz anders Sachfragen, die sich nie eindeutig klären lassen, sondern die Eigenschaft haben, nur immer vielschichtiger zu werden, je länger man sie hin- und her wendet. Wenn aber einer gehen muss, dann hat er die Rechnung präsentiert bekommen, dann kann sich der Bürger befriedigt zurücklehnen und das Thema abhaken. Der Moment, in dem ein Kopf rollt, ist ein kathartischer, ein Ventil für unseren insgesamt angestauten Verdruss – über zu viel Uneindeutigkeit.

Bekommt dann aber der, der den Hut nehmen musste, in der logischen Sekunde einen viel größeren Hut aufgesetzt, hängt unser Gefühlshaushalt komplett in der Luft. Das ist im Fall Maaßen passiert, der zwar nicht länger Chef des Verfassungsschutzes ist, aber dafür zwei Gehaltsklassen höher und zum Staatssekretär promoviert wurde.

Es ist wie ein Coitus interruptus: Man dachte, man stünde kurz vor der Erlösung, doch dann wird das Manöver auf halber Strecke abgeblasen.

Die Öffentlichkeit hatte sich auf ein Shootout, ein echtes Duell eingestellt: Entweder würde Maaßen gehen, dann wäre es eine Blamage für Seehofer, oder er bliebe, dann wäre es Seehofers Triumph. Tertium non datur, ein Drittes gibt es nicht – wie es sich für jede echte Krisensituation gehört. Das limbische System, das für das Emotionsmanagement unseres Gehirns zuständig ist, verlangt nach solchen Duellsituationen, denn sie stellen Eindeutigkeit her.

Keine Lösung für den Gefühlsstau

Doch dann passierte das Gegenteil von Eindeutigkeit, die Beteiligten fanden eine Lösung, die zu salomonisch für eine echte Affektentladung ist. Wer ist jetzt der Sieger, wer der Verlierer? Es lässt sich nicht sagen. So entsteht ein Gefühlsstau.

Ob eine Regierung Probleme löst, ist mit bloßem Auge immer schwer festzustellen. Ob sie hingegen den Gefühlsstau auflöst, das spürt jeder unmittelbar. Jetzt fühlen sich alle unbefriedigt. Aber was heißt das für die große Koalition, wenn sie nicht mehr für kathartische Gefühle sorgen kann?

So war es schon im Asyl-Streit zwischen Merkel und Seehofer gewesen, als Letzterer mit Koalitionsbruch gedroht hatte. Auch damals sah es nach einem großen Entweder-oder aus. Entweder Seehofer oder Merkel. Es kam anders, und selbst die schlausten Füchse unter den Politikbeobachtern konnten nicht mehr benennen, wer gewonnen hatte. Wie brennend sind eigentlich Sachfragen, wenn sich am Ende gar nicht sagen lässt, wer sich durchgesetzt hat?

In demokratisch ruhigen Zeiten könnte das ein gutes Zeichen sein: Man nennt es Kompromiss, wenn beide Seiten das Gesicht wahren. Aber so sind die Zeiten nicht. Der Kompromiss wird heute als äußeres Zeichen absoluter Verzweiflung gedeutet. Weil die Angst vor der AfD so groß ist, redet man einerseits, wie Martin Schulz, besonders laut, handelt aber besonders kleinlaut, weil es die AfD angeblich nur größer machen würde, wenn die große Koalition vorzeitig begraben würde. Doch wie ohnmächtig wirkt es, wenn es nur noch die Angst ist, die die Regierungsparteien zusammenhält?

Im Theater heißt es: Den König spielen die anderen. Man hat gerade den Eindruck, dass die demokratischen Parteien im Bundestag jede auf ihre Art alles dafür tun, damit die AfD mächtig wirkt.