Feministische Texte, Frauenblogs, YouTube-Kanäle, Magazinartikel stehen uns rund um die Uhr zur Verfügung, damit wir Frauen uns "stärken", damit wir die Welt in der neuen, metaweinsteingate-geprägten Ära besser verstehen können. Und in dieser Welt fragt eine Blogautorin allen Ernstes: "Wie nenne ich meine Periode?", eine andere teilt mir mit, was ich machen muss, wenn mein Partner mich nicht zum Orgasmus bringt: Es mir selbst machen. Danke. Über den Charakter einer Frau gibt es natürlich auch Bemerkenswertes zu berichten: Sie sei einfach zu emphatisch, zu verletzlich, weil ihr Herz für alles offen sei. Und wenn ich – in baldiger Zukunft – Fragen zum Stillen habe, kann ich auf die Erfahrung einer Autorin zurückgreifen, die als stillende Mutter "zum Volkseigentum" geworden sei, wie sie in einer Zeitschrift schreibt.

Christina Baniotopoulou geboren 1990 in Thessaloniki, Griechenland ist Psychologin. Sie lebt seit 2011 in Berlin. Gerade macht sie die psychotherapeutische Ausbildung. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Diese Phalanx an "Frauenthemen" ist natürlich perfekt in Zielgruppen unterteilt. Es gibt etwas für Mädchen in der Pubertät, für Zwanzigjährige, für Frauen, die die 30 gerade sanft überschritten haben, für die Fast-40-Jährigen und für all die verheirateten oder alleinerziehenden Mütter, ob sie nun berufstätig oder gerade in Elternzeit sind. Nicht zu vergessen: Es ist natürlich auch etwas dabei für die vegane oder dem Alkohol zugeneigte Frau im Moloch namens Großstadt – oder ganz profan: Schminktipps für das weibliche Geschlecht in, ja männerdominierten, Berufen. Daneben reihen sich unzählige "Storytimes", also Erfahrungsberichte von Frauen für Frauen über Frauen. Die Liste ist schier endlos.

Meine Geduld aber nicht. Mich interessiert die Erfahrung einer einzelnen Frau nur bedingt. Der Grund dafür ist einfach: Weil diese Texte zumeist langweilig sind. Und weil die Idee dahinter noch mehr Ennui erzeugt. Eine Frau zu sein, ist per se keine exzeptionelle Erfahrung. Eine Frau ist ein Mensch, der zufällig mit einer Vulva statt mit einem Penis geboren ist.

Es tut mir leid, meine Damen. Es reicht nicht, eine Frau zu sein. Diese Fragmentierung der weiblichen Erfahrung, wie wir sie in sozialen Medien, Blogs und Artikeln täglich vorfinden, beunruhigt mich. Es ist nicht per se verwerflich, permanent aus einer engen, kurzsichtigen Ich-Perspektive heraus zu erzählen (wie ich an dieser Stelle übrigens auch). Aber warum ist alles immer nur auf das Frausein reduziert? Wo bleibt der Rest der Identität der Autorinnen? 

Marcel Reich-Ranicki hat einmal sinngemäß gesagt, dass es in der Literatur nichts Langweiligeres gebe als eine – brav chronologisch heruntergebetete – Beschreibung einer Kindheit. Sie solle nur dann Teil der Autobiografie eines Autors werden, wenn sie von einem krassen Ereignis geprägt worden sei. Dies ist, wie ich finde, genau das Problem bei diesen modernen, autobiografischen Online(tage)büchern. Sie sind zum größten Teil einfach nur egozentrische, impressionistische Ansammlungen ereignisloser Momente im Leben von Frauen.

Dabei gibt es durchaus das Bedürfnis nach starken, weiblichen Stimmen in der Gesellschaft, nur viele darunter verhallen ungehört, weil das fremddefinierte, nach Publikum haschende Geschrei viel lauter ist. Dieser Sound schert sich nicht um eine Metaebene, gar um gedankliche Verknüpfungen mit dem ganzen Großen. Dieser Sound schlägt mir keine Alternative vor, er stärkt mich nicht. Er hypnotisiert mich nur wie die Sirenen den gefesselten Odysseus, wie der monotone Beat eines nonverbalen Technosongs. Und das, weil diese Stimmen mich nicht als Individuum, sondern als ein durch das Geschlecht definiertes Wesen betrachten und mich in eine Gruppe mit anderen Gleichgeschlechtlichen stecken.

Johanna Dohnal, die österreichische Politikerin und Feministin, beschrieb einmal ihre Sicht auf die Dinge wie folgt: "Die Vision des Feminismus ist nicht eine 'weibliche Zukunft'. Es ist eine menschliche Zukunft. […], ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn." Das bedeutet im Umkehrschluss: Die aktuelle von Weiblichkeitswahn geprägte Zersplitterung des Frauseins ist per Definition antifeministisch.

Außerdem scheint mir, dass dieses – aus dem berechtigten soziopolitischen Kampf um eine neue Interpretation des Begriffs Feminismus und seiner Bedeutung im 21. Jahrhundert entstandene – Phänomen eine eklatante Ähnlichkeit mit der Pubertät aufweist. Jener Phase nämlich, in der Mensch glaubt, eine jede noch so banale Erfahrung sei etwas ganz Außergewöhnliches. Das hat viel mit Narzissmus und Unsicherheit zu tun.

Die Pubertät – aus dem Lateinischen "pubertas" – bedeutet buchstäblich übersetzt Geschlechtsreife. Für diesen so nötigen Reifungsprozess brauchen wir aber mehr starke, weibliche Stimmen und keine enervierenden Sirenen, die uns immer wieder erzählen, was es bedeutet, eine Frau im Hier und Jetzt zu sein. Uns nur ständig daran zu erinnern, dass wir bloß Frauen sind, ist nicht genug.